Buhmann auf Erfolgskurs

Ben Roethlisberger ist einer der besten Quarterbacks im American Football. Aber keiner der beliebtesten.

Kämpft sich durch die gegnerischen Reihen: Quarterback Ben Roethlisberger.

Kämpft sich durch die gegnerischen Reihen: Quarterback Ben Roethlisberger.

(Bild: Keystone)

David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Wieder einmal war es nicht sein Spiel. Und doch konnte es ihm am Ende egal sein, denn wieder war er der Sieger: Ben Roethlisberger. Die Pittsburgh Steelers und ihr Quarterback erreichten dank eines 24:19-Sieges über die New York Jets die Superbowl. Am 6. Februar treffen sie in Arlington, Texas, auf Green Bay, das im anderen Halbfinal Chicago 21:14 schlug. Es ist die achte Finalteilnahme für das Traditionsteam aus der einstigen Stahlmetropole, womit es den Rekord der Dallas Cowboys einstellt. Und es winkt der bereits siebte Triumph: «Stairway to seven» lautete auf nfl.com die Schlagzeile.

Der erfolgreiche Ben

Bemerkenswert war das schon: Nur 10 von Roethlisbergers 19 Pässen waren gegen New York an den Mann gekommen. Lediglich 133 Yards weit hatte er den Ball geworfen, daraus resultierte nicht ein einziger Touchdown. Dafür leistete er sich zwei Fehlwürfe in die Arme eines Gegners. Er wurde in der eigenen Endzone umgestossen, und die Steelers blieben die gesamte zweite Halbzeit ohne Punkte.

Nicht zum ersten Mal zeigte sich: «Big Ben», der Spielmacher mit Vorfahren aus dem Emmental, macht ausgerechnet in entscheidenden Partien nicht immer die beste Figur. Dass er sie trotzdem gewinnt, spricht gleichwohl für ihn. Als er gegen New York der Schlussphase die Hektik nehmen musste, warf Roethlisberger zumindest einen genauen Pass und schaffte so das benötigte «first down». Damit kam der Gegner nicht mehr in Ballbesitz – das Spiel war auf einen Schlag zu Ende. «Wann immer von Ben ein wichtiger Spielzug gefragt ist, ist er erfolgreich», lobte deshalb Verteidiger Ryan Clark. Die Steelers lebten schon immer mehr vom Lauf- als vom Passspiel. Und mit einem selbst erlaufenen Touchdown leistete Roethlisberger in dieser Sparte seinen Beitrag.

Kein Schwiegermuttertraum

Das Problem von Roethlisberger ist sein Ruf, sind die Vergleiche mit seinen Berufskollegen: Er ist kein Tom Brady, der mit dem Supermodel Gisele Bündchen verheiratet und dadurch Teil der Glitzerwelt ist. Kein Peyton Manning, der Schwiegermuttertraum, und kein Eli Manning, der junge Bruder des Schwiegermuttertraums. Kein Drew Brees, der mit seinem Engagement in New Orleans eine ganze Metropolregion aus der Depression führte.

Roethlisberger dagegen ist der Mann, der 2006 einen Motorradunfall verursachte und dabei keinen Helm trug, der zweimal der sexuellen Belästigung beschuldigt und zu Beginn der laufenden Saison von der Liga für vier Spiele gesperrt wurde. Es fehlten zwar jegliche Beweise, aber er habe gegen den Verhaltenskodex verstossen, hiess es. Bald erging es ihm wie Michael Vick, dem unbeliebten Spielmacher der Philadelphia Eagles. In fremden Stadien war Roethlisberger der Buhmann. Wohlgemerkt: Vick hatte über Jahre Hunde zu Tode gequält und dafür 23 Monate im Gefängnis gesessen.

Der Massstab zur Unsterblichkeit

Unter diesen Vorzeichen wird zu gerne die Tatsache geleugnet: Von den noch aktiven Quarterbacks hat nur Tom Brady von den New England Patriots eine erfolgreichere Karriere hinter sich als der erst 28-jährige Roethlisberger. Natürlich bestritt Peyton Manning viel mehr Spiele und stellte für die Indianapolis Colts mehr individuelle Rekorde auf als Roethlisberger. Natürlich unterschrieb Eli Manning bei den New York Giants den besseren Vertrag als Roethlisberger in Pittsburgh, nachdem er im Draft des Jahres 2004 als Erster gezogen wurde und Roethlisberger als Elfter. Dafür hat Roethlisberger so viele Superbowl-Ringe gewonnen wie die Mannings zusammen: zwei.

Am 6. Februar greift er im modernen Cowboys-Stadion von Arlington in seinem dritten Final nach dem dritten Titel – Roethlisberger würde sich mit einem neuerlichen Triumph an die dritte Stelle in der ewigen Quarterback-Bestenliste hieven. Führend mit je vier Titeln sind die legendären Joe Montana und Terry Bradshaw. Letzterer hatte die Steelers mit vier Superbowl-Siegen zwischen 1975 und 1980 zur Dynastie gemacht. Er ist für Roethlisberger der Massstab zur Unsterblichkeit. Wenn schon nicht landesweit, dann zumindest in Pittsburgh.

Hinter der lebenden Legende

In Arlington trifft der 1,96 m lange und 110 kg schwere Brocken auf einen Gegner, der sich seinen Ruf auch erst hat erarbeiten müssen: den 27-jährigen Aaron Rodgers. Dieser stiess 2005 aus dem College zu den Green Bay Packers – zu einer Zeit, als in der Kleinstadt mit Brett Favre die lebende Klublegende unbestritten war. Erst nach 2008 setzten die Packers auf ihre Neuerwerbung, aber erst in dieser Saison vermochte Rodgers die grossen Erwartungen zu erfüllen: Nachdem Green Bay gerade noch den Einzug ins Playoff geschafft hatte, führte Rodgers sein Team nun zu drei Auswärtssiegen in Serie.

Tages-Anzeiger

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