Wenn die Turnerin zur Katze wird

Wie viel Schminke ist im Kunstturnen erlaubt? Der internationale Verband musste gar ein Machtwort sprechen. Es gefällt nicht allen.

Celine Van Gerner: Ihr Auftritt wurde kontrovers diskutiert. Bild: Imago

Celine Van Gerner: Ihr Auftritt wurde kontrovers diskutiert. Bild: Imago

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie stolzierte auf die Bühne und fuhr die Krallen aus. Wie eine Katze sah sie aus mit dem dicken Make-up um die Augen und den Streifen im Gesicht, katzenhaft auch die Choreografie ihres Auftritts. Aus den Boxen klang «The Jellicle Ball», eines der berühmten Stücke aus dem Musical «Cats», und natürlich war all das kein Zufall. Sondern ein durch und durch komponierter Auftritt.

Die Bühne war aber kein Musicaltheater in London oder Hamburg, sondern der Bodenfinal der Kunstturn-EM in Glasgow. Und die, die auftrat, war keine Künstlerin, sondern die holländische Turnerin Celine van Gerner. Zusätzlich zum Applaus wollte sie eine Medaille. Ihre Übung war faszinierend und beeindruckte die Konkurrenz, das Publikum und die Kampfrichter, Van Gerner verpasste das Podest trotzdem knapp. Mit ihrem Auftritt löste die 24-Jährige eine Kontroverse aus zwischen zwei Lagern. Den einen ging die Extravaganz zu weit, die anderen waren froh um eine Abwechslung. «Mir ist es egal, dass ihre Übung nicht so schwierig ist wie die von anderen. Es war schön zu sehen, dass einmal jemand richtig tanzt», schrieb einer auf Youtube.

Die Kür von Celine Van Gerner an der EM in Glasgow.

Nur: Kunstturnen ist kein Tanz, sondern Hochleistungssport. Deshalb störte sich Giulia Steingruber am Auftritt der Holländerin, mit der sie befreundet ist. «An internationalen Titelkämpfen ist Seriosität gefragt», findet sie. Ihre Teamkollegin Ilaria Käslin ergänzt: «Mit Kunstturnen hat das nichts zu tun, es war eher Zirkus.» Bei Show-Events wie etwa dem Swiss-Cup vom Sonntag im Hallenstadion dagegen wäre so viel Make-up durchaus vorstellbar.

Der Internationale Turnverband (FIG) sah das ähnlich und sprach kürzlich ein Machtwort: Künftig ist es Turnerinnen verboten, das Gesicht zu bemalen. Wörtlich hiess es: «Schminke muss massvoll eingesetzt werden und darf keinem Wesen nachempfunden sein (Tier oder Mensch).»

Das Verbot sorgte für Heiterkeit und Unverständnis. Celine van Gerner selbst schrieb auf Twitter: «Ich fühle mich geehrt, die erste, letzte und einzige zu sein, die sich so auf die Bühne wagte.» Der bekannte US-Talkmaster Stephen Colbert nahm den Entscheid in seiner Show aufs Korn und fragte, ob es wenigstens noch erlaubt sei, Turnen mit bemaltem Gesicht zu schauen.

In der Szene selbst stösst das Verbot dagegen grösstenteils auf Zustimmung. «Es geht beim Tur-nen um die Performance und nicht um das Aussehen», sagt Steingruber, deshalb sei der Entscheid korrekt. Käslin findet: «Natürlich ist es wichtig, das Publikum und Kampfgericht auf deine Seite zu ziehen. Aber so ist es übertrieben.»

«Sonst artet es aus»

Dieser Meinung ist auch Christine Frauenknecht. Die Ostschweizerin war an der EM Kampfrichterin im Bodenfinal und erlebte Van Gerners Auftritt aus nächster Nähe. Es habe ihr gefallen, sagt Frauenknecht, eine bessere oder schlechtere Note habe Van Gerner aber nicht erhalten. Und: «Ich fand es wichtig, dass der Verband jetzt eine Grenze zieht. Sonst artet es aus», sagt sie. «Was würde sonst als Nächstes kommen? Verkleidungen?» (wie)

Erstellt: 19.11.2018, 16:02 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Blogs

KulturStattBern Kulturbeutel 51/18

Zum Runden Leder Jahr der Superlative

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Umstrittene Staatsoberhäupter: Bewohner von Pyongyang verneigen sich zu Ehren des siebten Todestags des nordkoreanischen Dikdators Kim Il Sung vor seiner Statue und deren seines Nachfolgers Kim Jong Il. (17. Dezember 2018)
(Bild: KIM Won Jin) Mehr...