Von Belp in die weite Welt

Cirque de Soleil

Aus Spass hat sich der Belper Turner Andreas Gasser beim Cirque de Soleil beworben – jetzt geht er auf Tournee. In der neuen Michael-Jackson-Show kommt er mit sechs weiteren Schweizern an den Schaukelringen zum Einsatz.

Andreas Gasser an seinem CdS-Arbeitsgerät, den Schaukelringen. (Manuel Zingg)

Andreas Gasser an seinem CdS-Arbeitsgerät, den Schaukelringen. (Manuel Zingg)

In Belp ist er geboren. In Belp ist er aufgewachsen. In Belp hat er sein ganzes Leben lang gewohnt. Am Montag bricht Andreas Gasser zu einem langen Abenteuer in fernen Gefilden auf. Erst führt die Reise den 30-Jährigen nach Montreal, in ein viermonatiges Trainingslager am Hauptsitz des Cirque du Soleil (CdS). Danach zieht er mit 63 weiteren Artisten und total 210 Mitarbeitern aus, um mit der «Michael Jackson The Immortal World Tour» erst Nordamerika und später wahrscheinlich auch Europa und Asien zu erobern. Sein Vertrag läuft vorerst über zweieinhalb Jahre.

Was ihn in dieser Zeit erwartet, weiss Gasser nicht genau. «Ich lasse es auf mich zukommen.» Zufall sei es gewesen, dass er im vergangenen Oktober auf der Internet-Plattform Facebook das Stellenangebot entdeckt habe. Mehr ein Spass dann, dass er sich beworben habe. Einem Kollegen drückte Gasser eine Kamera in die Hand, das Video schickte er ungeschnitten ein. Dass auch eine Tanzsequenz verlangt wird, erfuhr er erst am Vorabend des Abgabetermins; mit der Freundin rückte er kurzerhand die Möbel in der Wohnung zur Seite und studierte eine Schrittfolge ein. «Ich dachte, da kommst du eh nicht hin», sagt Gasser rückblickend.

Teamfähigkeit ist gefragt

Der Cirque du Soleil sei unter Geräteturnern natürlich bekannt. Wie hoch die Anforderungen sind, die an die Akrobaten gestellt werden, hatte er in früheren CdS-Shows selbst gesehen. Doch Gassers Bedenken waren unbegründet. Denn erstens wollte das kanadische Unternehmen unbedingt Turner für die Schaukelringe. Diese kommen fast ausschliesslich hier zum Einsatz; die Schweiz ist eines der wenigen Länder, in welchen Geräteturnen betrieben wird. Und schliesslich ist Gasser seit Jahren der Beste in seiner Sportart. An den Schweizer Meisterschaften im November in Gstaad, wo Gasser in der höchsten Kategorie (K7) den vierten Titel in Folge holte, überzeugte er den extra aus Kanada angereisten Talentscout von seinem Können.

Um beim CdS unter Vertrag genommen zu werden, muss ein Athlet neben den technischen Fertigkeiten in seinem Bereich und der Fähigkeit, diese täglich auf höchstem Niveau abrufen zu können, auch Offenheit, Leidenschaft und Teamfähigkeit mitbringen. Im Dezember erhielt Gasser den Anruf, der sein Leben verändern sollte. Zusammen mit sechs weiteren Schweizern – einem Aargauer, einem Luzerner sowie vier Waadtländern – wagt er nun den Schritt.

Aufbruch ins Ungewisse

Fünf Wochen Ferien in den USA war die längste Zeitdauer, die Gasser weg war von zu Hause. Und doch war für ihn vom ersten Moment an klar: «Das machsch.» Ins Grübeln kam er erst, als ihm nach Gesprächen mit Kollegen und seiner Freundin klar wurde, wen und was er alles würde zurücklassen müssen für das neue Leben aus dem Koffer. «Auch wenn es seither schwierige Zeiten gab und wohl auch nicht einfach wird – ich würde es mir ein Leben lang vorwerfen, wenn ich es nicht versuchen würde.» Die Stelle als Bauingenieur hat er per Ende April gekündigt.

In welchen Nummern und zu welchen Songs Gasser zum Einsatz kommt, wo er Hauptattraktion und wo bloss für kleine oder Statistenrollen vorgesehen ist, ist noch nicht bekannt. Ohnehin kennt er die Musik von Michael Jackson (noch) nicht in- und auswendig. In seiner Sammlung ist keine CD des «King of Pop» zu finden. Im Takt zu bleiben, hat er allerdings im zu Musik choreografierten und in der Gruppe vorgeführten Geräteturnen bereits gelernt.

TV Belp–TV Länggasse–TV Belp

Angefangen hatte alles – wie könnte es auch anders sein – in Belp. Schon bald wechselte Gasser aber in die Kunstturn-Abteilung des TV Länggasse, trainierte dort bis zu sechs Mal pro Woche und schaffte den Sprung ins Juniorenkader. Mit 15 Jahren entschied sich Gasser jedoch für die Lehre und gegen den Spitzensport, kehrte zum TV Belp und zum Geräteturnen zurück. Heute kommt er nur noch vor Wettkämpfen auf einen ähnlich hohen Umfang, Einen Trainer gibt es in Belp nicht – die Belper unterstützen und korrigieren sich gegenseitig. Geübt hat Gasser bis zuletzt an allen Geräten, schliesslich stand er am letzten Wochenende noch an den Kantonalmeisterschaften im Einsatz (K7: 1. Schlussrang).

Die Vorfreude auf das Abenteuer ist gross. Bloss ein kleiner Wermutstropfen bleibt: Ausgerechnet die SM vor der eigenen Haustüre wird Andreas Gasser im November verpassen.

Der Bund

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