Einzigartiger Champion

Roger Federers Erfolge sind unerreicht. Das gilt auch für seine Professionalität, seine Beharrlichkeit, seine Liebe zum Tennis und die Winner-Mentalität.

Der Glücksmoment: Roger Federer realisiert, dass er eben seinen 18. Grand-Slam-Titel gewonnen hat. Foto: Lukas Coch (Keystone)

Der Glücksmoment: Roger Federer realisiert, dass er eben seinen 18. Grand-Slam-Titel gewonnen hat. Foto: Lukas Coch (Keystone)

René Stauffer@staffsky

Roger Federer pflegte schon immer zu überraschen. Bereits als Junior hatte er die Fähigkeit, in wichtigen Momenten sein bestes Tennis zu spielen: Immer wenn es ernst galt, war er am stärksten. Diese Winner-Mentalität hat ihn zum erfolgreichsten Champion der Grand-Slam-Geschichte werden lassen. Sie ist es auch, die in seinem 28. Major-Final den Unterschied machte und ihn nach viereinhalb Jahren zum 18. Pokal an diesen Turnieren trug.

So gewann Federer das Finale gegen Nadal. Video: SRF/Tamedia

Er habe stets daran geglaubt, diesen Final gewinnen zu können, sagte Federer, was sein Coach Severin Lüthi ebenfalls bekräftigt. Obwohl er auf Rafael Nadal traf, gegen den all seine Statistiken tiefrot sind, gegen den er seit dem Wimbledon-Final 2007 alle sechs Grand-Slam-Duelle verloren hatte. Der Sieg über den für ihn unbequemsten Gegner ist seit langem der bedeutendste seiner Karriere – vermutlich sogar der wertvollste, seit er 2001 als Newcomer in Wimbledon Pete Sampras überrumpelte. Und Melbourne 2017 darf als sein grösster Turniersieg eingestuft werden seit Wimbledon 2003, wo er in den Kreis der Grand-Slam-Champions aufstieg.

Klicken, um zu vergrössern

Alle Diskussionen beendet

Federer beendet damit alle Diskussionen, ob er noch zu Major-Titeln fähig sei. Die Bedenken waren seit dem 17. Titel in Wimbledon 2012 stets lauter geworden. Nun liegt er wieder vier Triumphe vor Nadal und sechs vor Novak Djokovic. Das bedeutet Federer selber zwar wenig, könnte seine Führung in der wichtigsten Statistik des Tennis aber um Jahre, vielleicht Jahrzehnte verlängern.

2003 in Wimbledon war er ein talentierter Aussenseiter gewesen. Inzwischen ist er ein Weltstar, mit dem rund um den Globus Millionen mit­fiebern und seit Jahren bange hofften, dass er es wieder einmal schafft, nur noch einmal … Federer brauchte diesen Titel weniger als seine Fans und die Öffentlichkeit. Zu seinem Ex-Coach Paul Annacone sagte er, ein weiterer grosser Titel wäre zwar schön – aber er würde nichts an seinem Leben ändern, an seiner Familie, den vier Kindern.

Der 18. Titel gehört auch ein wenig Federers Frau Mirka.

Er spielt mit 35 Jahren auch nicht mehr hauptsächlich wegen der Pokale. Sondern weil er dieses Spiel dermassen liebt und weil er auch die Liebe der Fans spürt. Und je mehr er sich der Endlichkeit seiner Karriere bewusst wird, desto bewusster geniesst er sie. Dabei befindet er sich auch in der komfortablen Lage wie noch kein Tennisspieler zuvor, Spitzensport und Privatleben derart harmonisch zu verbinden, dass sie sich stimulieren.

Der 18. Titel ist der bisher wichtigste für sein Team. Dieses war mehr denn je gefordert, als es im Sommer darum ging, einen Weg aus der Krise zu finden. Im Rückblick war nicht nur der schwierige Entscheid, die Saison noch vor den Olympischen Spielen und dem US Open abzubrechen, goldrichtig. Auch die sorgfältige Planung des sechsmonatigen Aufbaus erweist sich nun als ideal, weshalb seine Betreuer ihren Anteil an diesem Erfolg haben – selbst wenn sich dieser, wie Lüthi spekulierte, nur im Mikrobereich bewegen dürfte. Oft sind es aber genau Kleinigkeiten, die über Sieg oder Niederlage, manchmal sogar Triumph oder Trauma entscheiden. Der Grat ist schmal. Und der 18. Titel gehört auch ein wenig seiner Frau Mirka, ohne deren Support Federer wohl nicht mehr seinem Beruf und Lieblingshobby nachgehen würde.

Die kapitale Nebenwirkung

Dass er derart fit und spielstark von seiner Auszeit zurückkehren würde, war ein Szenario, das nicht vorausge­sehen werden konnte. Dass er gleich am ersten Weltranglistenturnier zum 5. Mal Australian-Open-Sieger wird, hatte keiner erwartet, Federer «nicht einmal in den wildesten Träumen».

Wie sich zeigte, hatte dieses freiwillige Time-out neben der körperlichen Erstarkung und neuer mentaler Frische auch eine unerwartete, unbeabsichtigte, aber kapitale Nebenwirkung: Es befreite ihn vom Druck des Siegenmüssens. Dieser wurde nun nicht von Runde zu Runde grösser, sondern liess immer mehr nach. Weil Federer mit jedem Sieg seine eigenen Erwartungen noch mehr übertraf, sein Selbstvertrauen noch etwas stieg, seine Winner-Mentalität etwas mehr zurückkehrte.

  • loading indicator

Er spielte in Melbourne vor allem deshalb so gut, weil er gekommen war, um zu spielen, nicht um zu siegen. Er hatte zwar eine harte Auslosung, musste vier Top-10-Spieler bezwingen und drei Fünfsätzer bestreiten. Aber für einmal hatte er auch etwas Glück – dass er nach zwei Tagen Pause ­frischer und besser vorbereitet in den Final gehen konnte als Nadal. Aber er hat sich dieses Glück – beharrlich, wie er ist – auch erdauert.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt