Mit Stift und Papier gegen das grosse Turin

Er wird gegen Juventus im Fokus stehen wie kein anderer von YB: Goalie David von Ballmoos. Der 23-Jährige erzählt, wie er gelernt hat, mit der Nervosität umzugehen.

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Dominic Wuillemin

Die Nacht ist vorbei, die Nervosität da. Es ist der Morgen des grossen Spiels in der Champions League gegen Juventus Turin. David von Ballmoos erwacht im Hotelzimmer, so stellt sich das der YB-Goalie vor, und die Gedanken an den Abend, an dieses Spiel, lassen sich nicht verdrängen. Ihm ist bewusst: «Noch neun Stunden.» Bald werden daraus acht, dann sieben. Die Uhr tickt. Die grosse Partie, sie rückt näher. «Die Stunden im Hotel vor dem Spiel sind die schlimmsten», sagt er.

Von Ballmoos nimmt dann ein Buch hervor, vorzugsweise eine Biografie. Jene von Torhütern habe er alle schon durch, sagt der 23-jährige Emmentaler, dessen grosses Vorbild Oliver Kahn ist. «Ich lese sehr gerne, die Zeit vergeht dabei rasch. Und es hilft mir, abzuschalten.»

GC statt Manchester

Stoff für ein Buch bietet auch seine Geschichte: aufgewachsen auf einem Bauernhof auf der Lueg, vom gelernten Landmaschinenmechaniker zum Goalie beim Meister und in der Königsklasse. Vor allem das letzte Jahr ist reich an Inhalt: der Aufstieg zur Nummer 1 im Sommer 2017, die souveräne Vorrunde, in der von Ballmoos seinen Status rechtfertigen kann. Der Tiefschlag im Winter, als er sich schwer an der Schulter verletzt – nicht zum ersten Mal in seiner Karriere. Die Zweifel, dann in der Rückrunde nur zuschauen zu können, während die Kollegen auf dem Weg zum Meistertitel Woche für Woche neue Höhepunkte erleben. Und schliesslich der Sommer, der ihm erst die vor­zeitige Vertragsverlängerung bis 2022 bringt, aber auch die Herausforderung bereithält, den Meisterhelden Marco Wölfli zu verdrängen.

Wenn er nun zurückblickt, verrät von Ballmoos, dass gerade die Zeit im Sommer nicht so einfach war, wie er sie manchmal aussehen liess. Auf die Frage, welches das schwierigste Spiel in dieser Saison gewesen sei, ­erwähnt er nicht jenes gegen Manchester United mit den Stars Pogba, Lukaku, Rashford. Er kommt auch nicht auf das Hinspiel gegen Zagreb zu sprechen, als er im Playoff zur Königsklasse sein Team im Spiel hielt. Stattdessen, sagt von Ballmoos, sei es die Partie gegen GC gewesen, bei der er am ersten Spieltag mit einem 2:0-Erfolg sein Comeback gab. «Aufgrund der Vorgeschichte war die mentale Belastung enorm. Nach dem Abpfiff fiel eine riesige Last von mir», sagt er. Als von Ballmoos den Rasen verliess, dachte er: «Jetzt ist wieder alles gut.»

Stöbern in alten Notizen

Zurück im Hotel in Turin. Bis zum Anpfiff sind es noch drei Stunden. Von Ballmoos greift zu Stift und Notizbuch. «Ich schreibe auf, was mich im Match erwarten könnte. Was ich umsetzen will.» Dazu hört er Musik, laufen die Bilder im Kopf ab. Der Goalie stellt sich vor, wie er Schüsse abwehrt, Flanken abfängt, Rückpässe verarbeitet. «So komme ich in Stimmung», sagt er. Seit zwei Jahren hat er das ­Notizbüchlein immer bei sich. Mittlerweile ist er beim vierten Innenband angelangt.

Die Pressekonferenzen von YB und Juve vor dem Champions-League-Spiel in Turin. Video: Fabian Sanginés

Manchmal stöbert von Ballmoos in alten Notizen. Sie helfen, Tief-, aber auch all die Höhepunkte, welche die YB-Spieler derzeit fast im Wochentakt erleben, zu relativieren. «Etwas, das ich nun als riesengrosses Ereignis wahrnehme, wird vielleicht in zehn Jahren nicht einmal eine Randnotiz in meiner Geschichte sein», sagt er. Und: «Ein einzelnes Spiel wird nie über den Verlauf meiner Karriere entscheiden.»

Das kann ein beruhigender Gedanke sein vor einer Partie wie heute in Turin. Diese verspricht für den YB-Torhüter sehr arbeitsreich zu werden – im ­Fokus der Weltöffentlichkeit. Wobei die Grösse der Bühne für den Goalie mehr Ansporn denn Belastung ist, wie er sagt.

Pogba und der Penalty

David von Ballmoos denkt zurück an die Premiere in der Champions League gegen Manchester United unter Flutlicht im ausverkauften Stade de Suisse. Und er erinnert sich an jenen Moment, in dem ihm die ganze Aufmerksamkeit zuteil wurde. Kurz vor der Pause war es, als der Schiedsrichter auf Elfmeter entschied und nur noch von Ballmoos übrig blieb, um das 2:0 von Weltstar Pogba zu verhindern. Er habe in diesen Sekunden keinen Druck verspürt, sagt er. Im Gegenteil: «Ich habe den Moment genossen.»

Auch wenn er den Penalty knapp nicht habe abwehren können und später noch ein drittes Mal bezwungen worden sei, sei der Abend für ihn die Bestätigung gewesen, auf diesem Niveau bestehen zu können, sagt er. Das Spiel gegen Manchester, von Ballmoos wird es sich heute Nachmittag im Hotelzimmer bruchstückweise noch einmal vor Augen führen.

Rockmusik im Ohr

Bis zum Match in Turin sind es nur noch eineinhalb Stunden, die Young Boys betreten das Juventus-Stadion. Die Nervosität, die Anspannung der letzten Stunden würden dann verflogen sein, glaubt von Ballmoos. «Man denkt nur noch ans Spiel, an die neunzig Minuten.» Das Notizbüchlein platziert er in der Garderobe unter dem Paar Handschuhe, das er während des Matchs tragen wird. Dann geht er raus auf den Rasen, um sich aufzuwärmen.

Bis zum Spiel sind es jetzt nur noch fünfzehn Minuten. Von Ballmoos ist zurück in der Garderobe, er zieht sich um. Dann liest er noch einmal in seinem Büchlein, steckt die Kopfhörer in seine Ohren. Kurz vor dem Spiel höre er Rockmusik, Status Quo etwa, danach habe er das Gefühl, er könne Bäume ausreissen, erzählt er. Von Ballmoos denkt: «Jetzt ist Showtime.»

«Juventus macht sich kaum allzu grosse Sorgen»

Sie spielten von 2010 bis 2013 für Cesena und Palermo. ­Welche Erinnerungen haben Sie an die Partien gegen ­Juventus Turin?
Steve von Bergen: Dass wir nicht viele Punkte holten. Genauer gesagt: Es war nur einer in sechs Partien. Juventus ist in Italien immer der Favorit. Die Turiner sind auch ein Titelkandidat in der Champions League, sie haben in dieser Saison ­jedes Spiel gewonnen. Und ich habe kürzlich eine Statistik gesehen, wonach Juventus nur 2 von 21 Heimspielen in der Champions League verloren hat.

Was lösen diese Zahlen bei Ihnen aus vor dem Spiel in Turin?
Das ist natürlich eine ziemlich beeindruckende Statistik. Aber ich habe schon nach dem 0:3 zum Auftakt gegen Manchester United gesagt: Wenn wir in der Champions League punkten wollen, brauchen wir ein perfektes Spiel.

Wie gehen Sie die Partie an?
Wir betrachten das Spiel wie einen Cupmatch. Nur: Diesmal sind wir die Kleinen. Wir werden mit viel Herz, Mut und mannschaftlicher Geschlossenheit auftreten. Juventus ist sehr gut in Form, hat ein super Stadion. Auf dem Papier gibt es keine Zweifel. Aber im Fussball ist alles möglich. Wir werden sicher nicht mit dem Gedanken auf den Platz gehen, schon verloren zu haben.

Cristiano Ronaldo fehlt ­gesperrt. Das dürfte gut für YB sein, ist es aber auch schade?
Ob es gut ist, wissen wir nicht. Das kann ich Ihnen hinterher ­sagen. (schmunzelt) Im Ernst: Er ist vielleicht der beste Spieler der Welt. Für YB ist es kein Nachteil, wenn er fehlt. Aber Juventus hat genügend andere ­Offensivspieler mit Qualitäten. Beispielsweise Paulo Dybala, mit dem ich in­ Palermo zusammenspielte. Ich denke also nicht, dass sich ­Juventus allzu grosse Sorgen macht.

Die Vorfreude dürfte trotz Ronaldos Fehlen gross sein.
Sie wird von Stunde zu Stunde grösser. Wir sind unheimlich stolz, in der Champions League spielen zu können. Jede Partie ist eine riesige Herausforderung. Eine, an der wir wachsen werden.

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