Interview

«Was beweist in Zeiten von Photoshop ein Gipfelbild?»

Ueli Steck gelang an der Annapurna-Südwand ein neuer Triumph. Er erklärt, wie er ohne Überhandschuh hochkam – und warum es ihn nicht stört, dass es kein Gipfelfoto gibt.

Wie wurde seine Leidenschaft geweckt? Klettert er noch gerne in der Schweiz? Ueli Steck im Video-Kurz-Interview, befragt von Noëlle König.

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Beim ersten Versuch an der Annapurna-Südwand stürzten Sie ab, im Jahr darauf unterbrachen Sie die Begehung, weil Sie den spanischen Bergsteiger Ochoa Iñaki retten wollten, der dann in Ihrem Beisein verstarb. Zeugt der dritte Versuch nach diesen Erfahrungen von einem grossen Traum oder von grosser Sturheit?
Meine Sturheit ist bekannt. Nach den beiden fehlgeschlagenen Versuchen 2007 und 2008 sagte ich mir: «Vergiss es.» Aber der Traum ist immer da gewesen, direkte Linien auf einen 8000er-Gipfel gibt es nicht mehr sehr viele. Und ich war mir sicher, dass ich diese spezielle Route schaffen kann.

Wirklich vergessen haben Sie die Südwand also nie?
Nein, aber die Erlebnisse von 2007 und 2008 waren einfach zu präsent, ich musste gar nicht erst versuchen, zurückzukehren: Die Gefahr, in der Wand die Nerven zu verlieren oder den Fokus nicht zu haben, war zu gross. Dieses Jahr war das Gefühl gut, ich hab auch mehr Erfahrung, die Idee kam wieder in mein Leben zurück. Also habe ich nochmals einen Versuch gemacht.

Hat es auch eine Rolle gespielt, dass Ihnen mit 37 Jahren die Zeit davonläuft?
Das ist etwas zu krass formuliert. Aber es gibt für viele Dinge im Leben den richtigen Moment. Vielleicht kamen die ersten beiden Versuche zu früh.

Verlief es diesmal, am 9. Oktober, so reibungslos, wie Sie sich das vorgestellt hatten?
Es war fast zu einfach. Allerdings darf man nicht vergessen, wie viel Glück ich hatte: Solch perfekte Verhältnisse gibt es vielleicht alle 100 Jahre. Es war der Tag, an dem man parat sein muss, dann muss es funktionieren.

Was war so perfekt?
Die Gipfelwand war ideal verschneit. Das hatte ich mir nie vorstellen können, ich hatte eine recht harte Kletterei erwartet. Während der Akklimatisierungsphase hat es vier Tage geschneit, nicht wirklich heftig, aber die Wand war weiss. Wir waren im vorgeschobenen Basislager, und an diesem Tag war es richtig heiss, wir hatten 25 Grad, auf 5000 Metern! Im Zelt hat man es nicht ausgehalten. Dadurch wurde der Schnee aufgeweicht, über Nacht wurde es sehr kalt, und der Schnee gefror perfekt. Ich kam schnell voran, nicht ein Stein fiel herunter.

Und weil es so einfach war, haben Sie Ihren Handschuh weggeworfen?
Genau, ein bisschen Challenge musste sein … das war die einzige dumme Situation.

Wie konnte das passieren?
Ich war auf knapp 7000 Metern, unterhalb des gewaltigen Felsriegels. Da wars noch nicht sicher, ob ich bis zum Gipfel durchsteige. Die Eisrinnen, denen ich folgen wollte, waren klar zu sehen. Und ich machte ein Foto, damit ich nachts den Weg tatsächlich finde. Ich haute die beiden Pickel tief ins Eis, hängte den einen Daunenhandschuh darüber, nahm die Kamera in die Hand – und in diesem Moment kam Schnee von oben. Nicht viel, aber man ist ja nicht angeseilt, steht nur auf den Steigeisen und greift automatisch nach den Pickelschäften, kauert sich an die Wand, um nicht mitgerissen zu werden. Dabei gingen Handschuh und Kamera verloren.

Was macht man ohne Handschuhe bei Minusgraden?
Weg war der Überhandschuh, darunter hatte ich noch einen recht dicken Handschuh an. Es war zwar nicht ideal, aber ich sagte mir: «Probier es weiter, und wenns nicht mehr geht, drehst du um.»

Ohne Kamera gibt es auch kein Gipfelfoto. Woher wissen wir, dass Sie tatsächlich oben waren?
Das weiss niemand, ausser ich. Aber es waren ja vier Leute im Basislager, die haben mit Fernrohren jeden meiner Schritte verfolgt. Am Tag danach konnte man die Spuren zum Gipfel sehen.

Trotzdem wird es Leute geben, die ohne Bild am Erfolg zweifeln.
Was beweist in Zeiten von Photoshop ein Gipfelbild? Wenn Sie eins wollen, zeig ich es Ihnen morgen.

Nerven Sie solche Diskussionen? Es gibt wenig Gipfelbilder von Ihnen, das ist ideal für Zweifler.
Es gibt auch Leute, die zweifeln immer noch an der Mondlandung. Eigentlich ist es mir egal, ich bin die Annapurna für mich geklettert, nicht für jemand anderes. Aber es belastet natürlich schon, wenn alles mit negativen Vorzeichen hinterfragt wird.

Im vergangenen April machte Ihre handgreifliche Auseinandersetzung mit Sherpas am Mount Everest Schlagzeilen. Wie hat dieser Vorfall Ihr Tun als Bergsteiger verändert?
Es hat mir einmal mehr gezeigt, wie egal es eigentlich ist, was ich tue. Es ist nebensächlich.

Das müssen Sie genauer erklären.
Ich habe auch am Mount Everest versucht, mein Ding zu machen, ich habe nie etwas gegen kommerzielle Expeditionen gesagt. Aber es wird immer Menschen geben, die nicht akzeptieren, was andere tun, weil sie selbst nicht dazu in der Lage sind. Am Everest hätte es zumindest kein Problem mit dem Gipfelbild gegeben, da wären so viele Menschen oben gewesen. An der Annapurna war ich solo unterwegs, deshalb ist es gut, dass die vier Kollegen gesehen haben, was ich gemacht habe.

Wann war Ihnen klar, dass Sie bis zum Gipfel gehen?
Das ergibt sich unterwegs. Wer sich vornimmt, genau heute auf den Gipfel zu gehen, ist chancenlos, verliert die Nerven, weil enorm viel auf einen zukommt. Man muss losgehen und schauen, wie weit man kommt. Sonst rauben hohe Erwartungen die Lockerheit.

Geplant war die Besteigung gemeinsam mit Don Bowie.
Wir sind zusammen bis zum Fuss der Wand gegangen, dort hat er gemerkt, dass es für ihn nicht passt. Man sitzt dann da, denkt sich: «Mist, gehe ich jetzt, oder gehe ich nicht?» Dann auf solo umzustellen, das ist ein schwieriger, entscheidender Moment. Andererseits wusste ich: Die Chance, das kleine Wetterfenster zu nutzen, ist grösser, wenn ich alleine, also schneller gehe.

Waren Sie letztlich froh, dass Bowie umgekehrt ist?
Froh war ich nicht, aber ich habe eben auch genau gemerkt, welche Chance das für mich ist.

Sie haben ausgerechnet die schwierigsten Passagen in der Nacht geklettert. Wie haben Sie den Weg gefunden?
Ich folgte den durchgehenden Schneebändern, reine Felskletterei wäre schwieriger gewesen. Im Nachhinein ist das alles logisch, aber es gibt keine Garantie, dass ich mich nicht mal verrenne und wieder zurück muss. Das muss man akzeptieren. Und mit den modernen Stirnlampen sieht man 150 Meter weit, das ist enorm hilfreich.

Wann kam nach dem erfolgreichen Abstieg der Moment des Glücks, der Zufriedenheit?
Der ist immer noch nicht da … ich bin so unter Strom, ich kann nicht loslassen. Diese Wand hat mich so viele Jahre beschäftigt, ich wusste, dass es funktionieren kann. Aber man weiss es nie, solange man nicht oben war. Sie haben vorhin nach dem Finden des Wegs gefragt … was glauben Sie, wie oft ich mir Fotos von der Wand angeschaut habe?

Ist es auch ein bisschen Traurigkeit, weil der grosse Traum erfüllt ist?
Ja, vielleicht ist genau dies das Problem. Es ist vorbei.

Nach der Annapurna sagten Sie, dass Sie keine schwierigeren Sachen als Bergsteiger machen können. Das hatten Sie aber auch schon nach dem Shishapangma gesagt.
Das ist auch eine Schutzbehauptung, um sich den Druck zu nehmen. Immer noch höher und schneller, das geht ja nicht.

28 Stunden steigen, auf dieser Höhe, in der Nacht, alleine – das ist eigentlich unvorstellbar. Woran denkt man da?
Nur an eines: Den nächsten Schritt, den nächsten Schritt, tack, tack, tack. Das ist die grösste Belastung: Nichts anderes zulassen, alles andere ausschalten. Im Basislager sind sie fast verzweifelt, weil ich in diesen 28 Stunden nicht einmal mit dem Satellitentelefon Nachricht gegeben habe. Das war irgendwie zu viel, das geht in dieser Situation nicht mehr.

Hätte es im Falle eines Unfalls eine Rettungsmöglichkeit gegeben?
Diese Chance ist recht klein. Darum habe ich immer wieder auf die Steigeisen geschaut, wenn ich da eines verliere, bin ich total im Scheiss. Oder einen Eispickel ... da kannst du gleich hinunterhüpfen.

Die Kollegen im Basislager hätten sicher probiert, Sie im Notfall zu retten.
Probiert hätten sie es schon, aber solche Sachen diskutiert man vorher gar nicht. Ich hab nur meinem Kletterpartner Don Bowie gesagt, er sollte das Satellitentelefon immer eingeschaltet haben. Es hilft, wenn man weiss, dass da einer ist, den man kontaktieren kann.

Aber noch einmal: 28 Stunden allein ist doch psychisch anstrengender als zu zweit?
Das Alleinsein ist nicht das Problem, man ist immer beschäftigt, immer konzentriert. Eine Arktisdurchquerung ist mental viel anspruchsvoller, weil deutlich mehr Zeit für Gedanken bleibt. Ein Biwak zu machen, wäre härter gewesen, als immer weiterzugehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.10.2013, 07:05 Uhr

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Ueli Stecks direkte Route durch die 2350 Meter hohe Annapurna-Südwand. Zum Vergleich: Die Eigernordwand misst rund 1800 Meter. (Bild: TA-Grafik / Bild: Patitucci Photo)

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Die Route war erstmals 1992 von den beiden Franzosen Pierre Béghin und Jean-Christophe Lafaille begangen worden, wie alle Nachfolger bis Steck scheiterten sie, Béghin verunglückte im Abstieg tödlich. Steck stürzte bei seinem ersten Versuch 2007 nach einem Steinschlag ab, 2008 unterbrach er seinen Versuch, weil der spanische Bergsteiger Ochoa Iñaki in Bergnot geriet, Steck konnte ihn allerdings nicht retten. Die Annapurna war der sechste 8000er, den Steck bestieg. (can.)

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