Sind das die nächsten Spiele, die niemand braucht?

In Weissrussland findet ein Grossanlass statt, der kaum wahrgenommen wird. Dabei gäbe es einen cleveren Ausweg.

Neue Form im Basketball: 3 gegen 3 statt 5 gegen 5. Die Tschechin ist vor den Ungarinnen am Ball. Foto: Sergei Bobylew (Getty Images)

Neue Form im Basketball: 3 gegen 3 statt 5 gegen 5. Die Tschechin ist vor den Ungarinnen am Ball. Foto: Sergei Bobylew (Getty Images)

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Ist das noch flunkern oder bereits lügen? «Ein Weltklasse-Multisportevent feiert Europas beste Athleten auf einem entscheidenden Zwischenstopp für die Olympischen Spiele.» So beschreibt das Europäische Olympische Komitee sein Produkt: die Europaspiele.

Seit vergangenem Freitag und noch bis am Sonntag fighten in Minsk rund 4000 Athleten auf dieser selbsterklärten Edelbühne. Nur: Was die europäischen Hüter der Ringe als Wurf mit Strahlkraft auf dem alten Kontinent darstellen, ist ein Grossanlass fast ohne Beachtung.

Weder wird dieser «entscheidende Zwischenstopp» in wichtigen Fernsehanstalten live übertragen – auch nicht vom Schweizer Fernsehen – noch sind in den 15 präsentierten Sportarten die besten Fachkräfte vertreten. In vielen sind es gar zweit- bis drittklassige Athleten, die ihre Länder in Weissrussland repräsentieren.

Ein zentraler Zwischenstopp vor Olympia ist dieser Schwestern-Event bloss für die Sportarten Schiessen, Tischtennis und Bogenschiessen. Diese Athleten kämpfen in Minsk tatsächlich um Olympiaplätze. Judoka und Kanuten küren ihre Europameister. Zu diesem diffusen Bild passt das Austragungsland. Im Autokratenstaat, der als einziger in Europa die Todesstrafe anwendet, ist wenig Staat zu machen. Entsprechend breit ist die Kritik an der Wahl des Ausrichters. Nur: Es gab nie eine, weil nach Baku vor vier Jahren diesmal bloss Weissrussland sein Interesse signalisierte. Zweimal hatte das Europäische Olympische Komitee darum die Frist für Bewerber verlängert, zweimal fand sich keine Alternative. Also schluckten die Funktionäre diese Kröte, schliesslich präsentiert sich der Sport auch sonst hemmungslos überall dort, wo es mit demokratischem Verständnis im Minimum hapert – solange er eine Bühne offeriert bekommt.

Entsprechend inkonsequent handelten auch einige der 50 Nationen, die eine Delegation nach Minsk entsandten. Zu ihnen gehört die Schweiz. 2012 stimmte Swiss Olympic, der Dachverband des Schweizer Sports, gegen die Einführung dieser Spiele. Es brauche sie ganz einfach nicht, fand er.

Inkonsequente Schweizer

Zur Spiele-Premiere 2015 reiste Swiss Olympic dann mit einem stattlichen Aufgebot und zahlreichen Grössen wie Turnerin Giulia Steingruber, Triathletin Nicola Spirig oder Mountainbiker Nino Schurter und Jolanda Neff an. Sie fehlen diesmal alle, weil etwa Triathlon und Mountainbike aus dem Programm gefallen sind. Andere Schweizer Topathleten ignorieren die Spiele, da sie zu unwichtig sind.

Denn eine Plattform, um europäisches Sportschaffen der breiteren Öffentlichkeit gemeinsam präsentieren zu können, existiert bereits – und stellt die Existenzberechtigung der European Games verschärft infrage: Es handelt sich um die fast gleich klingenden European Championships, diese Europameisterschaften von sieben Sportarten. Mit Leichtathletik, Schwimmen, Rad, Rudern, Triathlon, Golf und Turnen handelt es sich um Hochkaräter. 2018 debütierte der Anlass, der alle vier Jahre stattfindet. Er wurde von den öffentlich-rechtlichen TV-Stationen breit übertragen und vom (Fernseh-)Publikum angenommen. Er scheint sich darum als neue Grösse etablieren zu können.

Hin zu Innovation Games?

Den European Games hingegen fehlen neben Sinn und damit Bedeutung auch die finanziellen Mittel. Weil sich kaum internationale Sponsoren finden liessen, werben diesmal primär weissrussische Firmen – teilweise aus der gleichen Branche. Exklusivität bietet der Sport seinen Geldgebern ansonsten gerne, in Minsk versucht man sich mangels Alternative am unkonventionellen Gegenteil.

Dabei würden diese European Games mit mehr Fokus statt schlechtem Kopieren von Bestehendem durchaus Überlebenschancen haben – beispielsweise in Form von «Innovation Games». Schon jetzt versuchen sich in Minsk die Leichtathleten oder Basketballer an neuen Formen. In der Leichtathletik sind es Teamwettkämpfe mit speziellen Disziplinen, im Basketball Spiele 3 gegen 3.

Dieses Alleinstellungsmerkmal liesse sich schärfen. Die involvierten Sportarten bekämen so die Chance, ihren Sport neu zu denken und auf einer relativ grossen Bühne zu präsentieren. Entsprechend flexibel könnte das Programm gehandhabt werden. Weil die European Games folglich als Testlabor dienten, könnte die Verengung auf Leistung und damit den Medaillenspiegel gebrochen werden. Diese Spiele dienten als Gegenentwurf zum Weiter, Schneller, Höher.

Zumal die European Games das Anderssein im Kern schon aufweisen: Es wurden ausschliesslich bestehende Stadien verwendet. Mit circa 100 Millionen Euro – Weissrussland machte sein Budget nie öffentlich – betragen die Kosten dieser anderen Spiele einen Bruchteil der etablierten.

Grünere Spiele

In einer Zeit, in der grüne Parteien wegen der Sorge um unseren Planeten und unsere (endlichen) Ressourcen mächtig an Wählern zulegen, hätte ein Anlass mit relativ geringem ökologischem Fussabdruck einen Wettbewerbsvorteil und eher die Zustimmung westlicher Demokratien.

Dass nach Baku und nun Minsk in vier Jahren Krakau folgt, ist Zufall. Die Polen waren die einzigen Bewerber. Doch egal, wie der Ausrichter auch heisst: Es braucht vom Europäischen Olympischen Komitee rasch ein Neupositionieren seines Produkts, soll es mehr als nur überleben – und damit wirklich einlösen, was in knalliger PR-Sprache schon jetzt versprochen wird


Von grossen und kleinen Spielen

Natürlich kommt keiner ans Original heran: die Olympischen Spiele. Aber so mancher Organisator findet den Spiele-Namen dermassen gut, dass er ihn übernahm. Die Europaspiele, die zurzeit laufen, sind bloss die neuste Kreation. Eine Auswahl.

Die Olympischen Spiele des Nachwuchses
Keiner zu klein, ein Olympionike zu sein. So lautet das Motto dieser Veranstaltung aus den USA. Knapp 15'000 Jugendliche kämpfen in über 30 Sportarten um Meriten. Die Junior Olympic Games finden seit 1967 jährlich statt. 2010 konterte das IOK mit seinen Youth Olympic Games. Die Weltspiele der Masters
Natürlich ist mittlerweile auch keiner zu alt, ein Olympionike zu sein. Ältere fighten seit 1985 an den World Masters Games um Titel. Wobei man vorsichtig sein muss: Schon 30-Jährige dürfen teilweise teilnehmen. Im Rekordjahr 2009 (28 676 Starter) lautete wohl darum das Motto: «fit, fun and forever young». Die Freundschaftsspiele im Kalten Krieg
Weil Russland und seine Verbündeten 1984 die Olympischen Sommerspiele beim Erzrivalen USA verweigerten, initiierten sie eigene: die Freundschaftsspiele. 2300 Athleten aus 49 Ländern partizipierten. Auch die Schweiz schickte ein B-Team. Die Spiele der französischkundigen Athleten
Die Sprache verbindet – bei den Jeux de la Francophonie seit 1989. Die Schweiz ist dabei, auch Belgien. Bei ihnen dürfen aber nur Wallonen mitmachen. (cb)

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