Der neue Grizzly aus Übersee

Für diese Saison erhält das American Football-Team der Bern Grizzlies Unterstützung durch John White. Der Amerikaner war auch auf den Listen diverser NFL-Scouts.

Quarterback John White posiert auf der Allmend, seinem neuen Arbeitsplatz. (Manuel Zingg)

Quarterback John White posiert auf der Allmend, seinem neuen Arbeitsplatz. (Manuel Zingg)

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Er träumte von den grossen Stadien der National Football League. Scouts der Denver Broncos, Houston Texans, Philadelphia Eagles, New York Giants und Arizona Cardinals beobachteten ihn. Doch jetzt steht John White auf der Berner Allmend. Die Realität sind die Bern Grizzlies; die Cardinals, hier allerdings ein Baseball- und Softball-Club (siehe Text unten), trainieren nebenan, die Broncos, einer der sieben Gegner in der NLA, werden aus dem Bündnerland anreisen.

Doch der 24-Jährige macht keineswegs einen unglücklichen Eindruck. Seit etwas mehr als einem Monat weilt White, der Quarterback aus Kingston, Massachusetts, in der Schweiz. Er geniesst es, mit seinem Velo durch die Strassen von Bern kurven zu können, in den nahe gelegenen Wäldern zu joggen oder andere Outdoor-Aktivitäten zu unternehmen, wie er das nennt. «Ich wollte schon während des Studiums für ein Semester ins Ausland, nach Europa», sagt White. «Doch da ich das ganze Jahr im Football engagiert war, ging das nicht.» Umso mehr freut er sich nun, da es mit der Karriere in einer professionellen Liga in den USA nicht geklappt hat und auch die beruflichen Aussichten für ihn nach dem Wirtschaftsstudium nicht rosig waren, über die Möglichkeit, hier Spass und Geldverdienen vereinen zu können.

«Der Sport hat mich schon an verschiedene Orte geführt, und ich bin emotional immer mitgegangen.» Die ersten paar Wochen im Football-Training gefielen dem damals 8-Jährigen zwar nicht. «Doch danach hatte ich mich an die Struktur gewöhnt. Es begann Spass zu machen, und ich war ziemlich gut, und so habe ich weitergemacht.» An der Archbishop Williams High School in Braintree (MS) brach White sämtliche Passing-Rekorde. Nebenbei spielte er auch noch Baseball und Basketball. Ein Sportstipendium an der Universität von Buffalo, deren Team, die Bulls, in der NCAA Division I, der höchsten College-Liga, spielt, war die logische Konsequenz. Nach einem Semester wechselte White an die Bentley University in Boston. Bei den Falcons, die in der zweithöchsten College-Liga antreten, war er vier Jahre Starting Quarterback.

«Nichts ist wie Football»

Ursprünglich hatte er auch im College noch Baseball gespielt. Doch bald musste er einsehen, dass es auf diesem Niveau nicht mehr möglich war, zwei Sportarten zu betreiben. Der Entscheid fiel ihm leicht: «Es gibt nichts, das ist wie Football. Im Spiel ist die Atmosphäre so intensiv, das habe ich bisher in keiner anderen Sportart erlebt.» Und im Gegensatz zum Baseball, wo in einer Saison rund 50 Partien ausgetragen werden, sind es im Football nur etwa 10. «Jedes Spiel ist ein grosses Event.»

Dort einer von vielen, hier ein Star

In der Schweiz wird sich der 1,93 m grosse und 102 kg schwere Athlet auf kleinere Dimensionen einstellen müssen. Anders als in seiner Heimat, wo er einer von über 200 Quarterbacks war, ist er hier in der Football-Szene ein kleiner Star. «In den USA werden jedes Jahr nur etwa acht Spieler gedraftet», weiss White. Der Rest beendet die Karriere oder kommt, wie White, nach Europa und hilft hier mit, die Teams zu verstärken und mit Knowhow und als Vorbilder das Niveau der Liga zu heben.

Der Unterschied zeigt sich laut White in kleinen Dingen. «Es hat viele gute Athleten hier. Aber die Grundlagen werden ihnen nicht beigebracht, wenn sie klein sind, weil die meisten auch erst später damit anfangen.» So habe es ihn erstaunt, wie viel Potenzial im Team stecke, «und die meisten wissen es gar nicht». Das Interesse an der Sportart sei bei den Mannschaftskollegen sehr gross: «Sie schauen sich die Spiele an und verfolgen das Geschehen sehr intensiv.»

Bei den Grizzlies hat White nun das Kommando, was die Offensive angeht. Alle seien sehr begierig gewesen, von ihm zu lernen, und die Spieler hätten alles sehr schnell aufgenommen. «Unser Passspiel hat sich verbessert, und der Angriff ist ausgeglichener», so White. Deshalb geht er die Saison zuversichtlich an, auch wenn er die anderen Equipen noch nicht gesehen hat.

Das nahe und das ferne Ziel

White hält sich neben den wöchentlich drei Teamtrainings mit individuellem Kraft- und Ausdauertraining fit. Denn er weiss, dass er nur so eine Chance hat, seinen Traum allenfalls doch noch zu verwirklichen. «Es ist nicht unmöglich. Aber es kommt darauf an, wie konsequent ich das Ziel weiterverfolge.» Jetzt aber will er vorerst mit den Grizzlies den fünften Titel der Vereinsgeschichte nach 1989, 1995, 1996 und 2007 holen. Ein Meistertitel im Palmarès, auch wenn es «nur» der Schweizer ist, würde auch John White sicher nicht schaden. (Der Bund)

Erstellt: 09.04.2010, 09:07 Uhr

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