Unkontrolliertes Leid

Der Fall Larry Nassar wirft ein Schlaglicht auf das Angstklima im Kunstturnen.

Rauer Ton: Marta Karolyi mit US-Turnerinnen an den Olympischen Spielen 2016. Foto: ddp images

Rauer Ton: Marta Karolyi mit US-Turnerinnen an den Olympischen Spielen 2016. Foto: ddp images

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Missbrauch von mehr als 200 minderjährigen Turnerinnen, und zwar kalkuliert, manipulativ, hinterhältig und verabscheuungswürdig – der Prozess gegen den früheren Chefarzt des amerikanischen Turnverbandes öffnete den Blick in tiefste Abgründe. Larry Nassar wurde am Mittwoch zu einer 175-jährigen Haftstraffe verurteilt. Das Urteil wurde gefällt, nachdem die Opfer unter Tränen, ­Heulkrämpfen und Fassungslosigkeit gegen ­ ihren einstigen Peiniger ausgesagt hatten.

Dass sich Nassar jahrzehntelang an seinen jungen Patientinnen vergreifen konnte, lag nicht an ihm allein, sondern auch daran, dass ihn niemand kontrollierte oder stoppte. Nicht der Verband USA Gymnastics, zu dessen Ärzteteam Nassar ab 1986 gehörte und dessen medizinische Abteilung er ab 1996 leitete. Nicht das Olympische Komitee der USA, das ihn zu fünf Sommerspielen mitnahm. Nicht die Michigan State University, an der er als Osteopath praktizierte.

Deutlich mehr als 140 Turnerinnen hat Larry Nassar wohl missbraucht. Im Bundesstaat Michigan steht er vor Gericht. Video: Tamedia

Und es lag an Trainern, Physiotherapeuten und Verantwortlichen dieser Institutionen, die Nassar auch dann noch deckten, als sich die Beschwerden über seine seltsamen Behandlungen häuften. Oder an all den Eltern, die dem reich dekorierten Arzt mehr Glauben schenkten als ihren eingeschüchterten Töchtern. «Also gab ich mir selbst die Schuld und schwieg», sagte Jennifer Bedford, eines der vielen Opfer.

«Lieber vertrauten sie sich niemandem an als dem Falschen.»

«Im Kunstturnen wird der Athlet extrem unterdrückt. So kann eine Kultur des Schweigens erst entstehen. Der Turnerin wird eingetrichtert: Du bist jung, hast nichts zu sagen, musst dich fügen», sagt die frühere Schweizer Spitzenturnerin Ariella Kaeslin im Interview mit der «SonntagsZeitung». Gepaart mit dem jungen Alter der Athletinnen, führe dies zu «einem Klima, in dem Missstände wuchern können», sagt die heute 30-jährige Luzernerin.

Sie selbst hatte 2007 mit Teamkolleginnen gegen entwürdigende Methoden des damaligen Nationaltrainers Eric Demay aufbegehrt und ihre Karriere riskiert. Der Schweizerische Turnverband stellte sich – nach anfänglichem Zögern – am Ende hinter die Turnerinnen und entliess Demay. Beim berühmtesten Missbrauchsfall im Schweizer Sport, jenem des einstigen Primar- und Turnlehrers Köbi F. im aargauischen Möriken, waren es die Dorfbevölkerung und die Schulpflege, die sich schützend vor den beliebten Pädagogen und gegen das 14-jährige Mädchen und seine Mutter stellten, die ihn öffentlich beschuldigten.

Wehrte sich eine, stand die Nächste da

«Es braucht Mut, um sich als Turnerin aufzulehnen», sagt Kaeslin, doch ist Mut abseits der Geräte keine Eigenschaft, die in Trainingszentren sehr gefragt wäre. Gehorsam dafür umso mehr. Das gilt erst recht für grosse Turnnationen wie China, Russland oder die USA mit ihren schier unerschöpflichen Reservoirs an ambitionierten Turnerinnen. Wehrt sich eine, ist die nächste gerne bereit, den Platz einzunehmen. Schweizerinnen kennen diesen Verdrängungskampf kaum.

Das Magglingen des US-Turnsport ist eine Waldlichtung in Texas. Dort steht die berüchtigte Karolyi-Ranch, die für das so erfolgreiche Frauen-Nationalteam als Trainingsbasis dient. Fernab jeder Zivilisation und jeden Handyempfangs traf es sich dort zu monatlichen Zusammenzügen. Eltern sind auf der Ranch so wenig erwünscht wie Journalisten, und das aus gutem Grund: Die Gerichtsverhandlung im Fall Larry Nassar bestätigte die unmenschlichen Bedingungen. So hat sich die frühere Kaderturnerin Mattie Larson einmal ihren Kopf absichtlich an der heimischen Badewanne aufgeschlagen, um bloss nicht ins Trainingslager fliegen zu müssen.

Während vieler Jahre mit der Peitsche am Antrieb: Marta Karolyi. Zusammen mit ihrem Mann Bela hat sie die Ranch 1984 eröffnet, drei Jahre nach ihrer Immigration aus Rumänien – in ihrer alten Heimat hatten die Karolyis unter anderen Nadia Comaneci zu Weltruhm gedrillt. Mit ihnen hielt der raue Ton auch im US-Turnsport Einzug. Und damit dieses Klima, in dem sich Turnerinnen lieber niemandem anvertrauen als dem Falschen. In dem sie sich nach immerhin etwas Zuwendung sehnten. Larry Nassar, auch er ständig vor Ort, hat sie ihnen gegeben. Auf noch viel unmenschlichere Art und Weise.

USA Gymnastics, das den Vertrag mit der Karolyi-Ranch nun sofort beendete, hat nicht einmal abklären lassen, ob Nassar in Texas überhaupt praktizieren durfte. Tja: durfte er nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2018, 20:58 Uhr

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