«Je besser ich spielte, umso schlimmer wurde mein Vater»

Tennisspielerin Jelena Dokic erzählt von jahrelangen Misshandlungen durch ihren Vater. Der australische Verband wehrt sich gegen Vorwürfe, sie zu wenig geschützt zu haben.

Kann endlich nach vorne schauen: Jelena Dokic.

Kann endlich nach vorne schauen: Jelena Dokic. Bild: Getty Images

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Jelena Dokic erinnert sich genau an den Gürtel – braun und aus dickem, hartem Leder, scharf wie ein Messer stach er ihr in den Rücken, wenn ihr Vater sie damit schlug, bis kein Stück Haut unversehrt war. Es blieb aber nicht beim Gürtel. Ihr Vater schlug sie mit der Schuhsohle, trat sie ins Schienbein, verdrehte ihr das Handgelenk, spuckte sie an und beleidigte sie. Bis ihr Herz gebrochen war, wie Dokic in ihrer gestern veröffentlichten Autobiografie «Unbreakable» schreibt.

Dabei lag Dokic als Teenager die Welt zu Füssen. Sie war ein Ausnahmetalent, der kommende Star im australischen Tennis. Mit 16 Jahren besiegte sie 1999 die Weltranglistenerste Martina Hingis völlig überraschend in der Startrunde in Wimbledon. Aber auch diese Leistung war nicht gut genug für ihren Vater Damir, ein gewalttätiger Tyrann, der seine Tochter jahrelang misshandelte und einen langen Schatten über ihre Karriere warf. Jetzt hat sie ihre Geschichte zusammen mit einer Journalistin des «Daily Telegraph» in ihrer Biografie erzählt.

Sie ist die einzige Hoffnung auf ein besseres Leben

1994 wanderten die Dokics aus dem serbischen Teil Jugoslawiens nach Australien aus. Die Familie verbrachte die ersten Jahre im neuen Land in bitterer Armut – Vater Damir sah aber eine Möglichkeit, seinem Elend zu entkommen: die 11-jährige hochtalentierte Tochter Jelena. Er liess sie täglich den Druck spüren, eine bessere Zukunft für ihre Familie erspielen zu müssen. Und seit dem ersten Tag, an dem sie ein Racket in der Hand hielt, habe er sie misshandelt, erinnert sich Jelena Dokic.

Noch bevor sie aufstand, machte sie sich Sorgen, welche Gräueltaten wohl an diesem Tag auf sie warteten. Die emotionale Misshandlung in Form von Beschimpfungen, Beleidigungen und Bedrohung fing bereits auf dem Court an, die physischen Taten wie Schläge, Tritte oder das Zerstören ihrer Trophäen beging er zu Hause. Manchmal standen Jelenas Mutter und ihr kleiner Bruder daneben, manchmal schickte der Vater sie weg. Einmal verlor Jelena Dokic wegen der Schläge das Bewusstsein.

Für Dokic waren aber nicht einmal die körperlichen Misshandlungen das Schlimmste, sondern die emotionalen. Die endlosen Tiraden des Vaters, der sie als nutzlos bezeichnete und ihr Schimpfwörter an den Kopf warf. Das alles gipfelte in Wimbledon im Jahr 2000 in einer Nacht, die sie als Tiefpunkt ihrer ganzen Karriere bezeichnet.

Die 17-jährige Dokic erreichte ihr bis anhin bestes Grand-Slam-Resultat und verlor erst im Halbfinal gegen Lindsay Davenport. Nach dieser Niederlage sperrte der betrunkene Vater sie aus dem Hotelzimmer. Jelena blieb auf der Tennisanlage zurück, bis ein Schiedsrichter sie fand und zurück in ihre Unterkunft brachte. Sie konnte mit niemandem über ihre Situation sprechen, und niemand wagte, sie darauf anzusprechen. «Also fing ich an, mit mir selbst zu reden.» Sie dachte an Suizid.

Damir Dokic während des Halbfinals gegen Davenport. Bild: Reuters

«Je besser ich spielte, umso schlimmer wurde er. Das kann ich bis heute nicht verstehen», sagt Dokic über ihre Karriere. Deshalb konnte sie sich auch nicht mehr steigern, nachdem sie als Teenager solche Erfolge feierte. Der Halbfinal von Wimbledon als 17-Jährige blieb ihr bestes Resultat an einem Grand-Slam-Turnier. In der Weltrangliste erreichte sie zwei Jahre später, 2002, mit Rang 4 ihre beste Klassierung. 2001 zwang Damir sie dazu, künftig Jugoslawien und nicht mehr Australien zu vertreten – ein Sturm der Entrüstung folgte. 2005 sagte sie sich von ihrem Vater los und trat wieder für Australien an. Ein Jahr später drohte er, sie zu entführen. 2014 bestritt sie ihre letzte Einzelpartie.

Wir alle wussten: Etwas stimmt mit dieser Familie nicht

Dokics Geschichte ist so extrem, dass man sich fragen muss: Hätte man das nicht verhindern können? Man hätte es sogar verhindern müssen, argumentiert der australische Tennisjournalist Richard Hinds. Er nimmt sowohl den Verband Tennis Australia wie auch die Journalisten in die Pflicht. «Wir alle wussten, dass etwas nicht stimmt.» Mindestens dreimal hätten er oder ein anderer Reporter den Verband auf die Familienverhältnisse angesprochen. Manche Funktionäre haben den Fall sogar bei der Polizei gemeldet. Die Antwort war aber immer dieselbe: «Ohne Kooperation von Jelena Dokic können wir die Situation nicht richtig untersuchen.» Sie aber konnte ihrer persönlichen Hölle nicht entkommen, der Druck war zu gross.

Also schaute der Verband tatenlos zu, und Dokic litt weiter. 2009 machte sie die Misshandlungen öffentlich. Damir, der wieder in Serbien lebte, reagierte mit Morddrohungen an die australische Botschafterin und wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Heute sagt die 34-Jährige: «Ich hasse meinen Vater nicht. Ich glaube nicht, dass er das Ausmass seiner Taten verstanden hat.»

Mit «Unbreakable» hat sie das Narrativ ihrer Karriere umgedreht. Jetzt ist es sie und nicht mehr ihr Vater, der ihre Geschichte erzählt und ihr Leben bestimmt. «Endlich habe ich meinen Frieden», sagt sie und hofft, dass ihr Buch, das sie als die «Geschichte einer Überlebenden» bezeichnet, anderen Betroffenen von häuslicher Gewalt helfen kann. Heute tourt sie nicht mehr als Tennisspielerin durch Australien, sondern als Autorin. Im Januar war sie Kommentatorin am Australian Open.

Damir Dokic lebt weiterhin in seiner Heimat Serbien. Reue zeigt er keine. 2009 sagte er: «Wenn ich jemals ein wenig aggressiv gegenüber Jelena war, war es ihr zuliebe. Haben das nicht alle Eltern schon einmal gemacht?» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.11.2017, 10:49 Uhr

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