Die Bürde des «Auserwählten»

LeBron James machte Cleveland zu einem Spitzenteam – und soll doch an einigen Missständen schuld sein.

Wenn LeBron James sich durch die gegnerische Abwehr wuchtet, hat das immer auch etwas Dramatisches. Foto: Tony Dejak (Keystone)

Wenn LeBron James sich durch die gegnerische Abwehr wuchtet, hat das immer auch etwas Dramatisches. Foto: Tony Dejak (Keystone)

Als LeBron James im vergangenen Juli ankündigte, von den Miami Heat zu ­Cleveland zurückkehren, wurden die Cavaliers in den Medien auf einen Schlag zum Titelanwärter erkoren. Dabei wusste man zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht, wie das Team in der neuen Saison aussehen würde. Cleveland war damals schwach, hatte das Playoff zum vierten Mal in Serie verpasst. Und James verliess in Florida ein starkes Team, mit dem er viermal in ­Serie den NBA-Final erreicht und dabei zweimal den Titel geholt hatte.

James kam mit dem Status als bester Basketballspieler der NBA nach vier Jahren zurück nach Cleveland. Und tatsächlich. Die Cavaliers stehen mittlerweile bereits im ­Conference-Final des Ostens. Um NBA-Champion zu werden, brauchen sie noch acht Siege. In der Nacht von heute Mittwoch auf Donnerstag spielen sie die erste Partie in der Best-of-7-Serie gegen die Atlanta Hawks, das Team des verletzten Thabo Sefolosha.

LeBron James, mittlerweile im 31. Lebensjahr, polarisiert noch immer, auch wenn er sich vor den Medien moderater und abgeklärter ausdrückt als früher. «Chosen 1» hat er sich in grossen Lettern zwischen seinen Schulterblättern tätowieren lassen. Der «Auserwählte» trägt die Last, wo immer er auch spielt.

Nach seiner Rückkehr aus Miami zog James mit seiner Familie wieder in seine 20-Zimmer-Villa in der grauen Heimatstadt Akron, die 60 km von Cleveland entfernt liegt, das auch nicht den Ruf ­geniesst, eine Touristenattraktion zu sein. «Meine Beziehung zu Nordost-Ohio ist bedeutender als Basketball», schrieb er damals bei seiner Rückkehr auf der Website der «Sports Illustrated».

Mit 42 Millionen unterbezahlt

Gegenüber Clevelands Teambesitzer Dan Gilbert, der ihm bei seinem Wegzug 2010 in einem offenen Brief noch «feigen Betrug» vorgeworfen hatte, vereinbarte James mündlich einen Mehrjahresvertrag. Unterschrieben hat er vorerst aber lediglich für zwei Jahre, was ihm 42,2 Millionen Dollar einbringt. Das liegt weit unter seinem Wert, aber so hatten die Cavaliers noch finanziellen Spielraum, um einen weiteren Starspieler zu verpflichten, den 2,08 Meter grossen ­Kevin Love aus Minnesota, der mit ­James 2012 in London Olympiagold gewonnen hatte. Denn der sogenannte Salary Cap ­beschränkt die Gesamtlohnkosten von Cleve­land auf 63 Millionen pro Saison.

James verzichtet indes nur vordergründig auf viel Geld. 2016 tritt der neue TV-Vertrag in Kraft, welcher der NBA Jahr für Jahr 2,66 Milliarden Dollar einbringen wird. Der Salary Cap, so haben Experten berechnet, könnte dann auf 83 Millionen hochschnellen, und James wird in Cleveland einen neuen, besser dotierten Vertrag erhalten.

Doch vieles lief in dieser Saison nicht so, wie es sich James gewünscht hatte. Er erhielt Kritik für seine nicht immer überragenden Leistungen, auch die ­Zusammenstellung des Kaders wurde ihm angelastet. Denn jeder weiss: Kein Spieler in Cleveland wird ohne das Okay von LeBron James engagiert. Kevin Love bekundete anfänglich Mühe, sich im Team zurechtzufinden. Und nach sechs Niederlagen in Serie im Januar bekam auch Coach David Blatt eine geballte ­Ladung von Kritik und mediale Vorurteile zu spüren. Blatt hatte zuvor nie ein NBA-Team betreut.

Nun gegen die Atlanta-Altruisten

Doch Blatt und James schafften den ­Umschwung: Als es auf das Playoff ­zuging, wurde das Team immer besser. Jetzt aber liegt die ganze Last wieder auf den Schultern des «Auserwählten». ­Kevin Love erlitt bereits in der ersten Runde gegen Boston eine Schulterverletzung und fällt für den Rest der Saison aus. Und Clevelands flinker Spielmacher ­Kyrie Irving spielt seit Wochen mit ­einem lädierten Knöchel. LeBron James, als Spieler ein Fels, aber auch ein Showman, wuchtete sich in der jüngsten ­Serie gegen die Chicago Bulls mit viel Dramatik durch die Abwehr der Bulls. Nun muss er zeigen, dass das auch gegen das ausgeglichene und altruistisch spielende Team von Atlanta funktioniert.

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