Tränen, Emotionen und ein Stadion voller Buhs

Wie hielt Naomi Osaka das bloss aus? Nach ihrem Sieg über Serena Williams tobte das Publikum an der Siegerehrung.

Das Publikum tut seinen Unmut lautstark kund: Rund 24'000 Zuschauer buhen die 20-jährige Siegerin aus. Video: SRF

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Mit dem Druck kam sie klar, mit den knallharten Schlägen Serena Williams’ auch, mit den einseitig verteilten Sympathien in der grössten Tennisarena der Welt sowieso. Doch im Moment des Triumphs am US Open ist Naomi Osaka von ihren widersprüchlichen Gefühlen überfordert. Die Freude über ihren ersten Grand-Slam-Titel mischt sich mit dem schlechten Gewissen. Denn sie verhinderte, dass ihr Idol den wichtigsten Rekord im Frauentennis egalisierte.

Nach dem Matchball bleibt ekstatischer Jubel aus. Kurz huscht ein Lächeln über Osakas Gesicht, doch dann zieht sie den Schirm ihrer offenen Mütze herunter. Kurz darauf laufen der 20-Jährigen auf dem Podest – viele der knapp 24'000 Zuschauer tun ihren Unmut lautstark kund – Tränen über die Wangen. Erneut versucht sie, ihre Augen hinter dem Schirm der Kopfbedeckung zu verstecken. Beim Interview vor der Pokalübergabe beantwortet sie nicht die Frage, sondern sagt: «Ich weiss, dass alle sie unterstützt haben. Es tut mir leid, dass es so geendet hat.» Und wieder füllen sich die Augen mit Wasser. So sehen gewöhnlich keine Siegerinnen aus.

Doch der Final war auch kein gewöhnliches Spiel. Zahlreiche US-Medien hatten im Vorfeld einen Erfolg von Williams antizipiert. So hatte «USA Today» in Erwartung eines Siegs der «Superheldin» geschrieben: «Sportgeschichte? Es ist mehr als das. Lasst es uns nennen, was es wirklich ist: amerikanische Geschichte.» Nun wurde in New York japanische Sportgeschichte geschrieben, Osaka krönte sich mit dem 6:2, 6:4 zur ersten Grand-Slam-Siegerin ihres Landes. Dass die Rechtshänderin ihre Nerven im Zaum halten konnte, war in Anbetracht des zweiten Satzes eine Meisterleistung. Denn es wurde nicht nur Tennis gespielt, sondern auch viel diskutiert. Ihre Gegnerin wurde wegen unerlaubten Coachings verwarnt, wegen Zertrümmerns des Schlägers mit einem Strafpunkt und schliesslich wegen Schiedsrichterbeleidigung mit einem Strafgame belegt.

Bildstrecke: Am besten war Serena Williams an der Siegerehrung

Die Tochter eines Haitianers und einer Japanerin war am Drama um Williams und Schiedsrichter Carlos Ramos unschuldig und im Final schlicht besser als ihr Idol. Weshalb entschuldigte sie sich denn beim Publikum? «Weil ich weiss, dass Serena unbedingt den 24. Grand-Slam-Titel haben wollte. Jeder weiss das. Doch wenn ich den Platz betrete, fühle ich mich wie eine andere Person. Dann bin ich nicht ein Serena-Fan, sondern eine Tennisspielerin, die sich mit einer anderen misst. Aber als ich sie am Netz umarmte . . .» Und nun fliessen auch an der Pressekonferenz Tränen. Nach ein paar Sekunden hat sich Osaka gefasst. «Als ich sie am Netz umarmte, fühlte ich mich wieder wie ein kleines Kind.»

Wie das Kind, das Williams nacheiferte, das in der 3. Klasse in einem Vortrag sagte, es möchte werden wie der Tennisstar aus Kalifornien. Und nun ist Osaka selber Grand-Slam-Siegerin. Und eines ist am US Open klar geworden: Die Tränen sind kein Zeichen von Schwäche. Die schüchterne, sensible japanisch-amerikanische Doppelbürgerin verfügt nicht nur über hervorragende Schläge, sie spielt auch umso besser, je grösser die Bühne ist. Es ist das Merkmal von Champions.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2018, 08:09 Uhr

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