Zum Hauptinhalt springen

Federers Fitnesstrainer: «Roger braucht vor allem Zeit»

Der Fitnesstrainer Pierre Paganini in der «SonntagsZeitung» zu Roger Federers Saison 2008 und den Folgen des Drüsenfiebers.

Pierre Paganini, wie sehen Sie es als langjähriger Fitnesstrainer und Berater: Wie fit ist Roger Federer vor dem US Open? Rein athletisch ist er bei 99 oder 100 Prozent seines Potenzials angelangt. Vielleicht fehlt ihm noch etwas die Ausdauer in der Explosivität - also in Situationen, wenn er sich in langen Ballwechseln dank dem Körper retten müsste. Aber ein Tennisspieler ist wie ein Puzzle. Man muss ein Zusammenspiel von Athletik und Tennis finden, und auch das Vertrauen spielt mit. Sein Vertrauen ist sicher nicht dasselbe wie in den vorangegangenen Jahren. Das ist logisch, wenn man seine Matchbilanz anschaut.

Wie wirkt sich das aus? Es ist eine Mischung von etwas Zögern - oft nur Hundertstelsekunden - und etwas weniger Harmonie in den Bewegungsabläufen. Wie man spielt, bewegt man sich, und wie man sich bewegt und spielt, so fühlt man sich. Das ist ein Dreiecksverhältnis. Wenn in der Athletik, im Mentalen und im Spiel nur je ein halbes Prozent fehlen, ist das wenig, insgesamt aber doch 1,5 Prozent, wenn man so will. Und das erklärt dann, weshalb man plötzlich etwas unsicher ist. Früher hat Roger darum gekämpft, sein Tennis umzusetzen. Nun kämpft er darum, sein Tennis auszudrücken. Das ist nicht der gleiche Kampf, und deshalb sieht es auch etwas anders aus.

Heisst das, dass er körperlich an keinen Spätfolgen des Drüsenfiebers leidet, wie oft spekuliert wird? Er hat ja selber gesagt, dass ihm 2008 etwa 20 Trainingstage in der Vorbereitung fehlen. Für diese Antwort muss ich etwas ausholen. 2007 sagten wir: Wir machen für die Saison 2008 zwei wichtige Trainingsblöcke - den ersten im Dezember 07, den zweiten im Februar. Eigentlich hätten wir gerne einen dritten Block im Juli gemacht, doch das war wegen Olympia nicht möglich. Der Hauptaufbau war im Februar geplant. Der hätte ihm helfen sollen, bis nach Olympia durchzuziehen. Zuerst lief alles nach Plan: Nach dem Aufbau im Dezember war Roger in allen Bereichen in einem beeindruckenden Zustand; darüber sind wir uns alle einig.

Doch dann begannen die Probleme. Zuerst fing er in Australien diesen Darmvirus ein, der ihn 10, 11 Tage ausser Gefecht setzte. Er war 24 Stunden im Spital, hatte Fieber, nahm Antibiotika, verlor drei Kilo an Substanz. In der Trainingslehre sagt man: Wenn du krank oder leicht verletzt bist, dauert es dreimal so lange, um den Aufbau wieder nachzuholen. Das heisst, der Aufbau vom Dezember war wegen der Darmgrippe fast schon annulliert.

Trotzdem erreichte er in Melbourne die Halbfinals. Und als wir nach Hause kamen, entdeckten wir Anfang Februar, dass er schon seit Dezember an einem Drüsenfieber litt. Vom medizinischen Standpunkt her war es erst am 23. Februar abgeschlossen - nur eine Woche vor dem Turnier in Dubai (wo Federer im Startspiel gegen Andy Murray verlor). Das heisst, dass wir den zweiten Aufbau im Februar nicht einmal beginnen konnten. Wir hatten also einen Spieler, der ausser Form war und Substanz verloren hatte. Da hatten wir zwei Möglichkeiten: Drei Monate lang kein Turnier spielen, wobei er alles kampflos abgegeben hätte, oder zwischen den Turnieren etwa sechs Trainingsblöcke zu drei Tagen einzuschalten, um den Grundaufbau zumindest teilweise nachzuholen.

Was dann auch gemacht wurde. Ich habe Roger noch nie so mutig gesehen wie dieses Jahr. Denn das bedeutete, dass der Rhythmus von Turnieren, harter Arbeit und Erholung ganz anders war als sonst. Er war müde, wenn er sonst nicht müde war, und man musste aufpassen, dass er nicht zu viel machte. Alles war auf Messers Schneide, und ich finde es beeindruckend, wie er alles gehandhabt hat. Früher sagte man: Bei Federer läuft alles wie von selbst, er gewinnt immer, ist ein lieber Kerl ohne viel innere Kraft. Nun sieht man, was es alles braucht und was wirklich in ihm steckt. Man hat den richtigen Roger viel besser gespürt, er trat 2008 als Mensch viel mehr in den Vordergrund als früher. Er musste mit seinen Emotionen kämpfen, mit Niederlagen und Enttäuschungen.

Resultatmässig blieb er aber unter den Erwartungen. Viele reden von einem Loch - aber ich möchte einmal ein solches Loch in meinem Leben! Klar, blieb er unter den Erwartungen, die er in den letzten Jahren geweckt hatte. Aber er hatte immer noch fantastische Resultate. Er stand in zwei Grand-Slam-Finals, ist die Nummer 3 der Jahreswertung. Man kann sagen, ich sei nicht objektiv, weil ich ja mit ihm arbeite. Aber was ich jetzt erzählt habe, sind Fakten. Es geht auch nicht darum, Roger zu verteidigen. Es geht nur darum, dass die, die ihn gerne haben, die Situation so sehen, wie sie der Spieler wirklich erlebt hat.

Federer hat angetönt, dass es vielleicht ein Fehler war, vor Peking in Toronto und Cincinnati zu spielen. Wie sehen Sie das? Nachher ist man immer klüger. Das Spannende ist ja, dass ein Spieler vorher entscheiden muss. Er hatte aber nicht genügend Gründe, um nicht zu spielen. Er hatte Halle gewonnen und in Wimbledon teilweise Supertennis gezeigt. Und medizinisch war alles okay, wie ein Bluttest nach Wimbledon ergab. Hätte er den letzten Satz im Final gegen Nadal 9:7 gewonnen statt verloren, würde man heute ganz anders reden.

Denken Sie, dass er zu seiner alten Form zurückfinden kann, die ihm zwölf Grand-Slam-Titel eingetragen hat? Davon bin ich hundertprozentig überzeugt. Du verlierst dein Potenzial nicht von einem Tag auf den anderen. Wenn jemand sieben Sprachen spricht und Kopfweh hat, ist es nicht so, dass er diese Sprachen nicht mehr kann. Es gab auch dieses Jahr viele Situationen, wo man sah, welches Potenzial er hat. Er konnte es einfach weniger umsetzen als normal. Und schon sagt man: Es ist fertig. Das ist Wahnsinn und zeigt, wie hoch er die Messlatte gesetzt hat. Er kann sich fast nichts erlauben, ohne dass er gleich beerdigt wird.

Wie geht er in Ihren Augen mit der Kritik um, die momentan auf ihn einprasselt? Er versucht ja, sehr wenig an sich herankommen zu lassen, nichts zu dramatisieren. Man weiss nie, wie es im Innern eines Menschen aussieht. Rogers Job ist es, sein eigenes Inneres zu schützen, denn das ist Privatsache. Gleichzeitig tritt er als Botschafter für das Tennis aber weiterhin beeindruckend natürlich auf und nimmt sich dafür viel Zeit . Ich denke, er ist einer der mental stärksten Spieler, die es im Tennis je gegeben hat. Nur dank dieser Stärke konnte er die Resultate bringen, die er gebracht hat.

Könnte es sein, dass er nun mit dem Selbstvertrauen der Goldmedaille von Peking im Doppel wieder der Alte ist? Ich glaube, dass Roger nun einfach Zeit braucht. Vielleicht mehr Zeit, als man glaubt. Roger ist ein Virtuose, der bereit ist zu kämpfen. Aber er ist keiner, der sich nur durch den Kampf, ohne Virtuosität durchsetzen kann. Erst muss er sich wohl fühlen auf dem Platz, und daraus kann er auch kämpferisch Unglaubliches leisten, wie er es immer wieder bewiesen hat. Er braucht nun Grundlagenarbeit, im Tennis und in der Kondition. Und er braucht auch Erfolgserlebnisse. Anderen reichen zwei Siege, um Vertrauen zu schöpfen. Bei ihm reicht das nicht. Denn er ist es sich gewohnt, grosse Turniere zu gewinnen.

In Peking wurde spekuliert, dass er seine Saison früher als üblich abbrechen könnte oder sollte. Momentan dreht sich alles um das US Open. Nach dem letzten Grand-Slam-Turnier wird diskutiert, wie es weitergeht. Für Roger beginnt ein neues Kapitel. Man muss und darf neu definieren, welches die Philosophie ist, was man mitnimmt und was man ändern will. Das wird schöne Diskussionen geben, die wir im Team führen werden.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch