«Dann wird es hart»

Trainer Zoltan Jordanov über den Medaillentraum von Giulia Steingruber im heutigen WM-Mehrkampffinal.

Trainer Zoltan Jordanov in Glasgow im Sprung-Training mit Giulia Steingruber. Foto: Werner Schreyer (EQ Images)

Trainer Zoltan Jordanov in Glasgow im Sprung-Training mit Giulia Steingruber. Foto: Werner Schreyer (EQ Images)

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Weit zurück geht der Blick, sehr weit, ins Jahr 1950. Damals hat zuletzt ein Schweizer Turner eine WM-Mehrkampfme­daille gewonnen, Walter Lehmann an der WM in Basel. Seither mag es 2009 durch ­Ariella Kaeslin eine Medaille an einem einzelnen Gerät gegeben ­haben, dem Sprung. Die Vorstellung von Edelmetall im Mehrkampf aber war fern der Realität.

Giulia Steingruber aber scheint alle Grenzen zu verschieben. Im April wurde sie als erste Schweizerin Mehrkampf-Europameisterin und an den Europaspielen Zweite. Nun greift sie auch das WM-Podest an. Zweite wurde sie in der Qualifikation vor fünf Tagen hinter der nahezu ­unschlagbaren Amerikanerin ­Simone ­Biles – trotz Sturz und Konkurrenz aus allen grossen Turnnationen. Und ihr Trainer Zoltan Jordanov glaubt, dass Steingruber im Final noch besser turnen wird.

Warum gewinnt Giulia Steingruber nun ihre erste WM-Medaille?
Nun, sie möchte eine gewinnen, das ist das Ziel. Ihr stehen alle Möglichkeiten offen, sie hat die Anlagen, das Potenzial und die nötigen Ausgangswerte. Ob es tatsächlich passiert? Wir werden sehen. Das kommt auf mehrere Faktoren an.

Auf welche?
Wettkampf ist Wettkampf. Ich bin aber überzeugt, dass sie ihren Teil des Jobs erledigen wird.

Weil sie Sie noch nie enttäuscht hat?
Sie ist erfahren, sie ist bereit, ihre Zuversicht ist gross. Die Unbekannte ist, wie die Gegnerinnen auftreten werden. Die Russinnen sind eine Gefahr, die Amerikanerinnen sowieso – und wir wissen nicht, wer sonst noch die Übung erschweren wird. Die Chinesinnen vielleicht? Dann wird es hart. Auch auf die Kanadierin Eli Black gilt es zu achten.

Was spricht für Steingruber?
Mit Boden und Sprung hat sie zwei Geräte mit sehr hohen Ausgangswerten. Auch am Balken ist sie stark, und wenn sie oben bleibt, hat sie eine Chance. Sie hat das Potenzial, 58 Punkte zu turnen.

Für 58 Punkte gab es in den vergangenen drei Weltmeisterschaften stets Edelmetall. Dass Steingruber einmal eine Medaillenkandidatin im WM-Mehrkampf sein könnte – hätten Sie das je gedacht?
(bestimmt) Ja, klar.

Ja, klar?
Natürlich, (lacht) diese Medaille visieren wir seit April an. Sie ist seit diesem Jahr die beste europäische Mehrkämpferin und kann darum auch unter den besten Mehrkämpferinnen der Welt sein.

Anders gefragt: Hätten Sie vor drei Jahren schon daran geglaubt?
Es kam schrittweise. Giulia hat sich im Lauf der Zeit von der Ein-Geräte-Spezialistin (Sprung) über die Zwei-Geräte-Spezialistin (Boden) zur kompletten Mehrkämpferin entwickelt, die sie jetzt ist.

Also hat Sie ihr zweiter Rang in der Qualifikation kein bisschen erstaunt?
In den Top 6 habe ich sie erwartet. Dass es gleich der zweite Platz sein würde, hat mich doch etwas überrascht. Vor ­allem, weil sie am Balken stürzte. Aber sie hat sicher davon profitiert, dass auch die Chinesinnen und Amerikanerinnen Fehler begingen, und dass Russland sich stärker auf die Einzelgeräte konzentrierte. Das wird im Final anders sein.

War der Auftritt in der Qualifikation ihre beste Leistung?
Im EM-Final war sie noch besser. Jetzt musste sie ja einmal vom Gerät.

Klar. Aber sie war nach diesem Sturz gezwungen, am Boden und beim Sprung zu brillieren, das Team hätte sonst die Olympiavorqualifikation nicht geschafft. Sie selbst wäre im Mehrkampf weiter hinten klassiert gewesen. Der Druck war riesig.
Sie ist es gewohnt, dass Druck auf ­ihren Schultern lastet. Stürze passieren und sind keine Tragödie. Balken ist Balken, das gehört zum Turnen.

Macht es Spass, Steingruber zu trainieren?
Manchmal ja, manchmal nein. (lacht) Es ist eine Herausforderung. Dass sie eine harte Arbeiterin ist, macht es einfacher.

Sehen Sie für sie ein Limit?
Jeder hat Grenzen, aber ich glaube, dass sie immer noch Möglichkeiten hat, sich zu steigern.

Viel?
Das werden wir sehen. Nach der WM ­gehen wir die neuen Elemente an. ­Momentan betreiben wir vor allem Finetuning.

Am Boden steht der Einbau des Doppelsaltos mit Doppelschraube an.
Zum Beispiel, ja. Für die WM war das kein Thema.

Auch in den Finals nicht? Sie könnte so ihr Notentotal noch steigern.
Nein, dieses Element ist noch nicht ­bereit. Vor allem nicht in Kombination mit ihren anderen Schwierigkeiten. Sie tut, was sie jetzt kann. Das soll sie aber so perfekt wie möglich tun.

Aber für 2016 soll es so weit sein?
Natürlich. Wir versuchen, das Element für den Olympia-Test­event im April hinzubekommen. Das gilt auch für den Sprung. Für den Moment ist es dort okay, 2016 brauchen wir etwas Neues.

Weil die Medaillenchancen im Sprungfinal am Samstag mit ihrem jetzigen Repertoire gering sind?
Es ist alles offen, auch hier muss erst geturnt werden. Aber sie hat drei sehr starke Springerinnen vor sich, deswegen wäre ich schon froh, sie würde die vierte Position behalten, die sie jetzt hat. Wenn diese drei Turnerinnen ihre Sprünge ­stehen, wird das Ranking leider mehr oder weniger so bleiben, wie es ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.10.2015, 16:27 Uhr

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Nach einem mässigen Auftakt mit Fehlern an den Ringen und einem Sturz am Sprung zeigten sich die Schweizer ab dem dritten Gerät, dem Barren, in Hochform. Am Reck brillierte Pablo Brägger mit der dritthöchsten Note, und nach zwei fehlerlosen Auftritten am Boden und Pauschen kämpfte sich das Team schliesslich an Südkorea und Brasilien vorbei.

Der 6. Platz war die Krönung einer hervorragenden WM der Schweizer Equipe, die viel für die Zukunft verspricht. Nur gut neun Punkte fehlte ihr auf Japan, das erstmals seit 1978 Team-Gold gewann. Nach einer klaren Führung schienen die Japaner diese am Schlussgerät Reck noch zu verspielen. Es drohte gar ein Drama, da ausgerechnet Superstar Kohei Uchimura stürzte, der sich nach fünf 2. Plätzen (OS 2008 und 2012, WM 2010/11 und 2014) nichts sehnlicher als Gold wünschte. Doch der Vorsprung reichte knapp, um die Briten auf Distanz zu halten. (wie)

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