Wieder auf der Matte

Nach einjähriger Pause kehrt Giulia Steingruber auf die Turnfläche zurück. Mit gemischten Gefühlen.

2017 bezeichnet sie als «Probierjahr»: Giulia Steingruber (23). Foto: Reto Oeschger

2017 bezeichnet sie als «Probierjahr»: Giulia Steingruber (23). Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Zoo war sie, um ein Savannenhaus zu eröffnen. Sie glänzte im Paartanz im Fernsehen. Schrieb dazwischen natürlich unzählige Autogramme oder überreichte Preise. Und wurde zur Markenbotschafterin eines Kaffeerösters.

Sehr vielfältig war das Programm für Giulia Steingruber in den gut 365 Tagen seit ihrer Bronzemedaille an den Olympischen Spielen also. Nur als Turnerin machte die beste Turnerin des Landes vorübergehend keine Schlagzeilen.

Das ändert sich jetzt wieder. Nach einjähriger Wettkampfpause kehrt die 23-Jährige am Samstag an den Schweizer Meisterschaften in Morges VD zurück auf die Turnfläche. Steingruber hat eine ­Verschnaufpause nach ihrem Coup bei Olympia hinter sich, eine mehrwöchige Reise auf die andere Seite der Welt, vor allem aber die Operation ihres rechten Fusses. Eine Generalüberholung des Sprunggelenks war nötig geworden. Dieser folgte ein langwieriger Wiederaufbau, der noch längst nicht abgeschlossen ist. Trotzdem will sie am Genfersee ihr Comeback geben und Wettkampfpraxis sammeln für die WM in Montreal ­Anfang Oktober. «Um in den Rhythmus zu kommen», erklärt sie. Auch an den Schweizer Mannschaftsmeisterschaften Mitte September in Bülach wird sie starten.

Ihr schwierigstes Repertoire wird sie dabei nicht zeigen können. Verglichen mit den Auftritten in Rio, sei sie derzeit bei 75 Prozent, glaubt sie selbst. Nach reibungsloser Rehabilitation trainiert Steingruber seit sechs ­Wochen voll, ­gerade an ihren besten ­Geräten Sprung und Boden ist sie aber noch nicht so weit: Am Boden musste sie am längsten pausieren – entsprechend ist dort ihr Rückstand am grössten. Am Sprung sitzt der Tschussowitina bereits wieder; ihr zweiter Sprung braucht aber noch Übung. Bevor sie sich im Juli in die ­Sommerferien verabschiedete, hatte sie Bedenken, ob es tatsächlich für die WM reichen könnte.

«Ich habe sehr viel verpasst»

Diese Angst hat sie inzwischen wegtrainiert. Und: Noch bleiben vier weitere Wochen bis zu den Titelkämpfen in Kanada. Steingruber spürt die Fortschritte täglich, ihr Vertrauen in den Fuss kehrt nach und nach zurück, und sie fühlt: «Er ist viel stabiler und kippt weniger ab und gibt mir Sicherheit, die Feinmotorik ist besser.» Trotzdem fehlt es noch an Selbstverständlichkeit, die volle Belastung auf sich nehmen zu können. Der neue Nationaltrainer Fabien Martin ­beschreibt plakativ: «Es ist für sie noch ein wenig wie der Gang über rohe Eier.»

Sie erklärt: «Ein Jahr ohne Wettkampf ist für eine Turnerin eine sehr lange Zeit. Ich habe sehr viel verpasst.» Im Anschluss an die Olympischen Spiele wurde – wie im internationalen Turnsport üblich – der Wertungscode angepasst. Das bedeutet, dass eine Übung plötzlich weniger zählen kann oder dass eine Turnerin gezwungen ist, sie anzupassen. So muss Steingruber neu am Boden einen Vorwärtssalto einbauen. Die Veränderung der Ausgangsnoten lässt sich zwar simulieren, wirkliche Erkenntnisse bringen jedoch erst Auftritte vor Kampfrichtern.

So ist aus mancherlei Hinsicht verständlich, dass Steingruber das Jahr 2017 als «Probierjahr» bezeichnet. ­Natürlich setze sie sich Ziele für die WM, konkret den Mehrkampf- und einen ­Gerätefinal – «aber wirklich angreifen will ich 2018 wieder», sagt sie. Und plant für dannzumal gleichzeitig Veränderungen in ihrem Alltag: Weil Steingruber die ­Matur, begonnen im Fernstudium, in zwei Jahren abgeschlossen haben möchte, wird sie ab 2018 an zwei Tagen pro Woche in Zürich zur Schule gehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2017, 23:41 Uhr

Giulia Steingruber und ihre Verletzungen vor Weltmeisterschaften


2011
Der Fuss

Nachdem sie als erst 17-Jährige im Frühling ihren ersten EM-Final bestritten hat, zieht sie sich Anfang Sommer einen Bänderriss im Sprunggelenk zu. Vor der WM in Tokio nehmen zudem Rückenschmerzen überhand, ausserdem übertritt sie sich vor ihrem ersten WM-Sprungfinal schmerzhaft und erleidet eine leichte Fersenprellung. Das Ergebnis ist trotzdem ansprechend im vorolympischen Jahr: Nur um 0,216 Punkte verpasst sie die Medaille.



2013
Die Ausnahme

Innert drei Wochen lernt sie einen neuen zweiten Sprung zum Tschussowitina. Die Vorbereitung auf die WM in Antwerpen klappt, keine Verletzung kommt ihr dazwischen. Und an den Titelkämpfen in Belgien gelingt ihr der neue Sprung – mit einer Doppelschraube gar – so schön, dass die Medaille greifbar wird. Am Ende aber fehlt ihr bloss ein Viertelpunkt. Vielleicht entscheidend: Als Start-Turnerin im Sprungfinal wird sie vom Kampfgericht etwas gar streng benotet.



2014
Die Blockade

Der Worst Case für jeden Turner: Nach den Sommerferien verliert sie das Vertrauen in ihren Körper und das Gespür dafür, Schrauben zu drehen. «Es war ein koordinatives Problem. Ich wusste während der Bewegung plötzlich nicht mehr, wo oben und ­unten war», sagt sie dem TA. Mit Grundlagentraining versucht sie, die Blockade zu lösen. Es reicht nicht: Die WM in Nanning wird zu einer Enttäuschung. Am Sprung erreicht sie den 5. Platz, im Mehrkampf Rang 15.



2015
Der Rücken

Bei einem Sturz vom Stufenbarren in die Schnitzelgrube erleidet sie eine Rückenverletzung, die sie zu einer dreiwöchigen Trainingspause an den Geräten zwingt. Sie verliert wertvolle Zeit hinsichtlich der WM in Glasgow. Im Mehrkampf verpasst sie das Podest knapp, am Sprung stürzt sie und wird nur Siebte. Sie sagt: «Dabei war ich in ­guter Form. Das nervt mich.»
David Wiederkehr

(Tages-Anzeiger)

Artikel zum Thema

Und plötzlich bis 2020

Video Den Kopf gelüftet, den Fuss repariert – Giulia Steingruber ist wieder da. Und verlängert ihre Karriere weiter. Mehr...

«Es braucht manchmal eben einen Tritt in den Hintern»

Interview Die 20-jährige Giulia Steingruber bezahlte für den schnellen Erfolg, ihr Körper rebellierte gegen Stress und Belastung. Vor der WM in Nanning (China) erforderte dies Massnahmen. Mehr...

Das ist Steingrubers neuer Sprung

Video Mit einer Weltneuheit will die Kunstturnerin in Rio eine Olympiamedaille gewinnen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Bis zu 20 Prozent Krankenkassenprämie sparen

Mit dem neuen Grundversicherungsmodell KPTwin.easy sparen Sie bis zu 20 Prozent Prämie und eine Menge Zeit.

Kommentare

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Hauslieferung: Der Weihnachtsbaum wird direkt zur First Lady Melania Trump und ihrem Sohn Barron Trump ins Weisse Haus geliefert. (20.November 2017)
(Bild: Carlos Barria) Mehr...