Cheerleader: Hier schauen die Fans zweimal hin

Quinton Peron und Napoleon Jinnies sind die ersten männlichen Cheerleader in der NFL. Sie werden in den USA zu Reizfiguren konservativer Zuschauer.

In bester Gesellschaft: Der Tänzer Napoleon Jinnies hat die Aufnahme ins Team der Cheerleader der Los Angeles Rams geschafft.

In bester Gesellschaft: Der Tänzer Napoleon Jinnies hat die Aufnahme ins Team der Cheerleader der Los Angeles Rams geschafft. Bild: Getty Images/Harry How

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Es ist Sonntagnachmittag, Memorial Coliseum in Los Angeles, die heimischen Rams überrennen die Arizona Cardinals regelrecht, und am Ende wird ein 34:0 auf der Anzeigetafel stehen. Im letzten Viertel wird kein Bier mehr ausgeschenkt, also betankt sich der erfahrene Zuschauer davor derart, dass der Alkoholpegel bis zum Spielende keinesfalls unter die gewünschte Grenze fällt.

Die Partie ist längst gelaufen, also debattieren die Leute im Block 20H über andere Themen als den Sport. Es geht nun um kniende Akteure und Werbung, um Tänzerinnen und Sexismus, um den amerikanischen Präsidenten und die Einschaltquoten, kurz: Es geht um die Vereinigten Staaten von Amerika. Football ist noch immer der Lieblingssport der Amerikaner, und sehr wahrscheinlich ist er das auch deshalb, weil er vor Testosteron trieft: auf dem Spielfeld und auf den Tribünen. Neuerdings geht es im Football auch um männliche Cheerleader, und einem entfährt eine schlimme Beleidigung, «erbärmliche Schwuchtel!» Und doch zeigt Block 20H an diesem Tag, dass sich in der amerikanischen Gesellschaft etwas bewegt.

Vor dem Spiel hatten sie am Coliseum das Fan Fest für die Besucher aufgebaut. Die Kinder versuchen sich im Hindernisparcours als Laufspieler, sie kicken einen Football durch zwei Stangen, die Erwachsenen trinken auf Vorrat, das Bier ist billiger als im Stadion, und machen Fotos mit den Mitgliedern des Cheerleading-Teams. Es drücken sich da erwachsene Männer zwischen hübsche Frauen, die nichts anhaben ausser weissen Stiefeln, Hot Pants und einem dunkelblauen Bustier.

Von der Freundin zur Bewerbung motiviert

Quinton Peron ist auch vorab schon da, er steht auf den Fotos am Rand. Peron trägt dunkelblaue Sneakers, eine lange weisse Hose und ein dunkelblau-weisses T-Shirt. Er ist gross und drahtig, Typ Wide Receiver, und er wird später im Stadion auftreten: nicht als Footballspieler, nicht als Trainer, nicht als Sänger der Nationalhymne. Quinton Peron ist mit seinem Kollegen Napoleon Jinnies der erste männliche Cheerleader der Footballliga NFL.

«Ich bin in Los Angeles geboren und aufgewachsen, die Rams sind schon immer mein Team gewesen, auch während der Zeit in St. Louis. Ich habe zahlreiche Choreografien für Cheerleader entwickelt», sagt Peron. Seine Freundin habe ihn zum Vortanzen geschickt, und es klingt wie eine Rechtfertigung, vielleicht sogar wie eine Entschuldigung, wenn er nun sagt: «Ich bin Tänzer, in dieser Branche braucht man ohnehin ein dickes Fell. Nichts, was die Leute sagen könnten, könnte mich jemals verletzen. Meine Familie hält zu mir, meine Freunde, mein Team – mehr brauche ich nicht.»

Peron hatte sich im März als Cheerleader bei den Rams beworben, das Auswahlverfahren dauerte drei Wochen, dann stand fest: Peron und Napoleon Jinnies, zwei Männer, hatten es ins Kader geschafft. Beinahe gleichzeitig verkündeten die New Orleans Saints, dass Jesse Hernandez in dieser Saison für die Saintsations tanzen würde. Es war also lange bekannt, dass es nun auch männliche Cheerleader gibt, aber wer interessiert sich im Frühjahr und im Sommer schon für Football? Ernst wird es erst im Herbst, wenn die Saison beginnt, und richtig ernst wird es beim ersten Heimspiel.

Verbale Angriffe auf Twitter

Es hatte ein paar Proteste gegen die männlichen Cheerleader gegeben. Klar, es lässt sich prima Populismus mit dem Thema betreiben, wenn man es mit anderen Veränderungen im Football verbindet. Seit dieser Saison gibt es zum Beispiel noch strengere Regeln bei Zusammenstössen mit Gegenspielern. Es soll der (vor allem langfristigen) Sicherheit dienen, dennoch melden sich Leute, die das für eine weitere Verweichlichung ihrer Sportart halten und damit für ein Indiz für die Verweichlichung der amerikanischen Gesellschaft. Wie soll Amerika wieder «great» werden, grossartig, wenn man beim Football den Gegner nicht mehr wie ein aus der Pistole geschossenes Projektil attackieren darf?

Zweite Regeländerung: Die gegen Rassismus protestierenden Akteure dürfen beim Abspielen der Nationalhymne fortan nicht mehr knien, sonst wird der Verein mit einer Geldstrafe belegt. Die Spieler haben jedoch die Möglichkeit, währenddessen in der Umkleidekabine zu bleiben. «Willkommen in der NFL von 2018», schrieb US-Präsident Donald Trump bei Twitter und legte kurz darauf nach, dass die Einschaltquoten deshalb um 13 Prozent gesunken seien: «Vielleicht gehen sie wieder hoch, wenn die Spieler stolz für Flagge und Hymne stehen, und wenn das auch im Fernsehen gezeigt wird.» Richtig ist vielmehr: Die Einschaltquoten sind im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen.

Es gibt auf Trumps Lieblingsmedium Twitter einen Hashtag, unter dem sich all jene versammeln, die alle Veränderungen gar schrecklich finden, er heisst #BoycottNFL und wurde auch für teils schlimme Beleidigungen über die männlichen Cheerleader verwendet. Nun also, nach den Debatten auf sozialen Netzwerken, der Härtetest im wahren Leben: erstes Heimspiel der Rams, mehr als 90'000 meist ordentlich betrunkene Footballfans.

«Der hat das doch völlig verdient»

Peron tanzt, und er tanzt sehr gut. Jinnies auch. Statt den für Cheerleader üblichen Pom-Poms wedeln die beiden mit weissen Handtüchern. Die jungen Männer sind ausserordentlich begabt und attraktiv, und die Leute in Block 20H wundern sich, was die Aufregung um diese beiden sollte. «Jetzt mal ehrlich: Der hat das doch völlig verdient,» sagt einer, «das ist ein Profi, und der kann das!»

Sie streiten durchaus in Block 20H, über die Regeln bei Zusammenstössen (Tendenz: zu streng), über das Hinknien während der Hymne (Tendenz: 50:50) und über die Qualität der Rams (Tendenz: Meisterschaft). Worüber sie nicht streiten: Quinton Peron und Napoleon Jinnies. Nur einer (Alkoholpegel: sehr hoch) will debattieren, er schimpft auf die Tänzer und beklagt dann das Ende des Amerikas, das er kenne.

Dann passiert Erstaunliches: Niemand streitet mit diesem Mann. Die Leute ignorieren ihn, als wäre er nicht da, als wäre das, was er sagt, nie gesagt worden. Als der Mann das bemerkt, macht er sich auf den Weg nach draussen. Und er sagt diese schlimme Beleidigung nicht zu den beiden Tänzern und auch nicht zu den anderen Zuschauern in Block 20H. Er murmelt sie, und es wirkt so, als rede er dabei nur noch mit sich selbst. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 21.09.2018, 13:33 Uhr

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