Diesen Luxus konnte sich Federer noch nie leisten

Weshalb der Entscheid des Melbourne-Champions richtig ist, das French Open auszulassen.

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René Stauffer@staffsky

So bedauerlich Roger Federers Absage für das French Open (ab 28. Mai) ist, so sinnvoll ist sie. Überraschender war, dass er nach dem Match for Africa 4 in Seattle erklärt hatte, Roland Garros stehe fest auf seinem Programm, und er gehe davon aus, dass er auch antreten werde. Bei dieser Aussage dürften Sentimentalitäten die Hauptrolle gespielt haben. Federer liebt Paris und das French Open, auch wenn es für ihn stets das am schwierigsten zu gewinnende Grand-Slam-Turnier war.

Für Sentimentalitäten ist im Profisport aber kein Platz. Schon gar nicht für einen, der im Spätherbst seiner Karriere steckt. Und Federer war ja schon immer sehr konsequent. Er rannte, von seinem Umfeld gut beraten, nie dem kurzfristigen Erfolg nach, sondern hatte stets das Gesamtbild im Blick. Und in dem überstrahlte immer ein Turnier alle anderen: Wimbledon.

Er hätte um den Titel spielen können

Es hätte auch nicht zum 18-fachen Majorsieger gepasst, derart unprofessionell vorbereitet nach Roland Garros zu reisen. Während alle Konkurrenten schon längst auf Sand Turniere bestritten, trainierte er vergangene Woche noch immer auf Hartplätzen in Dubai. Sicher hätte er dank seiner Klasse die Viertel- oder Halbfinals erreichen oder gar um den Titel spielen können. Grösser aber dürfte die Gefahr gewesen sein, dass er sich eine kleinere oder grössere Verletzung zugezogen hätte, die Wimbledon kompromittiert hätte.

Dieses Risiko wollte er nicht eingehen. Nach seinem brillanten Saisonstart mit 19 Siegen in 20 Partien, Titeln in Melbourne, Indian Wells und Miami sowie drei Siegen über Rafael Nadal hat er 2017 schon mehr erreicht, als er sich erträumt hatte. Deshalb kann er sich nun den Luxus leisten, kompromisslos Prioritäten zu setzen. Und was würde besser zu seinem Comeback passen als ein 8. Wimbledon-Titel?

Video – Glücksmomente schlechthin:

Wie Federer im Final von Melbourne Nadal in 5 Sätzen bodigte.

In Ruhe auf den Rasen einstimmen

Würde Federer unmittelbar vor der Rasensaison, in der für ihn zuerst Turniere in Stuttgart und Halle vorgesehen sind, noch in Paris antreten, gäbe er zudem einen Vorteil aus der Hand. Denn nun kann er sich, während die Rivalen um die «Coupe des Mousquetaires» kämpfen, in Ruhe und frühzeitig auf Rasen einstimmen. Auch das ist ein Luxus, den er sich noch nie zugestehen konnte – mit Ausnahme des vergangenen Jahres, als er Paris zwangshalber auslassen musste und dadurch nach 65 Starts in Folge an Grand-Slam-Turnieren erstmals fehlte.

In der Begründung seiner Absage, die er gestern Abend in den sozialen Netzwerken publizierte, betont der bald 36-Jährige auch, dass diese aus einer längerfristigen Optik heraus erfolgt sei. Nach dem «erstaunlichen Saisonstart» sei er zur Überzeugung gelangt, dass es für ihn das Beste sei, dieses Jahr die Sandsaison ganz ausfallen zu lassen – damit er noch möglichst lange auf der Profitour spielen könne. Er und sein Team seien zum Schluss gekommen, dass es nicht im besten Interesse für die Vorbereitung auf den Rest der Saison sein könne, lediglich ein Sandturnier zu bestreiten. «Ich werde vor allem die französischen Fans vermissen, die mich stets enorm unterstützt haben, und freue mich, sie nächstes Jahr wieder zu sehen», so Federer.

Spekulationen um Nadal

Wer ihn kennt, kann auch nur lachen über die aufgeflammten Spekulationen, seine Absage sei die Folge der überragenden Form, die Nadal auf Sand wieder ausspielt. Sein Verzicht ist, bei genauer Betrachtung, lediglich folgerichtig und logisch. Denn in den Kampf um die Nummer 1 will sich Federer ohnehin nicht mehr aktiv einmischen – was nicht heisst, dass er chancenlos ist. Legt er eine brillante Rasensaison hin, gewinnt er vielleicht tatsächlich noch einmal Wimbledon, hat er trotz verpasster Sandsaison noch alle Chancen. Zumal auch der Rest der Saison, auf Hartplätzen und an den europäischen Hallenturnieren, ganz auf ihn zugeschnitten sein wird.

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