Federers Nadal-Nachahmer

Der Linkshänder Stefan Koubek ist der bevorzugte Trainingspartner des Schweizers – allerdings nicht mehr lange.

Freunde: Koubek und Federer.

Freunde: Koubek und Federer.

(Bild: Keystone)

Simon Graf@SimonGraf1

Für Stefan Koubek hat sich der Trip ans untere Ende der Welt nicht gelohnt. Der Kärntner scheiterte in Brisbane und Melbourne in der Qualifikation. Als er zum Interview kommt, hat er gerade Jürgen Melzer, der sich auf einen Linkshänder einstellen wollte, für dessen Startspiel eingespielt – eine Rolle, auf die er sich meisterlich versteht. Koubek ist der bevorzugte Sparringspartner des Besten der Tennisgeschichte. Wenn Roger Federer Trainingsblöcke einschaltet, lädt er fast immer den 34-Jährigen ein. Fünfmal war er schon dabei, meist in Dubai, wenn sich der Meister auf grössere Aufgaben vorbereitete. Zuletzt vor Weihnachten, wobei im Emirat auch Michael Lammer mittrainierte.

«Darüber war ich ziemlich froh», sagt Koubek und schmunzelt, «schliesslich bin ich auch nicht mehr der Jüngste.» Der Österreicher kennt und schätzt Federer schon lange. «Als er auf die Tour kam, war ich schon in den Top 50. Wir haben oft miteinander trainiert, viel Zeit zusammen verbracht. Es bilden sich Gruppen, die meistens mit der Sprache zu tun haben. Die Deutschen, Schweizer und Österreicher verstehen sich normalerweise sehr gut.» Koubek und Federer verband auch der Spass am Spiel – nicht nur jener auf dem Court. Sie duellierten sich regelmässig auf der Playstation, wobei das NHL-Game ihr bevorzugtes war.

Stets bereit, wenn Federer ruft

Spürte Koubek damals schon, dass aus Federer der Major-Rekordmann werden würde? Er schmunzelt und sagt: «Das hat niemand gewusst. Wenn heute jemand behauptet, er habe das vorhergesehen, dann lügt er. Natürlich war es offensichtlich, dass er sehr talentiert ist. Aber so etwas kann man nicht vorhersehen.» Für Koubek ist Federer ein Genie. «Es ist unglaublich, welche Konstanz er auf den Platz bringt. Man muss bedenken, dass er jedes Mal der Gejagte ist. Alle versuchen, gegen ihn das Spiel ihres Lebens zu zeigen, manchmal gelingt es ihnen auch, und Roger gewinnt trotzdem. Bei ihm passt alles. Ob mit dem Tennis, der Familie, den Kindern. Wenn ich mit ihm tauschen könnte, würde ich alles so machen wie er.»

Als Linkshänder bietet sich Koubek für Federer im Training als Nachahmer Nadals an. «Meine Spielweise ist schon nicht mit jener von Nadal zu vergleichen», sagt er. «Aber es ist natürlich entscheidend, ob man gegen einen Linkshänder oder Rechtshänder spielt, weil alles seitenverkehrt ist.» Und auch er spiele mit seiner Vorhand hohe Topspin-Bälle auf Federers Rückhand. «In erster Linie werde ich aber eingeladen, weil wir gute Freunde sind und ich unkompliziert bin. Er muss mir nicht vor der Trainingswoche sagen, wie oft wir trainieren. Er kann mich am Vormittag informieren: Heute spielen wir vier Stunden, zwei Stunden, einmal, zweimal, dreimal. Mir ist das egal. Wenn mich Roger einlädt, bin ich immer bereit.»

So wie im Juli 2009, als sich Koubek auf Abruf bereithielt, als Federer in Zürich seine Vaterschaft erwartete. «Plötzlich kam frühmorgens ein SMS: Die Zwillinge sind da und gesund, du kannst kommen», erinnert sich Koubek, der Mirka dann auch im Krankenhaus besuchte und mit Federer auf den Plätzen des Grasshopper-Clubs trainierte. Dank den gemeinsamen Trainingsblöcken ist die Beziehung zwischen den beiden wieder enger geworden. Durch die Erfolge habe sich Federer überhaupt nicht verändert, sagt der Österreicher. «Er ist zu jedem freundlich, hat vor jedem Respekt, egal, aus welcher Schicht er kommt. Da könnten sich viele etwas abschauen von ihm. Er ist so, wie man sich einen Sportsmann vorstellt.»

Ein Leben von Monat zu Monat

Ob es noch zu weiteren Trainings mit Federer kommt, kann Koubek nicht sagen. «Vielleicht schaffen wir es noch einmal.» Der 34-Jährige, der aus den Top 100 gerutscht ist, weiss nicht, ob er die Saison durchspielen wird. Er plant nur noch Monat für Monat. Und wenn er zurückgetreten sei, reiche sein Niveau nicht mehr. «Auch wenn ich mit Federer zwischendurch mal plaudere und Spässe mache, sind die Einheiten schon sehr intensiv.» Koubek stiess einst mit 23 auf Rang 20 vor und blickt mit Freude zurück: «Das Leben auf der Tour ist wunderbar, auch wenn man viele einsame Zeiten verbringt im Hotelzimmer. Man lotet auf dem Platz alles aus, von der Geburt bis zum Tod ist alles drin.»

Inzwischen tue ihm sein Körper jeden Tag weh, wenn er aufstehe, sagt Koubek. «Trotzdem spiele ich noch leidenschaftlich Tennis. Der Sport ist einfach faszinierend.» Den ersten Auftritt seines Freundes Federer schaute er sich an, heute Mittwoch fliegt er zurück in die Heimat. Federer könne in Melbourne wieder Grosses schaffen, ist er überzeugt. «Er ist gut drauf», sagt er. Und fügt mit einem Lachen an: «Das ist kein Wunder. Ich habe ihn ja auch vorbereitet.»

Tages-Anzeiger

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