175 Jahre – der Skandalarzt wird für immer weggesperrt

Drakonisches Urteil im Missbrauchsskandal: Larry Nassar, der frühere Chefarzt der US-Turnerinnen, erhält eine Riesenstrafe.

175 Jahre: Der Skandalarzt Nassar wird für immer weggesperrt. Video: Tamedia/AFP

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«Es ist mein Privileg, Sie zu verurteilen», begann Richterin Rosemarie Aquilina – und sprach dann aus, worauf alle Opfer gehofft hatten: eine ewig lange Gefängnisstrafe für Larry Nassar, den früheren Chefarzt des amerikanischen Turnverbandes. Ihr Verdikt in Zahlen: 175 Jahre. «Ihre Verbrechen haben eine Furche in die Gesellschaft gerissen», sagte Aquilina mit stockender Stimme. «Sie haben es nicht verdient, noch einmal auf freien Fuss zu kommen. Ich habe eben ihr Todesurteil unterschrieben.»

Nassar büsst für den Missbrauch von zahlreichen Minderjährigen, früheren und aktuellen Spitzenturnerinnen und weiteren Sportlerinnen. Mehrere hundert sind es schlimmstenfalls. Es ist das zweite Urteil gegen den 54-jährigen Skandalarzt nach einer Haftstrafe über 60 Jahre, zu der ihn ein Bundesgericht Anfang Dezember für den Besitz von Kinderpornografie verurteilt hat. Dass Nassar für den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen würde, war also schon vorher klar gewesen.

156 Opfer sagten aus

Den jetzt total 235 Jahren werden weitere in einem zusätzlichen Verfahren wegen Kindsmissbrauch folgen. Drei weitere Fälle werden ab nächster Woche verhandelt, Nassar hat sich bereits schuldig bekannt.

Im nun abgeschlossenen zweiten Prozess hatte das Gericht allen Betroffenen die Gelegenheit gegeben, sich zu melden und zu äussern – auch anonym. Nassar wurde trotz einer schriftlichem Beschwerde gegen diese Anordnung gezwungen, sich sämtliche Zeugenaussagen anzuhören. Von dieser Massnahme ermutigt, meldeten sich in der vergangenen Woche immer mehr Opfer Nassars. 156 der mutmasslich über 200 Opfer machten von ihrem Recht Gebrauch, «Survivors» nennen sie sich, Überlebende – die Jüngsten waren sechs, als sich Nassar an ihnen verging. Die Anhörung musste um drei Tage verlängert werden und wurde erst heute Mittag geschlossen.

Besonders eindrücklich der Auftritt von Aly Raisman. Ursprünglich habe sie sich nicht äussern wollen, sagte die dreifache Olympiasiegerin und zusammen mit Simone Biles das prominenteste Opfer Nassars, ihr Trauma sei zu gross. Dann aber richtete sie nicht nur deutliche Worte an die Adresse ihres Peinigers («Du bist nichts»), sondern gab dem Turnverband USA Gymnastics, dem amerikanischen Olympischen Komitee sowie der Michigan State University (MSU) eine Mitschuld an den Missbräuchen.

Deutliche Worte und Nervosität

Jede dieser drei Institutionen habe genug Indizien und Gelegenheiten gehabt, Nassar zu stoppen. Er hätte schon vor langer, langer Zeit weggesperrt gehört, sagte Raisman eindringlich. Die «New York Times» druckte den Wortlaut ihrer siebenminütige Rede seitengross ab.

Die Nervosität bei USA Gymnastics und an der MSU steigt seither noch mehr. Die Staatsantwaltschaft hat schon angekündigt, sich jetzt jenen widmen zu wollen, die zu wenig genau hin-, oder sogar weggeschaut haben. Die ältesten Missbrauchsfälle liegen über zwei Jahrzehnte zurück, und an der MSU, wo Nassar sportübergreifend praktizierte, hätten zahlreiche Verantwortliche konkret Bescheid gewusst. Doch erst eine Klage der einstigen MSU-Studentin Rachael Denhollander Ende August 2016 führte zur Verhaftung Nassars. Denhollander, heute Anwältin, war es denn auch, die mit einer halbstündigen Rede die Aussagen der «Survivors» am Mittwoch beschloss.

Olympiasiegerin Raisman hatte das Gericht – wie viele andere Zeuginnen auch – angesichts der krassen Dimensionen dieses Falles um eine Überschreitung der Höchststrafe gebeten. Da sich Nassar im November in sieben Fällen schuldig bekannt hatte, wären maximal 40 Jahre möglich gewesen. Allerdings hatte die Strafanwaltschaft selbst eine deutlich höhere Strafe beantragt – ein Jahr für jedes ihr bekannte Opfer: 125.

«Ich musste ein Exempel statuieren»

Richterin Aquilina verschärfte am Ende die Strafe gar noch, weil sie bei Nassar keine Reue erkennen konnte. «Eure Worte haben mich erschüttert. Es gibt keine akzeptable Entschuldigung für das, was ich getan habe», sagte er zwar zum Abschluss der Verhandlung an die Opfer gerichtet. Doch Aquilina zitierte aus dem erwähnten Beschwerdebrief von vergangener Woche, in dem Nassar den Frauen unterstellte, sie würden nur des Geldes wegen gegen ihn aussagen – und dass diese Aussagen manipuliert seien. «Ich musste ein Exempel statuieren», erklärte Aquilina deshalb.

Schon während des Prozesses hatte sie auf die Bitte der Opfer um Überschreiten der Maximalstrafe vielsagend geantwortet: «Das wird kein Picknick für ihn. Es gibt in den Gefängnissen keinen Insassen, der diesen Fall nicht genau verfolgt hätte.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.01.2018, 18:49 Uhr

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