Mehr als ein Unihockeyspieler

Kim Nilsson ist der Beste seines Fachs und Star bei GC, das sich von ihm auch neben dem Feld viel erhofft.

Ankunft drei Tage vor dem Saisonstart: Kim Nilsson vor dem Schopf seines neuen Zuhauses in Schwamendingen. Foto: Sabina Bobst.

Ankunft drei Tage vor dem Saisonstart: Kim Nilsson vor dem Schopf seines neuen Zuhauses in Schwamendingen. Foto: Sabina Bobst.

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Es steht da, dieses ältere Haus. Gepflegt, der obere Teil der Fassade aus Holz, grau gestrichen, mit kleinen Fenstern, grünen Läden. Gegenüber ein brauner Schopf, der grosse Garten rundherum wild überwuchert. Auf dem Vorplatz parkt ein Transporter. Mit schwedischem Kennzeichen. Ein blonder, gross gewachsener Mann hantiert mit Umzugskisten. Er blickt kurz auf, lächelt, winkt dann. Eine Szenerie wie aus Astrid Lindgrens Erzählungen. Auch der Name des jungen Mannes könnte der Feder der Kinderbuchautorin entstammen: Kim Nilsson.

Doch die Szene spielt sich weder im hohen Norden ab, noch findet sie ihren Ursprung in Lindgrens Fantasie. Es ist Donnerstagmittag – im Schwamendinger Auzelg-Quartier. Vor elf Stunden und mitten in der Nacht ist Kim Nilsson angekommen in seinem neuen Zuhause. Zusammen mit seinem Vater ist er um halb vier Uhr morgens losgefahren. «Es war eine lange Reise», sagt er, während er nach der Kiste sucht, in der das Trikot seines neuen Unihockeyclubs verstaut ist: das Trikot der Grasshoppers mit der Rückennummer 70.

Ronaldo, Messi? Nilsson lächelt

Ein veritabler Coup ist den Zürchern mit der Verpflichtung des Schweden gelungen. Denn Nilsson ist nicht irgendein Unihockeyspieler. Er ist der wohl beste weltweit. «Es gibt Leute, die das sagen. Ich würde das nicht tun», kommentiert der 26-Jährige und lächelt etwas verlegen. Ebenso, als er von den Vergleichen mit Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo hört, die die Verantwortlichen von GC herbeizogen, um Nilssons Stellenwert in der Szene zu verdeutlichen. «Das ehrt mich, aber unsere Sportart ist doch noch etwas kleiner als Fussball.» Um sie eben etwas grösser zu machen, dafür haben sie ihn geholt bei GC.

Man verspricht sich viel von ihm, sehr viel. Er soll «die Offensivkraft merklich verstärken, seine Skorerqualitäten ausspielen, seine Leaderfähigkeit beweisen, Matches entscheiden». So formuliert das Präsident Dario Pasquariello. Nilssons Aufgaben enden aber nicht bei der Seitenlinie. Es ist vorgesehen, dass er Schulklassen besucht, «um mehr Präsenz zu erreichen», bei Sponsorenevents den Club vertritt und anderen Vereinen als Trainingsgast zur Verfügung steht. Nilsson ist Teil einer «Vorwärtsstrategie des Clubs», wie es Assistenztrainer Patrick Pons nennt. Dazu gehöre auch die Liveübertragung von Spielen im Internet, das Verlegen eines speziellen Unihockeybodens, das Abkleben der Sprossenwände, «damit das Ganze professioneller wirkt und die Hardau nicht mehr nach Turnhalle, sondern nach Arena ausschaut», erklärt Pons.

Letztlich soll aber vor allem Nilsson, der flinke, schnelle und technisch überragende Stürmer dafür Sorgen, dass die Zuschauer in die Halle strömen. Der Hoffnungsträger ist sich bewusst, was von ihm erwartet wird. «Ich hoffe, dass ich den Sport wichtiger machen kann. Ich will der ganzen Liga helfen», sagt er.

GC lässt sich sein Engagement einiges kosten. Auto, Essen, Haus sind inbegriffen. Zudem verdiene er so viel «wie ein Fussballer bei Thun oder Vaduz», sagt Präsident Pasquariello. «Ohne das wäre es nie möglich gewesen, ihn zu holen.» Und Nilsson? Der hat sich das zwei Jahre lang überlegt und ist zum Schluss gekommen: «Wenn ich es jetzt nicht versuche, weiss ich nie, wie es gewesen wäre.»

Die ganze Familie reiste an

Nilsson wagt also erstmals den Schritt ins Ausland, auch wenn dieser aus sportlicher Sicht ein Rückschritt ist. Fast ein Jahrzehnt spielte er in der grossen Superligan. AIK Stockholm war sein Club. Und wird es künftig wieder sein. In zwei Jahren kehrt er nach Schweden zurück, wo auf ihn ein Vertrag bis 2021 wartet. «Jetzt gilt mein Fokus aber GC», sagt Nilsson, der 2012 im Hallenstadion Weltmeister und zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt wurde. Weshalb er «sehr gute Erinnerungen an die Schweiz» habe.

Trotzdem wird es für ihn eine Art Kaltstart sein, wenn er heute mit GC zum NLA-Auftakt Waldkirch-St. Gallen empfängt. Denn bis auf ein Wochenende im Frühjahr und ein Vorbereitungsturnier in Umeå hat er keine Zeit mit seinen neuen Teamkollegen verbracht – was auf der Website der Zürcher unschwer zu erkennen ist. Auf dem Mannschaftsfoto ist sein Kopf reingeflickt worden.

Dass er so spät anreisen würde, war nicht geplant, hat aber einen guten Grund: Er wurde vor vier Wochen Vater, seine Tochter Penny liess sich etwas länger Zeit. Sie reiste zusammen mit ihrer Mutter Josefin, der Grossmutter und Kim Nilssons Bruder im Flugzeug nach. Sie alle wollen sich den ersten Auftritt des Stars in der Schweiz nicht entgehen lassen. Am Montag fliegen sie bis auf Ehefrau und Tochter zurück. Das Auzelg-Quartier in Schwamendingen wird bis dahin noch etwas schwedischer sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.09.2014, 06:30 Uhr

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