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Mit Wawrinka im Sand

Liveticker können heute selbst Strandtage verändern. Aber nur mit Fernspannung.

Palermo war wegen Pippo. Dort ist er geboren, der sizilianische Cantautore Pippo Pollina, der sich in jungen Jahren als Journalist gegen die Mafia engagiert hatte, bis er loszog, mit Schlafsack und seiner Gitarre, und überall in Europa auf der Strasse Musik machte, viele Jahre lang, einmal da, einmal dort. Der bündnerische Liedermacher Linard Bardill entdeckte ihn, Pollina machte Karriere auf der Bühne, und seit mehr als zwanzig Jahren lebt er im Zürcher Seefeld.

Und jetzt ging für ihn ein Traum in Erfüllung, in seinem Palermo, dieser Stadt mit der reichen Geschichte, die aufgeblüht ist, seit wieder ein normales Leben ohne Angst möglich ist. Das Teatro Massimo, das einmal beinahe zu einer Ruine wurde und lange Zeit geschlossen blieb, gehört heute zu einem der schönsten Opernhäuser Europas.

Pippo durfte letzten Freitag hier auftreten, es war für ihn ein äusserst emotionaler Moment, das Publikum klatschte frenetisch und rief seinen Namen noch lange nach der letzten Zugabe, als Pollina bereits unter der Dusche stand, es klatschte vergeblich, weil schon mit dem Aufräumen des Teatro begonnen werden musste, die italienische Bürokratie verlangte es.

Dann kam der Sonntag, in Palermo waren Wahlen, und Leoluca Orlando, der 70-jährige Bürgermeister, der Pippo das Konzert im Teatro möglich machte und so grosses Verdienst daran hat, dass die Mafia in der Stadt nicht mehr Schrecken verbreitet, wurde in seinem Amt bestätigt, zum fünften Mal in schon mehr als 30 Jahren ist er Stadtoberhaupt, mit einem längeren Unterbruch dazwischen, er lebt unter ständigem Personenschutz.

Und es spielte Stan.

Auch Palermo schwitzte, draussen in Mondello, dem mondänen Badeort mit dem langen Sandstrand und dem karibisch blauen Wasser, war schon mittags jeder Liegestuhl fast doppelt besetzt. Stan spielte in Paris. Einst musste man, irgendwo im Ausland, die Telefonnummer 164 wählen, um ein sportliches Resultat zu erfahren, manchmal versuchte man es mehrmals, die Welt war noch nicht live überall verbunden wie heute.

Stan spielte, aber im Hotel in der Nähe des Quattro Canti, dem Platz im Zentrum mit den vier Brunnen, war der Privatsender Sky nicht zu empfangen, keine Bilder aus Paris am Fernsehen also. Doch inzwischen gibt es Liveticker bei jedem Medium.

Zwei Tage zuvor, bei Wawrinka gegen Murray, war es, als würde man einen Krimi von Raymond Chandler lesen - das Handy vor das Auge gepresst, wenn der eine Onlinekanal zu lange schwieg, probierte man einen anderen; jetzt, 30:15, jetzt 30:40, Vorteil Murray, Vorteil Wawrinka, wieder Deuce, ständig wechselte es, man blickte auf das kleine Display, wartete, bangte, wartete, bangte - wie lange geht denn dieser Ballwechsel? Spielen sie wirklich noch? Keine Netzwerkverbindung mehr. Dann kam, für den, der mit Stan fieberte, der Jubel oder die Verzweiflung, zuletzt, mit dem schönen Ende, war man nass vor Aufregung.

Und jetzt an diesem heissen Sonntagnachmittag, draussen gegen 35 Grad, der sizilianische Himmel blau wie Wawrinkas Shirt, ganz am Anfang ein Feuerwerk - ein Breakball Wawrinka! Es standen dazu im Ticker gar drei Ausrufezeichen. Nichts wurde daraus. Es war, wusste man zwei Stunden später, nur ein Apéro, der bald bitter schmeckte.

Liveticker verlieren an Reiz, wenn alles hoffnungslos ist und man es nicht einmal sehen kann.

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