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Auf Augenhöhe mit den Weltstädten

La Course de l’Escalade in Genf schreibt weiter Geschichte – in diesem Jahr mit fast 50'000 Laufenden.

Startnummer 60'069. Der Schreiber an der Startlinie. Nichts von Hektik, welche die Vorstart-Nervosität potenzieren würde. «Départ dans dix minutes», verkündet die Speakerin. Etliche der Kategorie Hommes 4 drehen Runden: locker trabend, die Muskulatur warm haltend bei dieser beissend kalten Bise. Dann ­etwas Dehnen in den fünf Startsektoren. Diese sind nach Leistungsniveau und persönlicher Einschätzung gebildet. Noch drei Minuten. Und die beruhigende Ansage: «Zwar geht es immer ­wieder hinauf und hinunter, links und rechts, aber alles facile, ganz einfach.»

Die Skepsis vor der Masse weicht schnell. Keine Staus, keine Rempeleien, sofort ein befreites Laufen. Schmerzende Beine, ein mit Höchstwerten pochendes Herz und Sauerstoffmangel ­treten kaum ins Bewusstsein. Die Begeisterung trägt: die dicht gedrängten Zuschauer, deren enthusiastische Anfeuerungsrufe, die Kinderhände zum Abklatschen, tanzende, jubelnde Menschen, Musikformationen von unterschiedlichsten Genres. Ein lokaler TV-Sender überträgt den ganzen Tag live.

Der Lauf als Stammtischthema

Was der Deutschschweizer pauschal als welschen Charme bezeichnet, verdient eine differenziertere Sichtweise. Olivier Petitjean, ein passionierter Läufer und Sport­journalist, sagt: «Für uns Genfer ist die Escalade mehr Fest denn Wettkampf, und das zeigt sich in der Stadt.» Schon in den Vorwochen ist die Escalade ­Gesprächsthema. Petitjean sagt: «Im Restaurant wird am Stammtisch von Leuten über die Escalade diskutiert, die mit Laufen kaum etwas am Hut haben.» Teil der Kultur sei dieser Event – «und ­eines der wenigen Ereignisse, bei dem kaum jemand abseitssteht». Das zeigt sich schon in der Vorbereitung und der Vorfreude. «Ab Anfang Oktober erkunden Hunderte zu jeder Tageszeit laufend die Strecke», so Petitjean. Zu dieser ­Euphorie passt das Rieseninteresse, welches die sonntäglichen, von geübten Läufern geleiteten Gratistrainings in den Vorortsgemeinden auslösen: Mehrere Tausend Läuferinnen und Läufer beteiligen sich jeweils. Umfassend integriert sind ebenso die Schulen.

Zum «Phänomen Escalade» zählt ­Michel Herren, Betreiber der Leichtathletik-Plattform Athle.ch, den geschicht­lichen Hintergrund. Die Escalade erinnert an den Angriff der ­Savoyer auf Genf im Jahr 1602. Die Städter schlugen diese zurück, indem sie – so die Legende – die Angreifer mit heisser Flüssigkeit aus Suppentöpfen übergossen. Jene Route wurde 2002 zum 400-Jahr-Jubiläum mit einem weiteren Wettkampfformat integriert. Von Reignier in Frankreich startet die Escalade bereits am Freitagabend. Course du Duc heisst das Rennen, das nur alle fünf Jahre ausgetragen wird. «Diese Läuferinnen und Läufer dürfen einlaufen in Genf», streicht Herren den Unterschied zu damals heraus. 7000 taten das diesmal, wie auch 10 000 Walker, die vom Grenzort Veyrier ins Zentrum zogen.

31 Kategorien folgten am Samstag von morgens um 9 bis abends gegen 21 Uhr. Sie werden zusätzlich nach Leistungs­vermögen gesplittet – des ­ungehinderten Laufens wegen. Von den gut 51 000 Eingeschriebenen über ­Distanzen von 1,7 bis 19,5 Kilo­meter klassierten sich 43'914 – das ist ein deutlicher ­Rekord und ein in der Schweiz nicht ­annähernd erreichter Wert. Und es sind Zahlen, die dem internationalen Vergleich standhalten: Genf, die Stadt mit rund 250'000 Einwohnern, auf Augenhöhe mit den Weltmetropolen New York, Chicago, London, Paris, Berlin, Tokio und ihren legendären Marathons.

Wanders allen voraus

Von dieser Ausnahmestellung lassen sich auch die Besten inspirieren – allen voran jene mit heimatlichen Gefühlen. Auf ­Julien Wanders traf dies in diesem Jahr besonders zu. Der 21-jährige Genfer, zuletzt schon bei den Vorweihnachtsläufen in Bulle und Basel der Schnellste, siegte erstmals und sprach von «einem Meilenstein: zu Hause zu ­gewinnen, in dem Rennen, von dem jeder spricht». Vorgänger Tadesse Abraham, der Schweizer Halbmarathon-Europameister und Olympiasiebte im Marathon, erlebte das Spektakel auf andere Art: Gesundheitlich angeschlagen und kraftlos widersetzte er sich zwar der Vernunft und lief trotzdem – aber auf den frustrierenden siebten Rang. «Sie riefen überall ‹allez, Tade, allez›, da konnte ich nicht aussteigen.»

Und Fabienne Schlumpf, die Steeple-Rekordhalterin und Olympiafinalistin, sagte nach ihrer Escalade-Premiere: ­«Sensationell, wie du hier hügelauf, ­hügelab, um die Ecken und über die ­Pflastersteine vom Publikum und all dem Drum-und-Dran vorwärtsgetrieben wirst.» In ihrem Fall auf den vierten Rang.

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