«Wir wollen ein volles Haus, immer»

Von wegen Kneipensport: Aus der Darts-WM ist ein Millionenbusiness geworden. Und jetzt wird noch expandiert.

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Sie grölen und johlen wieder. Sie trinken, nein: saufen – literweise, hektoliterweise, fast 17'000 Pints pro Tag. Tragen dazu mehr oder weniger lustige Kostüme und bunte Perücken und huldigen fröhlich ihrer Ikone. «Es gibt nur einen Phil Taylor», singen sie, «one Phil Taylor / Walking along, singing a song / Walking in a Taylor Wonderland.» Im Alexandra Palace ist die fünfte Jahreszeit angebrochen: die Darts-WM.

«Ally Pally» nennen sie die Anlage aus dem 19. Jahrhundert im Norden Londons liebevoll. Doch der eine oder ­andere tut das aus rein praktischen Gründen: «Ally Pally» geht auch nach Stunden an einem der Festbänke noch recht leicht über die Zunge. Und darum geht es nicht wenigen der 2500 Zuschauern: Darts ist Spitzensport und Pubbesuch zugleich. WM und Junggesellenabend gleichermassen. Laufen die Spieler ein, dröhnen Bässe und Discosound durch den Palast. Und sie tanzen auf der Bühne. Die Fans singen Schlachtrufe im Chor, feiern jede 180. Darts ist das Gegenstück zum gar sterilen Snooker. Selbst der legendäre Snooker-König Ronnie O'Sullivan findet: «Snooker ist ein Flohmarkt.»

Beim Darts dagegen geht es nach dem Abschluss der Vorrunde von heute bis zum Final am 2. Januar wieder spitz zu und her im «Ally Pally»: Weihnachtszeit ist Pfeilezeit – die Darts-WM gehört längst zum britischen Altjahreskalender wie Boxing-Day-Fussball oder die unzähligen Pferde- und Hunderennen. Allein am gestiegenen Preisgeld ist der Aufstieg des Events zu erkennen: Gab es 1993/94, im ersten Jahr nach der Abspaltung der Professional Darts Corporation (PDC), 64'000 Pfund zu gewinnen, sind es heute 1,65 Millionen. Also: fast das 26-Fache.

Zu verdanken ist diese Zunahme nicht zuletzt dem Pay-TV-Sender British Sky Sports, der das Potenzial des Sports schon in seinen Gründerzeiten Anfang der Neunzigerjahre erkannte, an der ­bestehenden British Darts Organisation (BDO) aber nicht die Rechte hielt. Diese lagen bei der BBC und wurden trotzdem kaum noch eingesetzt.

Im deutschsprachigen Raum auf Sport 1

BDO-Weltmeister wie Eric Bristow oder Phil Taylor drängten vehement auf eine Änderung, um mehr TV-Präsenz und Geld zu erhalten – im Tandem provozierten TV und Spieler die Trennung der beiden Verbände. Die Rebellen von einst sind bis heute am Erfolgsprodukt ­beteiligt, Taylor etwa, inzwischen 16-facher Weltmeister und mehrfacher Millionär, hält 6,2 Prozent. Und Sky überträgt auch 23 Jahre danach jeden einzelnen Match live. Seit 2005 läuft die Darts-WM im deutschsprachigen Raum auf Sport 1.

Zu grössten Stücken gehört die WM der Firma Matchroom Sport Limited, und die ist das Lebenswerk des Unternehmers Barry Hearn. Der 68-jährige Londoner hatte schon Snooker zur populären TV-Sportart getrimmt, sich erfolgreich dem Boxen gewidmet und den Fussballclub Leyton Orient vor dem Ruin gerettet, ­bevor er 2001 Präsident der PDC wurde. Als Erstes hob er das Preisgeld der WM um über 60 Prozent an.

Hingegen wartete er sechs Jahre lang zu, um aus der viel zu engen Circus ­Tavern im Örtchen Purfleet in den Unterhaltungskomplex Alexandra Palace nach London zu zügeln. Nur tat er auch dies aus Kalkül: Hearn will, dass seine Events ausverkauft sind. «Wir wollen ein volles Haus, immer. Nur so definieren sich Sportevents von höchster Güte», sagte er der «Schweiz am Sonntag» einmal.

Den Umzug angekündigt

Aus derselben Überlegung expandierte die PDC auch erst nach Holland, in den zweitwichtigsten Darts-Markt in Europa, als Spitzenspieler wie Raymond Van Barneveld oder Michael Van Gerwen dort etwas ausgelöst hatten, das über einen blossen Hype hinausgeht. «Ich wollte abwarten, bis in der Bevölkerung eine Angst entsteht, keine Tickets mehr zu bekommen», erklärt Hearn. Vor anderthalb Jahren liess er die besten Spieler erstmals nach Tokio fliegen, das Japan Darts Masters ist seither fester Bestandteil im Kalender. Mit der WM und weiteren Turnieren und Ligen setzt die PDC jährlich 10 Millionen Pfund um. ­Hearn denkt, dass es bald 20 sein können.

Das könnte schneller gehen als gedacht. Länger schon liebäugelt die Dart­szene mit einem Umzug der WM vom Westflügel des Alexandra Palace in die deutlich grössere Great Hall. 6000 statt 2500 Zuschauer hätten dort pro Session Platz, was die Gesamtkapazität von 66'000 auf gegen 150'000 erhöhte.

Der Alexandra Palace im Norden Londons.

Das reicht zwar weiterhin nicht einmal ansatzweise aus, um die Nachfrage von weit über einer halben Million zu erfüllen, aber den «Ally Pally» verlassen will Hearn auf keinen Fall. «Es gab und gibt keine echte Alternative zu ihm. Es wäre schön, wenn das auch in den nächsten 30 Jahren noch so sein würde», sagte er am Mittwoch, bevor er nach mehrjährigem Zögern bekannt geben konnte: Der Event wird 2017 in die Great Hall verlegt. Das Preisgeld wird weiter gesteigert, auf 1,8 Millionen Pfund.

Die Spieler müssen sich bei solchen Zahlen beinahe wie im Wunderland vorkommen, gibt die PDC doch fast jedes verdiente Pfund an jene weiter, die es hereingeholt haben: Die Preisgelder all ihrer Events betragen 2016 fast 8,2 Millionen Pfund. An der WM erhalten selbst Qualifikanten 4500 Pfund und Verlierer der ersten Runde 10'000 Pfund.

Der Vergleich mit Usain Bolt

Die PDC hätte allerdings kaum Erfolg, gäbe es nicht Figuren wie den nimmermüden Taylor, den bunten Hund ­Peter Wright mit seinem Haarkamm oder den grummeligen Van Barneveld. Oder den erst 27-jährigen WM-Favoriten Van Gerwen, dessen Erfolg für die gestiegene Popularität des Sports in Kontinentaleuropa mitverantwortlich ist.

«Er ist der Michael Jordan des Darts», hatte die «New York Times» über ihn geschrieben. Snooker-Legende O'Sullivan sagt zur Frage nach dem besten Sportler der Welt ganz im Ernst: «Es ist ein enges Rennen zwischen Van Gerwen und Usain Bolt. Ich denke, dass Van Gerwen der Beste überhaupt ist.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.12.2016, 11:27 Uhr

Darts

Der Ursprung
Darts-Weltmeisterschaften werden seit 1978 ausgespielt. Seit ihrer Abspaltung von der traditionellen British Darts Organisation (BDO) im Jahr 1993 trägt die inzwischen bekanntere Professional Darts Corporation (PDC) eine eigene WM aus.

Der Modus
Gespielt werden Legs à 501 Punkte, die es mit möglichst wenigen Würfen zu tilgen gilt. Beendet werden kann ein Leg nur mit einem Treffer in einen Double-Ring. 3 Legs bilden einen Satz. Die Matchdauer verlängert sich von Best-of-5 in der 1. Runde auf Best-of-13 im Final.

Nine Darter
Gelingt es einem Spieler, ein Leg mit der Mindestzahl von neun Pfeilen zu beenden, nennt man dies das perfekte Spiel. Es ist das schwierigste einzelne Ereignis im Darts-Sports vergleichbar mit einem Hole-in-One im Golf. 25'000 £ werden an der WM für Nine Darter ausbezahlt; durchschnittlich gibt es weniger als einen pro Turnier.

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