YB vom eigenen Erfolg überholt

Gigant in der Schweiz, Habenichts in Europa – die Young Boys bewegen sich weiter zwischen zwei Extremen. Und es ist Ansichtssache, wie man ihre Rolle in der Champions League definieren möchte.

Glücklos in Valencia: Die Young Boys suchen in der Champions League noch ihren Platz.

Glücklos in Valencia: Die Young Boys suchen in der Champions League noch ihren Platz. Bild: Kai Forsterling (EPA)

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Man kann die Sache so sehen, wie sie YB sieht: Jeder Punktgewinn der Young Boys in der Champions League ist eine mittelgrosse Sensation. Wenn man das tut, darf man gerne daran erinnern, von wo der Club herkommt und wie unheimlich schlecht es ihm noch vor etwas mehr als 24 Monaten ging – ehe Christoph Spycher als Sportchef übernahm. Und es mit YB steil aufwärts ging. Bis in die Champions League und am Mittwoch ins grossartige Mestalla mit den steilsten Tribünen weltweit. 2016 wäre das spektakulärer Fantasystoff gewesen.

Die Young Boys kommen von sehr weit her, das 1:3 in Valencia ist für sie kein Rückschlag, selbst wenn sie bereits nach vier Spieltagen aus der Champions League ausgeschieden sind.

Wuchtig, mutig, offensiv

Weil aber vieles im Leben eine Frage der Perspektive ist, darf man die Sache auch anders betrachten. Nämlich so: YB mag krasser Aussenseiter sein, aber man müsste nie mehr als krasser Aussenseiter zu einem Wettbewerb antreten, wenn der krasse Aussenseiter nicht ab und zu gewinnt. Es ist selten hilfreich, sich kleiner zu machen, als man ist. Weit weg waren die Young Boys jedenfalls erneut nicht vom schwer kriselnden Valencia.

«Auf diesem Niveau ist jeder Fehler einer zu viel.»YB-Sportchef
Christoph Spycher

Dementsprechend verärgert präsentierten sie sich nach der Niederlage. «Es wäre mehr möglich gewesen», sagt Captain Steve von Bergen. «Aber wir haben zu viele Fehler gemacht.» So sieht es auch Sportchef Christoph Spycher: «Auf diesem Niveau ist jeder Fehler einer zu viel.»

Beeindruckend war in Valencia, mit welcher Härte die Young Boys agierten, sie waren kompromisslos und wuchtig, sie waren in der ersten Halbzeit mutig und bemerkenswert offensiv. Was zu jener Debatte führt, die man bei YB für unnötig hält, die aber je nach Perspektive und ganz sicher aus neutraler Optik durchaus interessant ist: Wie tritt man als krasser Aussenseiter auswärts in einem Champions-League-Spiel an?

Balance finden

Die Young Boys sind im 4-4-2-System so gross geworden, wie sie sind. Aber sie sind vielleicht zu klein, um damit bei einem spanischen Königsklassevertreter zu bestehen. Selbst wenn dieser schwächelt. Andererseits: Viel fehlte vor der Pause nicht, und YB hätte sich für seinen frechen Vortrag belohnt. Wären nicht diese ärgerlichen Aussetzer in der Defensive gewesen, die jedoch möglicherweise genau deshalb entstanden, weil der Druck auf die Abwehr durch die forsche Spielweise beträchtlich war.

Steve von Bergen hält wenig von dieser Systemdebatte. Er sagt: «Hätten wir defensiver gespielt, würde man uns Mutlosigkeit vorwerfen.» Und Christoph Spycher erklärt: «Wir wollten in Valencia unbedingt gewinnen, um in der Tabelle einen Schritt vorwärtszumachen.» Und sowieso: Die haarsträubenden individuellen Patzer vor den Gegentoren dürfen in keinem System passieren.

Der Grat ist eher schmal, auf dem die Young Boys durch diese Herbstwochen wandeln. Die Champions-League-Teilnahme veredelt ihr grossartiges Jahr, in der Super League schweben sie in eigenen Sphären, wie einst Basel, aber in der Sternenliga gelingen ihnen keine grandiosen Siege wie damals dem FCB. «Wir spielen zum ersten Mal in der Champions League», sagt Sportchef Spycher, «das sind alles wertvolle Erfahrungen.» Trainer Gerardo Seoane meint, es sei entscheidend, dass die vielen jungen Fussballer möglichst viel lernten. «Sie profitieren enorm von diesen Partien.»

Es war am Mittwoch das Ziel der Young Boys gewesen, den verunsicherten FC Valencia in viele Zweikämpfe zu zwingen. «Und wir wollten Emotionen reinbringen», sagt von Bergen. «Aber es ist wichtig, dass man Emotionen kontrollieren kann.» Manch ein Berner übertrieb es: Nicolas Ngamaleu hätte sich über einen Platzverweis nicht beschweren können und musste zur Pause ausgewechselt werden, Sékou Sanogo erhielt die Rote Karte.

Kaderreduktion im Winter

Von einem Punktgewinn war YB letztlich trotz starker erster Hälfte einiges entfernt. Niemand erwartet Siege in der Champions League, je nach Blickwinkel aber ist es nicht falsch, auf das 2:0 von Roter Stern Belgrad am Dienstag gegen den Champions-League-Finalisten Liverpool, der deutlich stärker ist als Valencia, hinzuweisen. Ein Coup ist den Young Boys bisher nicht gelungen. Nur zwei von 32 Teilnehmern sind in der Gruppenphase schwächer und noch ohne Punkt: Lokomotive Moskau und AEK Athen.

Die YB-Resultate sind genau so, wie man sie hatte erwarten dürfen. Aber zusammengebrochen ist das Team nie, nicht wie Belgrad bei Paris Saint-Germain (1:6) – oder Donezk (0:6 bei Manchester City) und Pilsen (0:5 gegen Real Madrid) diese Woche.

Irgendwie sind diese Young Boys vom eigenen Grosserfolg rechts überholt worden. Nun sind sie mit der Herausforderung konfrontiert, die Status als Gigant zu Hause sowie als Habenichts in Europa zu verbinden. Und in der Winterpause könnte das breite Kader durch lukrative Spielerverkäufe verkleinert werden. Dieses Team ist konzipiert worden für intensive Zeiten in drei Wettbewerben. Es ist unrealistisch, und diesbezüglich gibt es nur eine Perspektive, Siege bei Manchester United sowie gegen Juventus zu erwarten und den Sprung als Dritter in die Europa-League-Sechzehntelfinals.

Die aufregende Herbstreise aber darf YB weiter geniessen. Im Old Trafford Ende November sollen laut Fanexperten so viele Berner Supporter wie noch nie in einem Europacup-Auswärtsspiel dabei sein (rund 3500). Und Mitte Dezember gastiert Cristiano Ronaldo im Stade de Suisse. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.11.2018, 08:37 Uhr

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