Auf dem Weg zum dritten Traum

Eduardo Villacis, der neue Spielertrainer der Bern Cardinals, ist der erste Baseballer in der Schweiz, der in der MLB gespielt hat. Mit den Erfahrungen aus der weltbesten Liga will er den Sport hier weiterbringen.

Vorher in New York vor über 50'000 Zuschauer, jetzt in Bern: Der Venezolaner Eduardo Villacis will Baseball in der Schweiz voranbringen. <br>(Manuel Zingg)

Vorher in New York vor über 50'000 Zuschauer, jetzt in Bern: Der Venezolaner Eduardo Villacis will Baseball in der Schweiz voranbringen.
(Manuel Zingg)

Man schrieb den 1. Mai 2004, als Eduardo Villacis vor über 56'000 Menschen auf das Feld lief. Ausgerechnet im legendären (alten) Yankee Stadium, in dem Babe Ruth den ersten Homerun geschlagen und die erfolgreiche Ära der New Yorker eingeläutet hatte, ausgerechnet hier kam Villacis zu seinem Debüt in der höchsten Liga der USA. Die Augen der Zuschauer auf den Tribünen und möglicherweise Millionen vor den TV-Bildschirmen waren auf die Mitte gerichtet, auf ihn, den Pitcher der Kansas City Royals. «Ich war ob der riesigen Masse eingeschüchtert, wusste gar nicht, was ich denken oder fühlen sollte. In mir war eine Mischung aus Zweifeln und Erwartungen, aus Freude und Angst», erzählt der 31-Jährige heute. Und noch immer scheint er nicht recht zu begreifen, was er damals erlebte. Er weiss einfach: «Mein Lebenstraum ging in Erfüllung.»

Wiederholt hat er sich nicht. Die Kansas City Royals, die ihn bereits als 17-Jährigen unter Vertrag genommen hatten, schoben ihn zwei Tage später wieder ins Farmteam ab. Kurz darauf wurde Villacis aus dem erweiterten Kader der Royals gestrichen und von den Chicago White Sox verpflichtet. Dort schaffte er den Sprung nach ganz oben nie mehr.

Mexiko, Japan, nun die Schweiz

Er suchte sich deshalb neue Träume. Auf anderen Kontinenten, in anderen Ländern, in anderen Ligen zu spielen, andere Werfer oder Teams zu trainieren. Der Venezolaner ging zurück in seine Heimat, war auch in Mexiko sowie kurz in Tokio engagiert. Mit seinem Engagement bei den Bern Cardinals hat er einen nächsten Schritt gemacht. Hier ist er erstmals in Europa und auch zum ersten Mal Spieler und Coach.

Ein Erstliga-Spieler der Cardinals, Javier Hernandez, hatte den Kontakt zu seinem Landsmann hergestellt; die beiden kannten sich aus der Schule. Villacis musste erkennen, dass das Niveau auf seiner ersten Station in einem Land, in welchem Baseball kein Nationalsport ist, bescheidener war als an seinen früheren Wirkungsstätten. «Aber die Leute hier leisten einen grossen Effort, um die Situation zu verbessern, das wiegt dies auf.» Neben dem NLA-Team, das in der bisherigen Saison nur von den Therwil Flyers geschlagen wurde, betreut er als Assistent auch das Softball-Team sowie die Mannschaften der NLB, der 1. Liga und die Junioren. Wie erfolgreich die Cardinals unter John Baum waren, ist Villacis bewusst. Nach fünf Meistertiteln innert sechs Jahren strebte der Klub jedoch eine Veränderung an. Der neue Spielertrainer ist froh, hat er den ehemaligen Coach noch als Assistenten an seiner Seite. «Er hilft mir mit allem Drum und Dran, aber auch mit dem Team.»Obwohl Villacis der erste Spieler mit MLB-Vergangenheit ist in der Schweiz, kam bisher vonseiten des Verbandes oder der Liga noch keine Anfrage für Workshops oder Ähnliches. «Ich wäre offen für alle möglichen Aktivitäten, würde jedes Team, egal welcher Altersstufe oder auf welchem Niveau, unterstützen.» Er habe schliesslich Zeit, sagt Villacis. «Und mir ist es ein grosses Anliegen, den Sport in der Schweiz voranzubringen.»

Die guten Erinnerungen der Berner

Erst einmal hofft er aber auf Erfolg mit den Cardinals. Morgen Samstag reist das Team nach Österreich, an das Europacup-Qualifikations-Turnier in Attnang-Puchheim. Ab Montag treffen die Berner dort auf Slovan Bratislava (Slk), Kranjski Lisjaki (Slo), Espoo Expos (Fin) und Technika Brno (Tsch), die im Europacup bereits auf höherer Stufe spielten. Komplettiert wird das Feld vom zweifachen österreichischen Landesmeister Attnang Athletics.

An den Ort und den letzten Gegner haben die Cardinals gute Erinnerungen: Vor zwei Jahren verloren sie zwar das erste Finalspiel gegen die Österreicher, nachdem sie Attnang in der Vorrunde deutlich geschlagen hatten. Doch im entscheidenden dritten Spiel holten die Berner einen 2:6-Rückstand auf und gewannen das Turnier. «Past is past», sagt Villacis dazu. Was war, zählt für ihn nicht mehr. Zurückblicken würde er trotzdem dereinst gerne. Auf eine Schweiz, in der, «wenn ich alt bin», Baseball zu einer bedeutenderen Sportart geworden ist, die in eigenen Stadien ausgetragen wird. Das ist der Traum, an welchem er Tag für Tag arbeitet.

Der Bund

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