Piqués Davis-Cup-Traum droht zu platzen

Der Fussballer hat mit dem Traditionsanlass Grosses vor, doch mittlerweile sieht nicht nur Roger Federer die Pläne kritisch.

So sieht er sich gerne: Gerard Piqué verkauft sich nach aussen als entschlossener Macher, hat bisher aber nur wenig Erfolg als Sportfunktionär.

So sieht er sich gerne: Gerard Piqué verkauft sich nach aussen als entschlossener Macher, hat bisher aber nur wenig Erfolg als Sportfunktionär.

(Bild: Keystone Fernando Alvarado)

Kürzlich unternahm Gerard Piqué eine Reise. Der 31-jährige Spanier flog nach Shanghai, um mit Tennisspielern zu reden. Dann flog er zurück. Am Mittwochvormittag kümmerte er sich um seinen eigenen Beruf, ehe er am Nachmittag für den nächsten Termin nach Madrid flog. Er hatte zu einer Pressekonferenz geladen, samt Funktionären und Botschaftern in eigener Sache. Ein Vertreter des Internationalen Tennis-Verbandes (ITF) war da. Die Bürgermeisterin von Madrid. Danach, am Abend noch, liess Piqué eine Pressemitteilung mit schönen PR-Sätzen der Veranstaltung im IFEMA Trade Fair Center weltweit verbreiten. Dazu packte er drei Fotos: Piqué beim Reden. Piqué beim Handschütteln. Piqué auf dem Podium mit Referenten. Auf seiner Twitter-Seite veröffentlichte er die Bilder auch sogleich. Seine 18,9 Millionen Nutzer kamen in den Genuss der Motive.

2019 bricht der ruhmreiche Davis Cup ja in eine neue Ära auf und liegt dann in den Händen einer Investorengruppe namens Kosmos Group; dessen Gründer und Gesicht ist der smarte Piqué. Doch nun sieht es aus, als könnte es bei der Geburt ein Fiasko geben. Auch wenn das wohl nicht an mangelnder Eigenvermarktung jener Gruppe liegen würde, die mit ihren Plänen die ohnehin komplizierte Turnierlandschaft noch komplizierter macht.

Stand jetzt lässt sich festhalten, sie macht die ganze Branche verrückt. Zunächst mit der versprochenen Ausschüttung von surreal anmutenden drei Milliarden Dollar an Verbände und Spieler über 25 Jahre; und nunmehr auch mit planerischen Problemen, die vermehrt zutage treten und von denen keine Rede war, als im Sommer auf der ITF-Generalversammlung der Zuschlag für den Relaunch des wichtigsten Männer-Mannschaftswettbewerbs erteilt wurde. Piqué und Gefolge sehen das alles naturgemäss anders. «Wir denken, das wird eine magische Woche für das Welttennis», sagte Piqué. Er meinte die Endrunde, an der 18 Mannschaften teilnehmen, die sich über verschiedene Wege den Start sichern.

«Der Davis Cup kann nicht der Piqué Cup werden.»

Die Crux nur: Allein die Terminfindung gleicht einer unlösbaren Aufgabe. Eine Turnierrunde im November, wie für 2019 angesetzt, ist zu spät, weil alle Topspieler die Saison nach den ATP Finals normalerweise beenden. Der September – Piqués Wunsch – ist von Roger Federers Event, dem Laver Cup, belegt. Erschwerend kommt hinzu: Piqué ist nicht aus dem Tennis. Er ist Fussballprofi beim FC Barcelona, und diese Übernahme wird von einigen als feindlich empfunden, wie mehr und mehr klar wird. Piqué hat ja weitere Ideen. Er möchte einen «Majesty Cup» ausrichten mit 64 Profis. Der Sieger erhält zehn Millionen Dollar, der Rest nichts. «Es ist etwas seltsam für uns Tennisspieler, in unsere Welt einzudringen», sagte Roger Federer, «er muss sehr aufpassen, der Davis Cup kann nicht der Piqué Cup werden.»

Einerseits konnte man dem 20-maligen Grand-Slam-Sieger Eigeninteresse unterstellen, mit seinem vor zwei Jahren erfolgreich eingeführten Laver Cup fischt Federer im selben Teich wie der Davis Cup, in dem es um viel Geld und keine Weltranglistenpunkte geht. Wenngleich sein Event einen Nachteil gegenüber dem Davis Cup hat: Es fehlen 118 Jahre Tradition und sportlicher Wert. Aber: Der Laver Cup funktioniert, die Topprofis aus den USA und dem Rest der Welt nahmen ihn an.

Andererseits ist Federers Stimme von Gewicht. Entsprechende Symbolkraft hatte dann auch sein Bekenntnis, wohl kaum 2019 im Davis Cup mitzumachen. «Ich bezweifle, dass ich spielen werde», sagte der 37-Jährige, «ich denke, das alles wurde nicht für mich entworfen. Dies alles wurde für die zukünftige Generation von Spielern entworfen.» Mit diesem Statement allein hatte er Piqué und ITF-Präsident David Haggerty vorgeführt, die sich doch aus einem Grund vor allem als Zweckgemeinschaft zusammen getan hatten: Beide wollten einen Davis Cup präsentieren, in dem endlich alle Stars antreten und nicht ständig einer fehlt. Haggerty braucht zudem einen Erfolgsnachweis seiner blassen Präsidentschaft, er will 2019 wiedergewählt werden. Und Piqué, eher am Ende seiner Fussballkarriere, hat Gefallen daran gefunden, als Unternehmer in Sport und Wirtschaft mitzumischen, und zwar im grossen Stil.

Die ATP arbeitet gegen die Pläne von Piqué und Kosmos

Unter den grossen Tennisnationen hatte es Bedenken und Ablehnung gegenüber den Plänen der ITF und Kosmos gegeben, auch der Deutsche Tennis-Bund zählte zur Opposition. Doch letztlich sicherte der einfachste Funktionärstrick die nötigen Stimmen für den Mehrheitsbeschluss: Allen wurde viel Geld versprochen, auch kleinsten Verbänden, die es mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht mal in die Nähe einer Davis-Cup-Hauptfeldpartie je schaffen. Welch knifflige Konstellation sich nun allerdings herauskristallisierte: ITF und Kosmos müssen ihr schmissig verkauftes Davis-Cup-Format in einen Tenniskalender fräsen, der zubetoniert ist – und in dem sie harte Gegenspieler haben.

Der mächtigste ist die ATP, die Spielervereinigung der Profis, der die Tour mit den Turnieren ausser den vier Grand Slams gehört. Nun hat die ATP, um selbst einen Pflock zu setzen, kurzerhand den World Team Cup reanimiert, ab Januar 2020 soll er stattfinden. Und: Zu diesem Wettbewerb stehen die Topspieler. Novak Djokovic etwa hatte in Shanghai betont, müsste er sich entscheiden, er würde den World Team Cup wählen. Auch andere wie Alexander Zverev äusserten sich ähnlich. Als die Absagenflut zunahm, packte Piqué den Koffer – und flog nach Shanghai.

Die Kosmos Group rudert erstmals zurück

Seine Reisen und auch die spontan einberufene PK in Madrid wirken wie die eines Feuerwehrmannes, der Schlimmeres verhindern will. Er beschwichtigte und betonte etwa, Rafael Nadal werde spielen, wenn er fit sei. Und genau das ist der Haken: Der Spanier ist zum Ende der Saison fast nie gesund. Bezüglich Federer wiederum habe er noch nicht «die Türen zugemacht», sagte Piqué. Das war angesichts der Tatsache, dass Federer ihm die Tür zugeknallt hatte, fast lustig. Immerhin hat Piqué einen Abprellbock vorgeschaltet, der Kritik für ihn erwidert. Javier Alonso, Kosmos-Generaldirektor, führte nun das Argument ins Feld, es gehe ja auch beim neuen Davis Cup gar nicht darum, die grössten Stars zu präsentieren. Es gehe um Teams.

Da wird, so der Eindruck, bereits mächtig zurückgerudert von den elfenbeinturmhohen Zielen zuvor. Seine Energie benötigt Piqué ohnehin in anderer Angelegenheit. Spanische Medien berichteten: Seine permanenten Ausflüge in die Welt des Tennis sollen seinem Arbeitgeber, dem in der Primera División schwächelnden FC Barcelona, inzwischen sauer aufstossen.

Süddeutsche Zeitung

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