Passform, Stil, Dämpfung – was den perfekten Laufschuh ausmacht

In Zürich West tüftelt ein Biomechaniker zur Frage, wie man ein Gefühl in einen Schuh bringt – und bricht dabei mit einem alten Credo.

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New York, New York, heisst es für die Laufwelt am Wochenende. Übermorgen findet der grösste Marathon mit 50'000 Teilnehmern statt. Darum sind auch alle wichtigen Laufschuhhersteller im Big Apple vertreten. Dort treffen sie auf ihre Kunden – und natürlich Mitstreiter in diesem Milliardengeschäft. Vereint sind die Firmen in der Zuversicht, den anderen Herstellern einen Schritt voraus zu sein und damit die besseren Schuhe als die Konkurrenten herzustellen. Nur: Gibt es wirklich eine Firma, die alle anderen abhängt und damit den idealen Laufschuh baut?

Die Spurensuche beginnt im Westen der Stadt Zürich. Von dort arbeitet sich eine Schweizer Firma seit acht Jahren in die Herzen und an die Füsse der Läufer: On heisst die Marke. Sie hat ihren Hauptsitz im Trendquartier. Was mit den drei Gründern begann, ist mittlerweile ein KMU von 300 Personen und hierzulande eine etablierte Firma: Der Marktanteil ist in der Schweiz so gross, dass On im Premium-Bereich jenseits der 180 Franken die Nummer 1 darstellt. Die On-Leute müssen bei ihren Schuhen also einiges richtig gemacht haben, wenn sie Riesen wie Nike, Asics oder Adidas kontinuierlich Marktanteile abnehmen.

Im Herzen der Schuhbauer

Der geistige Vater von On ist der frühere Weltklasse-Triathlet Olivier Bernhard. Unzufrieden mit seinen bisherigen Schuhen, entwickelte er mit einem Ingenieur den On-Prototyp. Bernhard (50), der auch 13 Jahre nach seinem Rücktritt die Figur eines Top-Ausdauerathleten aufweist, empfängt im Herzen von On: dem Forschungs- und Entwicklungsbereich.

Wie stellt man sicher, dass Mann, Frau, Dick oder Dünn die gleichen Schuhe passen?

Der Besucher muss wie in der Branche üblich darum unterschreiben, dass er nie über die herumstehenden Produkte berichtet. Schliesslich arbeiten Bernhard und sein kleines Team an der Zukunft und Schuhen, die erst in ein paar Jahren auf den Markt gelangen werden.

Den Gast schickt Bernhard umgehend aufs Laufband, erst mit dessen Schuhen, dann mit zwei Modellen von On. Kameras halten seine Bewegungen fest, eine Software errechnet anhand verschiedener Informationen zum Laufstil, wie effizient der Gast in dem jeweiligen Schuh rennt – und trifft damit das Gefühl des Probanden erstaunlich gut: Je wohler er sich im Schuh fühlt, desto höher ist seine ermittelte Effizienz beim Rennen. Und darauf kommt es Schuhbauer Bernhard mit seiner Crew an. «Fun» will er mit dem Laufen vermitteln – und «Fun» hat primär, wer die passenden Schuhe an seinen Füssen weiss.

Die drei Firmengründer kühlen sich ab: Caspar Coppetti, Olivier Bernhard und David Allemann. Foto: PD

Bloss: Wie lässt sich Fun bauen? Wie also bringt man ein Gefühl in einen Laufschuh? Und: Wie stellt man sicher, dass Mann, Frau, Dick, Dünn, Klein, Gross – um nur einige Eigenschaften aufzuführen – das Gleiche fühlen und sich nur noch dem Produkt eines Herstellers zuwenden?

Diese und viele Fragen mehr stellt sich Nils Altrogge täglich. Der 28-Jährige ist die rechte und linke Hand von Bernhard im On-Innovationsteam. Zwar steht ein Schlichtes «Research» auf seiner Visitenkarte, Forschung. Doch Altrogge atmet das Schuhbauen und sagt darum über sich: «Ich bin ein Laufschuh-Geek.» Sportgerätetechnik studierte er in Wien. Sie wird bloss an wenigen Universitäten angeboten und passt in die Welt der Laufschuhbauer: Eine klassische Ausbildung existiert nicht. Viele stammen aus dem Ingenieursbereich, den Sportwissenschaften oder aus der Orthopädietechnik – und lernen während der Arbeit diesen Beruf so richtig.

Altrogge hat dem Journalisten eine Präsentation zusammengestellt – und zertrümmert gleich ein paar Gewohnheiten. Bis vor wenigen Jahren galt im Schuhbau und fürs Läuferhirn: Der Schuh muss den Aufprall dämpfen, den Fuss stützen und die Fussbewegung führen. Also konstruierte man nach diesem Credo. Es scheint logisch.

Olivier Bernhard hat schon mehrere Ironmans gewonnen: Der On-Mitgründer auf einem Lauf. Foto: PD

Wer mit relativ hoher Geschwindigkeit immer wieder auf harten Untergrund knallt, muss die Schläge doch ausreichend dämpfen. Und weil der Fuss in der Laufbewegung nach innen knickt, muss diese vermeintlich suboptimale Position, die sogenannte Pronation, doch bestimmt korrigiert werden. Der Läufer verletzt sich sonst. Die anfängliche Forschung zu dem Thema bestätigte die Gedanken.

Dieselben Forscher, angeführt vom Schweizer Biomechaniker Benno Nigg, aber kamen in diesem Jahrzehnt immer mehr von diesen Einsichten ab. Nigg, emeritierter Professor der Universität von Calgary und Übervater der Szene, widerrief damit sein Lebenswerk und befand: Weg mit dem Credo! Stützen und Führen hält er nun wie viele andere Biomechaniker in den meisten Fällen für unnötig. Die Lauftechnik kommt vielmehr einem Fingerabdruck gleich, ist also individuell – und das Abknicken des Fusses ein natürlicher Teil der Laufbewegung. Laufschuhe sollen zudem optimal und nicht maximal gedämpft sein.

Die Kurven des Tüftlers

Diese Abkehr hat die Schuhmarken vor Probleme gestellt. Schliesslich galt auf einmal nicht mehr, was sie mitgetragen und mitverkündet hatten. Doch auch sie mussten einsehen: Sie konnten über die Jahre noch so viele Innovationen auf den Markt bringen, die Zahl verletzter Läufer blieb in etwa konstant. Rund ein Drittel fällt immer mal wieder aus.

Zum Thema Laufverletzungen malt On-Tüftler Nils Altrogge dem Besucher eine Kurve an die Wand. Sie symbolisiert die Kraft, die beim Aufprall eines Läufers auf seinen Körper wirkt. Heute weiss man, dass die Aufprallkraft bei der Landung ein Inputsignal ist. Es regt die Muskeln, Sehnen und Bänder zum Schwingen an, ähnlich dem Anschlagen einer Gitarrensaite. Bei einer bestimmten Frequenz erhöht sich die Verletzungsgefahr.

Das Ziel einer Laufschuhdämpfung ist darum nicht, den Schlag möglichst stark abzufedern, sondern die Frequenz zu beeinflussen. Denn diese sogenannten Vibrationen der Weichteile scheinen die Verletzungsgefahr viel eher zu erhöhen als die Stärke des Landeaufpralls oder das Einknicken des Fusses.


Tipps beim Laufschuh-Kauf

Wer einen Laufschuh kauft, sollte sich und damit einem kompetenten Verkäufer folgende Fragen beantworten können:

  • Wie lange renne ich schon?
  • Wie oft und wie viele Kilometer pro Woche?
  • Auf welchem Untergrund?
  • Was war mein letzter Laufschuh, wie zufrieden war ich mit ihm?
  • Welche Verletzungen hatte ich bislang – und warum?

Zusammen mit einer Messung des Fusses – oder idealerweise des Laufstils – wird ein Fachmann eine Auswahl an Schuhen zusammenstellen können. Nach dem Ausprobieren, also dem Rennen mit den Schuhen, sollte das Wohlbefinden im Schuh den Ausschlag geben.

Online-Käufe sind eher zu vermeiden, sofern man nicht genau weiss, was man braucht – oder mit einem entsprechenden Modell schon problemlos läuft.


Also bauen die Hersteller ihre Produkte nun nach diesen Erkenntnissen – bieten allerdings weiter stark gedämpfte und/oder stabil gehaltene Schuhe an, weil sich damit noch immer viel Geld verdienen lässt. Damit handeln sie – gemäss Nigg und anderen Experten der Biomechanik – ihren Kunden teilweise zuwider.

Denn die Wissenschaftler gehen nun davon aus, dass ein zu stark geführter Schuh den individuellen «natürlichen Laufstil» eines Läufers behindern kann. Dagegen versucht sich der Körper zu wehren, was zu einem ineffizienteren Laufen und schnellerer Ermüdung führt. Bei zu stark gedämpften Schuhen besteht zudem die Gefahr, dass der Läufer viel Arbeit an den Schuh abgibt und an Körperspannung verliert, was wiederum die Verletzungsgefahr erhöht.

Die Kritik des Laufpioniers

In seiner Arbeit versucht das On-Team seit der Gründung genau dieser drohenden Passivität entgegenzuwirken. Einerseits animiert die von der Firma entwickelte Dämpfung den Läufer, den Aufprall aktiv mit seiner Muskulatur abzufangen, andererseits unterstützt sie den individuellen Bewegungsablauf. Die Philosophie lautet: Der Schuh sollte nicht den Läufer kontrollieren, sondern der Läufer den Schuh.

Anruf bei Markus Ryffel, dem Vorläufer der Nation – einst als Spitzenathlet und Laufschuhverkäufer, mittlerweile noch als Lauf- und Reiseveranstalter. Der 63-Jährige bestätigt die Befunde und wird grundsätzlich, indem er sagt: «Die Füsse der meisten Menschen sind deformiert.» ­Daraus schliesst er: «Wer glaubt, seine körperlichen Probleme mit einem Laufschuh komplett zum Verschwinden bringen zu können, irrt.» Darum predigt er Ganzkörperkräftigung und betont die Wichtigkeit solcher Übungen.

Fussprobleme verschwinden oftmals nicht allein durch den Kauf eines neuen Laufschuhs.

Ryffel sagt: «Fussprobleme verschwinden oftmals nicht allein mit dem Kauf eines neuen Laufschuhs, sondern durch das akribische Umsetzen von Trainingsübungen und -tipps, die einem bei einem Schuhkauf individuell vermittelt werden sollten.»

Weil die Mehrheit der Menschen von klein auf Schuhe trägt, haben sich die Füsse über die Jahre verformt und zugleich an Wirkung verloren. Denn ein Teil des täglichen Trainings, das beispielsweise das Barfusslaufen mit sich bringt, übernimmt nun der Schuh. Die Menschheit verkümmert in Bezug auf ihre Füsse. Für die Schuhbauer kommt erschwerend hinzu, dass der Laufsport von der Nische in den Mainstream gefunden hat – und damit immer mehr Menschen rennen, deren Leibesfülle zu einer Zusatzbelastung wird.

Schuhe für alle Probleme

Die Branche begegnet diesen Entwicklungen mit einer Breite an Modellen: Angeboten wird darum beispielsweise der Wettkampfschuh, der neutrale Schuh (also ohne viel Stütze bzw. Führung), der Stabilitätsschuh, der Barfussschuh oder der supergedämpfte Schuh.


Olivier Bernhard über die Entwicklung seines Laufschuhs. Video: Jan Derrer/Pia Wertheimer.

Dabei lautet das entscheidende Kriterium bei der Auswahl eines Schuhs: Komfort. Was sich nach 40 Jahren des Baus und der Erforschung von Laufschuhen wie ein schlechter Witz anhört, ist die primäre Erkenntnis der Gegenwart: Vertraue beim Kauf auf dein Gefühl. Darum führt On-Mitbegründer Olivier Bernhard den Journalisten umgehend aufs Laufband und will wissen, was er fühlt, wenn er läuft. Vereinfacht kann man sagen: Je wohler man sich in einem Schuh fühlt, desto geringer ist die Verletzungsgefahr.

Komfortgefühl – was ist das?

Damit sind wir wieder bei Schuhbauer Nils Altrogge und der Frage, wie er dieses Komfortgefühl kreiert. Mit weich sollte man Komfort nämlich nicht gleichsetzen. Es handelt sich vielmehr um ein ganzheitliches Wohlempfinden. Es führt vom ersten Eindruck beim Anziehen des Schuhs bis hin zum dynamischen und runden Laufgefühl auf der Strasse.

Dieses Komfortgefühl wird von drei Kriterien geprägt: 1. der Passform, 2. dem Laufstil, 3. der Dämpfung. Die Passform hängt vom Leisten, dem Oberschuh und der Einlegesohle ab. Der Laufstil vom Sohlenaufbau, dem Grad an Stabilität sowie der Führung und Steifigkeit/Flexibilität. Die Dämpfung wird durch den Sohlenaufbau, das Material und dessen Eigenschaften wie die Härte beeinflusst. An Altrogge und Kollegen ist es dann, die ideale Mischung zu kreieren, damit ein Wohlfühlschuh für die Masse entsteht – wobei: Es kann ihn bei der Fülle an Füssen und Körpern gar nicht geben.

Die Schuhe aus dem Drucker

Darum arbeiten die Firmen seit Jahren am individualisierten Schuh. Brooks aus Amerika wagt den ersten Schritt: 2019 wird man seine Füsse in wenigen Läden digital vermessen lassen können. Diese Daten, kombiniert mit allen anderen wie Gewicht, dem Trainingsumfang oder der bevorzugten Laufunterlage, führen zu einem Schuh, der innert Stunden im 3-D-Verfahren gedruckt wird. Knapp 2000 Paar, deren Preis noch unbekannt ist, will Brooks produzieren – nach dem neusten Forschungsstand, also kaum geführt sowie gestützt und nur mit so viel Dämpfung, wie für jeden vermessenen Läufer individuell notwendig ist.

Die Individualisierung wird neben der Nachhaltigkeit zum grossen Thema der Branche. Vielleicht lässt sich damit sogar die Zahl der Verletzten minimieren. Selbst der beste, ideale, ja perfekte Schuh allein aber kann unseren verformten Füssen kaum dauerhaftes Glück bescheren. Da gehört schon auch die Kräftigung der Muskulatur dazu.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.11.2018, 08:34 Uhr

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