Vom Obdachlosen zum NFL-Star

Als Jugendlicher lebte Efe Obada in London auf der Strasse. Jetzt hat er einen Platz in der knochenharten NFL ergattert. Die schönste Geschichte seit Aschenputtel. 

Wundersam aufgestiegen bis zu den Carolina Panthers: Efe Obada, ein Kämpfer, seit er ein Kind war. Foto: Don Wright (Keystone)

Wundersam aufgestiegen bis zu den Carolina Panthers: Efe Obada, ein Kämpfer, seit er ein Kind war. Foto: Don Wright (Keystone)

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Schon den ganzen Tag über schielte er auf sein Handy. Strich später unsicher durch das Stadion. Kam zur Kabine, setzte sich vor seinen Spind und wartete darauf, dass ihn jemand ansprach. «Sehr, sehr ängstlich», so sagt er es selbst. Es war Samstag, der Tag, an dem in der National Football League (NFL) die Kader für die bevorstehende Saison benannt wurden und die Teams reihum ihre überzähligen Spieler entliessen. Efe Obada aber wartete vergebens: Da war keiner, der ihn fortschickte. Fassungslos klopfte er im Büro seines Trainers an und fragte: «Ist es wirklich wahr?»

Es ist wahr: Efe Obada hat einen der begehrten Plätze in der NFL ergattert und wird diesen Sonntag auf dem Platz stehen, wenn seine Carolina Panthers zum Saisonstart die berühmten Dallas Cowboys empfangen. Seit Aschenputtel sind wenig schönere Geschichten geschrieben worden als diese.

Vom Schlepper verlassen

Geboren wird Obada 1992 in ­Nigeria, die ersten Jahre seines Lebens verbringt er in Holland. Nach London kommt er zusammen mit seiner Schwester, nachdem ein Menschenhändler seiner Mutter ein besseres Leben für ihre Kinder versprochen hat. Doch in England angekommen, lässt der Schlepper die beiden sitzen, sie leben auf der Strasse. Eine siebenköpfige Familie kümmert sich um die beiden, aber sie haust selbst in ärmlichen Verhältnissen in Croydon im Süden Londons. Das Sozialamt schickt die Kinder von Pflegefamilie zu Pflegefamilie. Obada ist 10, und ein Sport namens American Football ist ihm unbekannt und daher auch völlig egal.

Vor etwas mehr als vier Jahren, Obada ist jetzt 22 und arbeitet als Wachmann in einer Fabrik, nimmt ihn ein Freund mit zum Training der London Warriors, einem Team aus der höchsten englischen Footballliga. Der kräftige Obada wird in der Offense und Defense eingesetzt und überzeugt seinen Trainer in nur vier Spielen so, dass er ihn den Dallas Cowboys empfiehlt, bei denen er einst ein Praktikum absolviert hat. Als die Cowboys im Herbst 2014 für ein Spiel nach London kommen, laden sie Obada zum Probetraining ein und nehmen ihn danach in ihre Trainingsgruppe auf. Spieler in dieser «practice squad» nehmen am regulären Betrieb teil, dürfen aber nicht in Spielen eingesetzt werden und erhalten deutlich weniger Lohn als ihre Kollegen im fixen Kader.

Ein Jahr darf Obada bei den Cowboys bleiben, danach wird er zum «journeyman». Er kommt für zwei Monate bei Kansas City unter und für 31 Tage in Atlanta, ehe ihn die NFL im Frühling 2017 den Carolina Panthers als Teil eines internationalen Förder­programms vermittelt.

Erinnerung an Michael Oher

Beim Team aus Charlotte kreuzt sich sein Weg mit jenem von ­Michael Oher, dessen Leben einst im viel beachteten Film «The Blind Side» porträtiert wurde und jenem Obadas ähnelt. Auch Oher ist von bedürftiger Herkunft, wird aber von einer reichen, weissen Familie adoptiert und gefördert und schliesslich in der NFL zum Superbowl-Champion und Millionär. Schauspielerin Sandra Bullock erhält für ihre Rolle einen Oscar, Oher dagegen erlebt kein Happy End. Er muss seine Karriere 2017 nach einer schweren Gehirnerschütterung bei den Panthers beenden.

Für Efe Obada beginnt da die lange Reise erst. Ein Jahr lang muss er auch in Charlotte durch die Knochenmühle «practice squad», und auch für 2018 rechnet er sich zunächst kaum Chancen aus, seinen Status grund­legend zu verbessern, es gar in das 53-Mann-Kader zu schaffen. In drei der vier Vorbereitungsspiele kam er zwar zum Einsatz, aber die grosse Jagd auf den gegnerischen Quarterback, seine Kernaufgabe als «defensive end», blieb noch aus.

«Ich weiss, dass das erst der Anfang ist und es ein steiler Weg ist, meine Position zu behalten.»

Panthers-Trainer Ron Rivera hat allerdings andere Pläne mit dem Kraftprotz und überraschte ihn nun mit einem Aufgebot für die Saison. «Er trainiert mit 100 Meilen pro Stunde», lobt er. Obada bedankt sich auf Twitter für die Gelegenheit und sagt: «Ich weiss, dass das erst der Anfang ist und es ein steiler Weg ist, meine Position zu behalten. Aber nur schon sie erreicht zu haben, ist gewaltig.» Der Gesamtarbeitsvertrag in der NFL erlaubt es den Teams, Spieler jederzeit zu entlassen.

Daheim in London Croydon ist Obada derzeit der Mann der Stunde. Auf Twitter erreichen ihn laufend Nachrichten früherer Freunde, die er fast alle beantwortet. Auf ITV freut sich Jeff Brown, sein einstiger Trainer bei den Warriors: «Seine schwierige Jugend hat seinen Charaktergestärkt. Er hat nichts im Leben geschenkt bekommen – auch diesen Platz bei den Panthers nicht.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2018, 23:48 Uhr

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