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Federer gewinnt seine Aura zurück

Roger Federer krönte sich in London nicht nur zum sechsten Mal zum inoffiziellen Tennis-Weltmeister, er hat auch eine eindeutige Botschaft an seine Rivalen ausgesandt.

«Federer abserviert», «Federer wird aus dem Wohnzimmer geprügelt» oder «Zeichen der Sättigung rücken Federer in die Kritik» lauteten die Schlagzeilen nach Roger Federers Niederlage gegen Jo-Wilfried Tsonga in den Viertelfinals des Grand-Slam-Turniers von Wimbledon Ende Juli. Der Baselbeiter, so konstatierten die Experten, habe an Biss eingebüsst und wirke wie ein Mann, der zu viele Schlachten geschlagen habe. Mag sein, dass die Kritik in Wimbledon berechtigt war – ein knappes halbes Jahr später ist sie es nicht mehr. Federer hat bewiesen, dass er auch als 30-jähriger Familienvater noch genug Feuer ins sich trägt, um den jüngeren Herausforderern die Finger zu verbrennen.

«Lieber Roger Federer, wir haben uns geirrt», müsste heute wohl im Sportteil so mancher Publikation stehen. Doch auch die Lobpreisungen der Presse dürften der Nummer 3 der Weltrangliste als Ferienlektüre gefallen.

Tsongas Galgenhumor

Jo-Wilfried Tsonga, der am Sonntag in London gegen Federer seine dritte Niederlage in den vergangenen zwei Wochen bezog, sagte bei der Siegerehrung, dass er gegen einen anderen Kontrahenten wohl auch einmal einen Pokal gewonnen hätte, um in Richtung Federer anzufügen: «Aber du bist der Beste.» Tatsächlich ist «King Roger» im Herbst das gelungen, was Novak Djokovic im Frühling schaffte: ein grossartiger Lauf ohne Niederlage. Dass in der Zeit von Federers Höhenflug kein Major-Turnier im Kalender stand, sondern nur die inoffizielle Tennis-WM, schmälert die Leistung des Schweizers nicht.

Natürlich wären Djokovic und Rafael Nadal in Bestform kaum schon nach den Gruppenspielen ausgeschieden. Ob sie Federer besiegt hätten, darf man aber ebenso bezweifeln. Für das Australian Open, das im kommenden Januar als erstes Grand-Slam-Turnier des Jahres über die Bühne geht, sind die Karten auf jeden Fall neu gemischt. Federer wirkt überaus hungrig auf seine 17. Major-Krone, liegt sein 16. Triumph doch schon fast zwei Jahre zurück. Die Gelassenheit, die er nach den bitteren Rückschlägen demonstrierte, resultierte offenbar mehr aus der Gewissheit, es bald wieder besser machen zu können, als aus Gleichgültigkeit gegenüber dem Tennis.

Souveräne Reaktion auf die Enttäuschung

An den World Tour Finals hat «King Roger» nicht nur grossartig gespielt, sondern auch grossartig reagiert, wenn es einmal nicht so lief. Dem Verlust des zweiten Satzes trotz Breakvorsprung und Matchball liess er einen souveränen dritten Durchgang ohne Wackler folgen. So lassen sich auch die ganz grossen Matches gegen Djokovic oder Nadal gewinnen. Federer hat seine Aura als dominanter Spieler wiedergewonnen. Und diese Aura ist noch mehr wert als der grosse Silberpokal, den er in der Londoner O2-Arena in Empfang nehmen durfte.

Als Tennis-Liebhaber kann man sich nur auf die nächste Saison freuen: Mit Federer, Djokovic und Nadal werden drei Spieler auf der Bühne stehen, die es allesamt verdient hätten, den Titel der Nummer 1 zu tragen.

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