Heldin des Regelbruchs

Serena Williams machte dem Schiedsrichter nach dem US-Open-Final einen Sexismus-Vorwurf. Warum sie recht hat, auch wenn sie falschliegt.

War mit dem Schiedsrichter überhaupt nicht einer Meinung: Serena Williams. Video: Tamedia/AP/SRF

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Dramatischer lässt sich ein US-Open-Final nicht denken. Serena Williams, die überragende Figur des Frauentennis, will im Arthur Ashe Stadium ihren 24. Major-Titel holen, aber die überragende Naomi Osaka spielt sie an die Wand. Und dann der Skandal. Williams nennt den Schiedsrichter einen Lügner und einen Dieb. Ihr wird ein ganzes Game abgezogen, und sie verliert den Final. Während der folgenden Pressekonferenz erklärt sie sich. Sie habe Männer gehört, die Schiedsrichter als schon viel Schlimmeres mit ganz anderen Ausdrücken bedacht hätten. Dass sie wegen eines «Dieb» verwarnt worden sei, fühle sich für sie sexistisch an. Sie ist den Tränen nahe.

Werden Frauen strenger bewertet?

Nun diskutiert die Tenniswelt. Für die einen ist Serena eine schlechte Verliererin, ihr Verhalten eine Anmassung. Regeln gelten für alle, und Diventum ist auf dem Tenniscourt unerwünscht. Orientiert man sich einzig am Regelbuch, dann ist der Fall klar. Ihr Coach hatte ihr tatsächlich Handzeichen gegeben, wie er später zugab. Und das ist nicht erlaubt, selbst wenn sie es nicht gesehen hat. Auch das Rackett zu zertrümmern wird geahndet. Bleibt noch die Frage mit den Beschimpfungen. Werden Frauen tatsächlich schneller sanktioniert, wenn sie ihre Gefühle nicht mehr im Griff haben? Manche Kommentatoren verweisen auf einen John McEnroe und Andre Agassi, beide berühmt für ihre Ausbrüche. Auch Andy Murray liess auf Twitter verlauten, er habe Schiedsrichter schon Schlimmeres als «Dieb» genannt und sei nicht verwarnt worden. Also doch Sexismus?

Der Catsuit-Streit

Ob Sexismus am Samstag tatsächlich die treibende Kraft hinter den Entscheidungen des Schiedsrichters war oder nicht, kann nicht objektiv beurteilt werden, weil die Vergleichsmöglichkeiten fehlen. Sicher aber ist, dass es im Tennissport latenten Sexismus gibt, wie sich in den letzten Wochen zeigte. So erhielt Alize Cornet im Spiel gegen Johanna Larsson eine Verwarnung, nachdem sie mit verkehrt angezogenem Top aus der Hitzepause zurückkam und es kurz am Spielfeldrand richtig anzog. In derselben Woche beschied Bernard Guidicello, Präsident des französischen Tennisverbandes, Serena Williams' schwarzer Catsuit sei künftig in Roland Garros nicht mehr erlaubt. Das Spiel und seine Ordnung müssten respektiert werden. Williams gab daraufhin bekannt, dass sie den Anzug nicht so sehr aus modischen, sondern aus gesundheitlichen Gründen trage. Seit ihrem Kaiserschnitt vor einem Jahr kämpft sie mit Blutgerinnseln.

Eine amerikanische Heldin

Man darf sich fragen, worum es Guidicello geht, wenn er meint, Williams respektiere das Spiel zu wenig. Man darf sich fragen, warum Frauen heutzutage bezüglich Kleidervorschriften immer noch anders behandelt werden als Männer. Man darf sich auch fragen, was Guidicello mit seiner willkürlichen Regel bezweckt. Könnte Williams aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr spielen, würde der Tennissport eine Jahrhundertspielerin verlieren.

Serena Williams ist in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Ihre Karriere war ein einziger Regelbruch, als sie sich als Afro-Amerikanerin von ganz unten nach ganz oben spielte, in einer der weissesten Sportarten überhaupt. Stoisch erduldete sie Rassismus und Diskriminierung auf allen Ebenen, schwieg und liess sich nicht aufhalten. Sie kämpfte dagegen an und siegte. Am Samstag gewann sie vielleicht nicht das Match. Vielleicht verlor sie auch ein paar Sympathien, weil sie den Schiedsrichter einen Sexisten nannte, nachdem er sie verwarnt hatte. Aber sie hat den Fokus auf Muster gelegt, die auch im Tennissport nach wie vor wirksam sind. Auch deswegen ist sie eine Heldin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2018, 16:28 Uhr

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