Lohn der Hartnäckigkeit

Ein spanischer Tennisexperte schreibt, was Rafael Nadals Rückkehr auf Rang 1 in seiner Heimat bedeutet.

Wieder an der Spitze: Rafael Nadal ist wieder Weltnummer 1.

Wieder an der Spitze: Rafael Nadal ist wieder Weltnummer 1.

(Bild: Keystone)

Vor einiger Zeit gab es ein Quartett spanischer Sportler, die ihr Land mit Stolz erfüllten. Es waren der Golfer Severiano Ballesteros, der Skifahrer Paquito Fernández Ochoa, der Motorradfahrer Angel Nieto und der Tennis­spieler Manolo Santana. Sie waren «los quatro Magnificos», die vier Wunderbaren, weil sie Spaniens Sport in unbekannte Höhen hievten.

Ihre Sportarten schwollen an wie Rasierschaum, der aus der Dose kommt. Die Zahl der Aktiven stieg, landesweit begann man, mehr über Ski, Motorrad, Golf und Tennis zu sprechen als über Stierkampf, was unvorstellbar war.

Nachdem Nieto Anfang Monat nach einem Quad-Unfall starb, ist der 79-jährige Santana, der vier Grand-Slam-Titelgewann, der einzige Überlebende des Quartetts. Ochoa, Slalom-Olympiasieger 1972, war mit 56 Jahren an Krebs gestorben, der fünffache Major-Sieger Ballesteros noch zwei Jahre jünger an einem Gehirntumor.

Mit klarem Vorsprung Spaniens bislang grösster Sportler

Es dauerte lange, bis Spanien wieder über eine vergleichbare Gruppe verfügte, die die Emotionen explodieren lässt. Plötzlich erschienen gleichzeitig drei grosse Figuren: Formel-1-Fahrer Fernando Alonso, Basketball-Star Pau Gasol und Rafael Nadal. Die drei wetteiferten um Ruhm und Popularität und teilten sich die Hingabe der spanischen Öffentlichkeit.

Doch die Gleichheit zerbrach. Sie wurde zertrümmert durch den Schwung und die Erfolge Nadals, der mit 15 Grand-Slam-Titeln, darunter 10 in Roland Garros, unbestritten und mit grossem Vorsprung zum besten spanischen Sportler der Geschichte wurde. Als er am 18. August 2008 mit 22 Jahren erstmals Nummer 1 wurde, war das ein grosser Schritt in seiner Karriere. Er hatte erreicht, wovon jeder Spieler träumt und woran viele andere gescheitert ­waren, von Santana über Andres Gimeno bis Manuel Orantes.

Und Spaniens Öffentlichkeit fragt sich, was mit Nadal passiert wäre, wenn er 2003 keinen Riss im rechten Ellbogen erlitten und so sein erstes Roland Garros verpasst hätte. Wenn nicht ein Jahr später eine seiner wichtigsten Verletzungen aufgetaucht wäre, ein Riss des Kahnbeins im linken Fuss. Oder die Entzündung im linken Bein und die Tendinitis in den Knien 2005. Oder eine weitere Entzündung im linken Fuss Anfang 2006.

Verletzungen haben den Linkshänder während der gesamten Karriere begleitet. Einige waren harmlos, andere, wie die Entzündungen der Quadrizepssehne in beiden Knien, brutal. Als Folge der letzteren erlitt er 2009 gegen Robin Söderling die erste von nur zwei Niederlagen in Roland Garros. Darauf verpasste er Wimbledon und verlor die Nummer 1 der Weltrangliste.

Vom Handgelenk zurückgeworfen

2012 hielt ihn eine chronische Verletzung der Patellasehne im linken Knie nach Wimbledon sieben Monate vom Circuit fern, und er verpasste die Olympischen Spiele in London. Zwei Jahre später behinderte ihn im Endspiel des Australian Open gegen Stan Wawrinka eine Rückenblockade. Dann verhinderte eine Verletzung am rechten Handgelenk die Titelverteidigung in Toronto, Cincinnati und am US Open. Er unterzog sich einer Stammzellentherapie und liess sich am Blinddarm operieren.

Und so ging es weiter. 2015 war es am Australian Open das rechte Bein. Er beendete die Saison ohne grossen Titel und gab zu, im Laufe des Jahres unter Ängsten gelitten zu haben. 2016 schien es aufwärtszugehen, ehe er am French Open wegen einer Hand­gelenkverletzung nicht zur 3. Runde antreten konnte.

Jeder andere Athlet hätte angesichts dieser Flut von Verletzungen resigniert. Nicht Nadal. Zum grossen Teil wegen eines Mannes, der stets ein wichtiger Faktor in seiner Karriere war: Vater Sebastian, der keine Sekunde zögerte, um irgendwo auf der Welt einen Arzt zu finden, der eine Lösung hatte, wenn es keine mehr zu geben schien. Die andere grosse Unterstützung war sein Onkel und Trainer Toni ­Nadal, der es geschafft hat, ihn nochmals zur Nummer 1 zu führen, mit seinem unerschütterlichen Glauben. Und der mit Weisheit merkte, dass der Zuzug von Francis Roig und schliesslich jener von Carlos Moyá in den Betreuerstab positive Auswirkungen hatte.

Federer: Rivale, Weggefährte und grosse Inspirationsquelle

Nadal erklärte derweil stets, dass er kaum alles auf sich genommen hätte, wenn er nicht Zeit und Raum mit Federer geteilt hätte, seinem grossen Rivalen und dem Mann, der ihn inspirierte, sich nicht nur sportlich, sondern auch als Person zu übertreffen. Rafa und Roger dominierten die Tennistour, bis Djokovic und bald darauf Murray auftauchten. Und doch war es ihre Rivalität, die diese Ära prägte, vielleicht die beste der Geschichte.

Federers Grand-Slam-Titel sind ein permanenter Anreiz für Nadal, und der Schweizer stets präsent in den grössten Momenten seiner Karriere. Etwa im Australian-Open-Final 2009, als Nadal den weinenden Gegner an der Siegerehrung tröstete. Und auch jetzt, wo Nadal nochmals Nummer 1 wird, ist Federer ein Faktor – er hätte es als Einziger noch verhindern können, sofern er diese Woche nicht wegen des Rückens auf Cincinnati verzichtet hätte, wo Nadal im Viertelfinal gegen Nick Kyrgios verlor.

Liebling aller Schwiegermütter

Nadals Name steht in Spanien unweigerlich für die Leidenschaft für den Sport. In den Schulen wird er als Beispiel benutzt, und in den Tennisclubs, wo die Jüngsten trainieren, ist er das Vorbild und Ziel. Er ist der Bräutigam, den sich alle Mütter für ihre Töchter wünschen, wegen seiner Ausdauer, seiner Widerstandsfähigkeit und seiner Hartnäckigkeit. Die spanische Öffentlichkeit ist mit seinen Heldentaten ­gewachsen, hat seine Momente des Einbruchs geteilt und bei der Trennung seiner Eltern mitgelitten. Sie hat ­seinen Sturz erlebt, seinen Kampf und Aufstieg, und seine Rückkehr auf Rang 1 ist Balsam für viele. Alle Nachrichtensendungen eröffneten ihre Berichte mit dieser Meldung, weil sie ihn als Held auszeichnet und den unermüdlichen Kämpfer belohnt, der sich nie geschlagen gibt und Niederlagen als Anreiz nimmt, sich zu verbessern. Die spanischen Tennisfans, von denen viele auch Federer speziell verehren, warten nun gespannt auf die letzte Phase der Saison. Nadalistas und Federistas stehen sich wieder einmal gegenüber; jene, die für die Leidenschaft Nadals sterben, und jene, die der Kunst Federers erliegen. Jeder weiss, dass es einen erbitterten Kampf geben wird, wer das Jahr als Nummer 1 beendet, und dass die Würfel erst an den ATP-Finals in London fallen könnten. Die Fans frohlocken schon. Noch einmal warten sie auf ihre Helden. (Übersetzung rst)

SonntagsZeitung

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