Mit Vorfreude ins «normale» Leben

Michael Lammer reflektiert seine Karriere, die in Indian Wells einen denkwürdigen Abschluss erfuhr.

Michael Lammer führte seine Karriere im Schatten Federers, kam durch seinen Jugendfreund aber in Indian Wells zum schönen Abgang. Foto: Julian Finney (Getty Images)

Michael Lammer führte seine Karriere im Schatten Federers, kam durch seinen Jugendfreund aber in Indian Wells zum schönen Abgang. Foto: Julian Finney (Getty Images)

René Stauffer@staffsky

Passender hätte das Ende nicht sein können: mit einem Doppel an der Seite seines Jugendfreundes Roger Federer, mit dem er einst in Biel ein Apartment ­geteilt hatte; mit dem er vor vielen Jahren Junioren­meister geworden war, als ­ 13- oder 14-Jährige, so genau weiss es ­Michael Lammer selber nicht mehr. «Es war schön, so aufzuhören, super. Eine unglaubliche Atmosphäre, ein spezieller Moment», schwärmt er. Und erst noch in Indian Wells, an einem seiner Lieblingsturniere, in einem grossen ­Stadion.

Einen Tag nach der knappen Niederlage gegen Matkowski/Zimonjic verkündete der Dübendorfer, der kommende Woche 33 Jahre alt wird, über Twitter seinen Rücktritt. Nun sitzt er auf der ­Terrasse vor der Players Lounge, wo ihn später auch eine Journalistin der ATP-Tour interviewen wird. Er wirkt gelöst, erleichtert. «Es war der richtige Zeitpunkt, es fühlt sich gut an», sagt er. «Wenn du so lange gespielt hast, hast du schon Angst vor dem Tag, an dem du sagst: Das war es. Es geht doch etwas Schönes zu Ende. Das Tourleben, der Tenniszirkus, das ist schon speziell.» Schon Ende 2014 hatte er mit dem ­Gedanken gespielt, «doch dann wollte ich die ­Davis-Cup-Partie gegen Belgien unbedingt noch spielen».

Der Davis-Cup als Triebfeder

Zum Einsatz in Indian Wells und der Rücktrittserklärung sei es ziemlich spontan gekommen. Bereits in Dubai hatte er – erstmals auf der Profitour – mit Federer ein Doppel bestritten. In Indian Wells habe er zuerst nur im Einzel antreten wollen, sagt Federer. «Aber weil ­Michael ohnehin gekommen wäre, als Kollege, dachte ich: warum nicht? Vom Turnier hiess es, ich könne Doppel spielen, mit wem ich wolle.»

Es war nicht das erste Mal, dass Lammer von der Nähe zu Federer profitierte. Er weiss, dass seine Karriere in günstiger Konstellation verlief. «Es ist auch nicht selbstverständlich, dass ein Spieler mit meinen Erfolgen zu einem Davis-Cup-Siegerteam gehört», sagt er. Dieser Wettbewerb sei am Ende seine Hauptmotivation gewesen. «Wenn du an ­Future-Turnieren auf Platz 15 ohne Ref spielst und noch betrogen wirst, denkst du schon: Warum machst du das? Wenn man ein Ziel hat, wird alles einfacher.»

Lammer kennt sie gut, die Turniere abseits des Rampenlichts, die «kein Zuckerschlecken» seien. Auf oberster Profistufe bestritt er nur 31 Einzel und verlor 24 davon. Sein Revier ­waren Qualifikationen und Challenger-Turniere, von denen er zwei gewann (2007 in Montauban und 2008 in Pueblo). Aber auch, wie zuletzt, der ­Future-Circuit, auf dem er zehn Titel holte. Die Krönung aber brachte ihm das Davis-Cup-Team, in dem er sich als loyaler und guter Doppelspieler seinen Platz erkämpfte, auch wenn er im Ranking zuletzt klar zurückfiel.

Dass er nie in die Top 100 vorstiess, wurmt ihn schon; über Rang 150 kam er nie hinaus, im Moment ist er noch die Nummer 531. Trotzdem sagt er: «Gelohnt hat es sich auf jeden Fall. Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe.» Er habe viel erlebt, fremde Kulturen, viele Länder und Leute kennen und Sprachen gelernt. «Und ich lernte mich selber kennen, mich durchzubeissen, weil ich oft alleine unterwegs war. Das hilft mir auch im späteren Leben.»

Reich machte ihn das Tennis nicht. «Aber ich hatte das grosse Glück, mein Hobby während langer Zeit zum Beruf machen und davon leben zu können.» Dank offiziell 530 000 Dollar Preisgeld, treuen Sponsoren, dem Interclub und, natürlich, dem Davis-Cup («das war eine Einnahmequelle, die nicht zu unterschätzen war»). Geld sei aber nie seine Motivation gewesen, «sondern die Leidenschaft, die Liebe zum Sport».

Bachelor im Fernstudium

Und nun? Was komme, wisse er nicht ­genau. «Ich nehme mir jetzt Zeit, zu schauen, wie es weitergeht.» Lammer bestand die Wirtschaftsmatur, ehe er Tennisprofi wurde, im Dezember schloss er ein Fernstudium mit dem ­Bachelor in Business-Management ab. Wäre es keine Option, in die Agentur einzusteigen, die Federer mit Tony Godsick gegründet hat? «Das ist kein Thema, auch wenn ich mich mit Roger aus­tausche», sagt er. Er gibt aber zu: «Diese Richtung interessiert mich schon: Sport, Wirtschaft, Sponsoring, Management . . . Ich bin offen, es kann in viele Richtungen gehen, und das ist spannend.»

Er freue sich darauf, ein «normales» Leben zu führen, mit einfachen Dingen – Ferien mit der Freundin, die Zeit zu Hause, weniger zu reisen. «Zürich hat mir immer etwas gefehlt, zumal ich dort ein gutes Umfeld habe.» Als Tennisprofi lebe man «in einer anderen Welt», könne nichts planen, müsse stets flexibel sein, vernachlässige das soziale Leben. Dem Tennis ganz den Rücken zuwenden will er aber nicht. «Ich möchte fit bleiben, auch weiter Interclub spielen.»

Lammers Beispiel bestätigt es: Der Profisport ist eine Lebensschule, auch ohne die ganz grossen Erfolge.

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