Federer plant die kompromisslose Attacke

Der US-Open-Final soll Roger Federers goldenen Spätsommer krönen. Der Schweizer will Djokovic vor allem mit seinem Aufschlag knacken.

Immer vorwärts: Findet Roger Federer so den Weg zu seinem 18. Grand-Slam-Titel?

Immer vorwärts: Findet Roger Federer so den Weg zu seinem 18. Grand-Slam-Titel?

(Bild: Keystone)

René Stauffer@staffsky

11. September 2005: Am vierten Jahrestag der Anschläge auf die Twin Towers gewinnt ­Roger Federer in New York vor ­einer patriotischen Zuschauer­kulisse auch seinen 6. Grand-Slam-Final. Er schlägt am US Open den Amerikaner Andre Agassi, der 35 Jahre und 135 Tage alt ist und nachher sagen wird: «Ich habe noch nie gegen jemanden gespielt, der so gut ist wie er.»

11. September 2015: Auf den Tag zehn Jahre später entscheidet ­Federer auf dem gleichen Court den ersten Grand-Slam-Halbfinal zwischen zwei Schweizern für sich. Mit dem 6:4, 6:3, 6:1 gegen Stan Wawrinka wird er mit 34 Jahren und 35 Tagen zum ältesten Grand-Slam-Finalisten seit Agassi. «Es ging mir viel zu schnell. So gut habe ich ihn seit Jahren nicht ­spielen sehen», sagt Wawrinka.

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Der 34. Geburtstag am 8. August scheint für Federer einen ­goldenen Spätsommer eingeläutet zu haben, wirkt wie eine Ver­jüngungskur. Er ist seither in elf Partien ungeschlagen, hat auf dem Weg zum Sieg in Cincinnati und in den US-Open-Final alle 28 Sätze gewonnen – die drittlängste ­Serie seiner Karriere (sein Rekord steht bei 31). Dabei gab er nur zwei seiner 131 Servicegames ab, beide gegen Philipp Kohlschreiber.

«Ich bin körperlich wie mental topfit, schöpfe aus dem Vollen»

Der Aufschlag werde für ihn zum Schlüssel im 27. Grand-Slam-Final, sagt Federer später. «Ich muss ­aggressiv spielen, ihn unter Druck setzen – und dazu muss ich gut aufschlagen. Darum bin ich sehr zufrieden, dass ich hier so gut ­serviere. Das gibt mir Selbst­vertrauen für den Sonntag.» Ideal sei auch ein weiterer Aspekt seiner klaren Siege: «Ich bin körperlich wie mental topfit, kann aus dem Vollen schöpfen. Das ist enorm wichtig gegen ihn.»

Anders als vor den Spielen gegen Linkshänder Rafael Nadal, seinen früheren grossen Rivalen, müsse er gegen den Serben keine kapitalen Anpassungen vornehmen: «Ich muss einfach weiter mein Spiel spielen, ihn fordern, ­o­ffensiv bleiben. Er will mich in lange Ballwechsel verwickeln, denn die geben ihm Rhythmus und Sicherheit. Das muss ich irgendwie unterbinden.» Zum Beispiel mit aggressiven Returns, auch dem Überraschungsangriff Sabr. «Je länger die Ballwechsel gehen, desto härter, länger und flacher pflegt er zu spielen. Da fühlt er sich wohl.»

Federers Situation erinnert sehr an jene vor dem Wimbledon-Final. In London hatte er im Halbfinal gegen Andy Murray (auch) eine Glanzleistung gezeigt, hatte danach für viele als Favorit gegolten – und verlor trotzdem in vier Sätzen. Wie in Wimbledon stellt sich deshalb die Frage: Hat er ­seine Bestform zu früh erreicht?

«Er ist einfach besser als die anderen»

Dennoch ist die Ausgangslage anders – und für Federer wohl ­sogar besser: Anders als in Wimbledon, wo der Titel das erklärte Ziel war, hat er seine Erwartungen in Flushing Meadows bereits erfüllt. «Es war mein grosses Ziel, nach sechs Jahren Unterbruch wieder den Final zu erreichen», sagt er. «Jetzt bin ich nahe am Titel, auch wenn noch viele Kilometer zu absolvieren sind.»

Dass ihm Djokovic mental überlegen sein könnte, bestreitet er: «Er ist einfach besser als die anderen, deshalb macht er mir mehr Probleme.» Eine grössere Herausforderung gebe es nicht als einen Final gegen den Serben. «Denn wenn er so weit gekommen ist, ist sein Vertrauen riesig und sein Grundniveau sehr hoch.» Federer sorgt sogar für Lacher mit der ­Aussage: «Leider treffe ich nie in der ersten Runde auf ihn . . .»

Er bestreitet heute bereits sein 7. Endspiel in Flushing Meadows, wo er ab 2004 fünf Titel und 40 Partien in Folge gewann. Die ­Serie riss im Final 2009 gegen den ­Argentinier Juan Martin Del ­Potro trotz einer 2:1-Satzführung. Erstmals seit 2009 hat Federer im gleichen Jahr nun auch wieder mindestens zwei Majorfinals erreicht.

Der Langlebigkeit fehlt nur noch die Krönung

Im Halbfinal gegen Wawrinka war ihm erneut eine begeisternde Partie geglückt. Einzig im ersten Satz musste er Breakbälle abwehren (4). Im zweiten gewann er beim Stand von 2:3 fünf Games und 14 Punkte in Folge, nach 92 Minuten war der 17. Sieg im 20. Duell Tatsache.

Seit dem Viertelfinal am French Open, in dem er gegen Wawrinka fast chancenlos war, hat Federer nur noch den Wimbledon-Final verloren. «Ab Halle begann ich, richtig gut zu spielen. In Wimbledon kam ich in einen Lauf und spielte auch im Final okay. Ich hoffte ­danach, dass ich diese Form im Training konservieren und nach Cincinnati bringen kann. Aber dass ich dort nie gebreakt wurde, war schon eine Überraschung.»

Eine Schlüsselfigur in Bezug auf seine Prachtsform ist einmal mehr dessen in New York nicht ­anwesender Fitnesscoach Pierre ­Paganini. Die Präzision von Federers Fussarbeit und seine Spritzigkeit verblüffen. «Er ist 34, bewegt sich aber wie ein 22-Jähriger», sagt Darren ­Cahill, der 2005 im Final Agassi coachte. Federers Lang­lebigkeit erstaunt schon seit Jahren. Aber dass er nun noch einmal besser wurde – speziell mit der Rückhand und in der Offensive –, lässt viele nur noch den Kopf schütteln. Dennoch fehlt ihm die inzwischen längst verdiente Krönung seiner späten Karriere – in Form eines 18. Grand-Slam-Titels.

«Wenn er so spielt wie gegen mich, wird er hart zu schlagen sein», spekulierte Wawrinka. Der Vaudois war enttäuscht, dass er nur zu Beginn das erwartete Niveau erreicht und schlecht aufgeschlagen hatte. «Aber obwohl ich mich nicht gut fühlte, stand ich im Halbfinal, mehr konnte ich nicht erwarten.» Eine «schöne Über­raschung» sei auch, dass er bereits für die ATP World Tour Finals qualifiziert sei. «Das war für mich ein Saisonziel.» Mit einem Titel, zwei Halbfinals und dem Viertelfinal in Wimbledon gelang ihm 2015 ein bestechendes Grand-Slam-Jahr.

Von New York aus macht sich Wawrinka rasch auf den Weg ­Richtung Genf, wo ab Freitag das ­Davis-Cup-Playoff gegen Holland um einen Platz in der Weltgruppe ansteht. Federer wird ihm dorthin folgen. Ihr nächstes Treffen könnte zur Begegnung zwischen dem French-Open- und dem US-Open-Champion 2015 werden.

SonntagsZeitung

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