Von diesen Sportarten haben Sie noch nie gehört

Ab Sonntag messen sich 2000 Athleten aus 80 Ländern am grössten Sportanlass Zentralasiens – den World Nomad Games.

Tausende Zuschauer und Athleten aus aller Welt: Teams messen sich an den World Nomad Games 2016 darin, wer schneller eine Jurte aufbauen kann. Bild: Getty Images

Tausende Zuschauer und Athleten aus aller Welt: Teams messen sich an den World Nomad Games 2016 darin, wer schneller eine Jurte aufbauen kann. Bild: Getty Images

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«Wäre Dschingis Khan noch am Leben, wäre er hier»: Mit diesen Worten wurden 2016 die World Nomad Games eröffnet. Der mongolische Herrscher, der im 13. Jahrhundert weite Teile Zentralasiens eroberte, würde sich wohl tatsächlich für die speziellen Wettkämpfe interessieren, die das Erbe urtümlicher Sportarten aufrechterhalten und sich teilweise sogar auf seine Regierungszeit beziehen. Auch das diesjährige Motto hätte ihm gefallen: «Vereint in der Kraft, vereint im Geiste.»

2018 finden die Spiele erst zum dritten Mal statt. Doch die Veranstaltung ist seit der ersten Austragung vor vier Jahren stark gewachsen. Damals traten gut 400 Athleten aus 20 Ländern in 19 verschiedenen Sportarten gegeneinander an. Heuer sind es schon 2000 Athleten aus 80 Ländern und 37 Wettkämpfe.

Dominiert wird die Veranstaltung von Teilnehmern aus ehemaligen Sowjetrepubliken wie dem Gastgeber Kirgistan, Aserbeidschan, Kasachstan oder Usbekistan und anderen Ländern mit immer noch lebendigen oder ehemaligen Nomadenvölkern. Vertreten sind aber Sportler aus allen Kontinenten, inklusive zahlreicher europäischer Länder wie der Schweiz. (Eine Anfrage von DerBund.ch/Newsnet an die Veranstalter, um wie viele Schweizer Athleten es sich handelt und an welchen Wettkämpfen sie teilnehmen, blieb leider unbeantwortet.)

Die Nomad Games haben sich in nur vier Jahren zum grössten Sportevent in Zentralasien entwickelt und gelten als die «Olympischen Spiele für Nomaden». Die Unicef und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen sind mittlerweile Partner der Veranstaltung, namhafte Sponsoren wie BMW, Gazprom und Turkish Airlines bringen Geld.

Die Veranstalter sind deswegen nicht auf Einnahmen der Zuschauer angewiesen. Der Eintritt zu allen Wettkämpfen und zum kulturellen Rahmenprogramm ist frei. Nur für die Eröffnungs- und die Schlusszeremonie im grossen Open-Air-Stadion Hippodrom wird etwas verlangt. Die Tickets kosten 600–6000 kirgisische Som, umgerechnet knapp 9–85 Schweizer Franken.

Austragungsort der Spiele ist wie bisher jedes Mal die Stadt Tscholponata im Osten von Kirgistan. Seit 2014 verwandelt sich der beliebte Badeort am Nordufer des Yssykköl-Sees alle zwei Jahre eine Woche lang zum Treffpunkt für Sportler und Zuschauer aus aller Welt.

Hier finden die Nomadenspiele statt: Tscholponata im Osten von Kirgistan (auch Kirgisistan) in Zentralasien. Bildmaterial: Google

Die meisten Wettkämpfe, die an den World Nomad Games ausgetragen werden, haben mit Kraft und Geschicklichkeit zu tun. Einige Sportarten sind vergleichbar mit solchen, die an den Olympischen Spielen ebenfalls vertreten sind. Viele aber muten exotisch an – auch, weil oft Tiere im Spiel sind. Eine Auswahl spezieller Disziplinen:

Ordo

Geschick und Strategie: Um die Sportart Ordo zu beherrschen, braucht es viel Übung. (Video: Tamedia/Youtube)

Ordo ist ein traditionelles kirgisisches Spiel und erinnert auf den ersten Blick an Boule oder Boccia. Bei genauerer Betrachtung hat es allerdings wenig mit dem französischen beziehungsweise italienischen Kugelspiel zu tun. Denn Ordo ist eine Mannschaftssportart und viel strategischer aufgebaut.

Der Name bezieht sich auf das Hauptquartier des Khans, eines Titels mit dem sich früher in Zentral- und Mittelasien Herrscher schmückten. Dessen Territorium gilt es zu verteidigen oder zu erobern. Auf einer Art Militärkarte werden mithilfe eines Steins andere Steine, die Truppen oder Soldaten repräsentieren, an den gewünschten Ort katapultiert. Wer den Khan des Gegners umwirft, hat gewonnen.


Er Enish

Versuchen, den anderen vom Ross zu stossen: Teilnehmer an den Nomad Games 2016. (Video: Tamedia/Youtube)

In Zentralasien werden viele Sportarten auf dem Pferd ausgetragen – wieso also nicht auch Wrestling? Beim Er Enish, der kirgisischen Version des Wettkampfs, versuchen zwei Kontrahenten sich gegenseitig aus dem Sattel zu ziehen.

Früher durften sie dafür Gewalt anwenden. Heute ist neben Kraft auch viel Geschicklichkeit von Mensch und Tier gefordert. Die Pferde müssen stark sein, viel ertragen, ein gutes Gleichgewicht haben und wendig sein. Wenn irgendein Körperteil des Reiters den Boden berührt, ist der Kampf vorbei.


Burkut Saluu

Mensch und Tier müssen sich blind verstehen: Der Adler-Wettkampf an den letzten Spielen. (Video: Tamedia/Youtube)

In dieser Sportart geht es um die Jagd mit dressierten Adlern. Es gibt zwei Wettkämpfe: Beim «Undok» muss der Vogel auf Kommando seines Trainers aus 200 Metern Entfernung innerhalb einer vorgegebenen Zeit auf dessen Arm landen. Beim «Chyrga» zieht ein Reiter zu Pferd einen Dummy hinter sich her, den der Adler ebenfalls auf Befehl seines Trainers fangen muss. Dabei werden Zeit und Geschwindigkeit des Vogels gemessen.


Mas-Wrestling Hier wirken ungeheure Kräfte: Zwei Männer wollen sich den Stab entreissen. (Bild: Getty Images)

Mas-Wrestling oder Stab-Ziehen ist ein urwüchsiger Sport des heutigen Turkvolkes der Jakuten, die in Sibirien leben. Das Spiel wurde oder wird mit anderen Materialien aber auch in vielen anderen Teilen der Welt gespielt.

Bei dieser Version sitzen sich zwei Athleten gegenüber, ihre Schuhsohlen je auf einer Seite eines Bretts. Mit den Händen greifen sie einen Stab, den sie dem Kontrahenten zu entreissen versuchen. Wenn der Gegner auf die andere Seite des Bretts gezogen wird, gibt es ebenfalls einen Punkt. Jedes Duell geht über drei Runden.


Kok Boru

Gilt als wichtigster Wettkampf an den Nomad Games: Der brutale Kampf zweier Teams um eine Ziege. (Video: Tamedia/Youtube)

Kok Boru, andernorts auch Buzkaschi genannt, ist ein traditionelles Reiterspiel in persisch- und turksprachigen Teilen Zentralasiens. Im Gastgeberland Kirgistan ist es ein Nationalsport. Ursprünglich war das Spiel als Vorbereitung für Krieger gedacht, bei dem die Männer ihre Unerschrockenheit und ihren Mut trainieren sollten. Denn es handelt sich um eine Art Polo ohne Regeln, bei dem es hart zu und her geht. Einige Spieler tragen Schutzkleidung und Kopfschutz.

Bei den World Nomad Games treten zwei Mannschaften gegeneinander an. Ziel ist es, eine tote Ziege (manchmal auch ein Schaf) aus dem Sattel heraus aufzuheben und ins gegnerische Tor zu befördern. Von den Gegnern, die ebenfalls auf einem Pferd sitzen, kann der jeweilige Spieler abgedrängt oder umgeworfen werden. Es ist fast alles erlaubt, um an die Ziege zu kommen, was das Spiel sehr unberechenbar macht.


Oware Gibt es in unterschiedlichen Formen und Grössen: Männer in Tanzania spielen eine Version von Oware. (Bild: Getty Images)

An den World Nomad Games haben strategische Brett- und Gedankenspiele einen festen Platz. Drei verschiedene solcher Wettkämpfe werden ausgetragen, die ihren Ursprung in unterschiedlichen Ländern haben: «Mangala» kommt aus der Türkei, «Toguz Korgool» aus Kirgisistan und «Oware» aus Afrika.

In Ghana beispielsweise ist Oware ein Nationalsport. Das Brett des abstrakten Strategiespiels besteht an den Nomad Games aus zwei mal sechs Mulden und 48 Steinen. Diese versuchen sich die zwei Gegner gegenseitig abzuluchsen. Wenn ein Spieler mehr als die Hälfte der Steine gefangen hat, gewinnt er die Partie.


Mongol Bokh

Zuerst der Tanz, dann der Kampf: Mongolen führen ihren Nationalsport vor. (Video: Tamedia/Youtube)

Beim Mongol Bokh handelt es sich wie der Name vermuten lässt um eine mongolische Sportart. Es ist eine Art Wrestling, wie es an den Nomad Games zuhauf ausgetragen wird: In 14 verschiedenen Versionen des Ringens finden Wettkämpfe statt. Der Schweizer Schwinger Christian Stucki probierte Mongol Bokh im Rahmen einer Sendung für das SRF übrigens auch schon mal aus und hatte so seine Mühe.

Die mongolische Version war ursprünglich ein Training für Krieger. Auch Schlachten zwischen verfeindeten Armeen wurden in früheren Jahrhunderten manchmal durch diesen Kampf zweier ausgewählter Soldaten entschieden, sodass es zu keinem Blutvergiessen kommen musste.

Der traditionelle Ritualtanz, bei dem die Teilnehmer vor dem Kampf den Flug des Greifvogels imitieren, wird heute immer noch durchgeführt. In der modernen Ausführung versuchen sich die Gegner umzuwerfen, indem sie ziehen und stossen, der Einsatz von Beinen und Füssen ist ebenfalls erlaubt. Wer mit einem Körperteil oberhalb des Knies den Boden berührt, verliert. Es gibt neun Runden. Die Gewinner jeder Runde erhalten Ehrentitel wie «Aslan» (Löwe), «Zaan» (Elefant) oder «Nachin» (Falke). Auch hier spielen Tiere also eine wichtige Rolle.


Horseback Archery Hier ist Geschicklichkeit gefragt: Im Galopp muss der Reiter den Pfeil auf die Zielscheibe bringen. (Bild: Getty Images)

Es gibt an den Nomad Games mehrere Wettbewerbe im Bogenschiessen. Grundsätzlich gilt aber, dass der Bogen und die Pfeile aus natürlichen Materialien bestehen müssen. Die olympische Variante aus Karbon ist nicht erlaubt.

In klassischen Wettbewerben, wie sie traditionell in Südkorea, Ungarn und anderen Ländern praktiziert werden, wird aus dem Stand geschossen. Schwieriger ist die Sportart in der Türkei und Kirgistan, wo der Athlet zusätzlich noch reiten muss. Das Ziel muss im Galopp aus dem Sattel getroffen werden.


In diesen und 29 anderen Sportarten messen sich vom 2. bis 9. September die über 2000 Athleten. Die Veranstalter der World Nomad Games wollen mit ihrem Event traditionelle Spiele und Ethno-Sportarten international populärer machen. Auch der interreligiöse und interkulturelle Austausch soll gefördert werden. Ausserdem glauben sie, dass es in Zeiten der Globalisierung wichtig ist, dass historisches Kulturgut bewahrt und gepflegt wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2018, 17:39 Uhr

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