«Einfach rausgehen und spielen wie die Hobbysportler, das wäre super»

Roger Federer sucht frische Impulse: Im Interview spricht er über seine Lust auf Neues – und am Ende dreht er den Spiess um.

«Am verrücktesten war es in Südamerika»: Roger Federer war fürs Tennis schon in über 30 Ländern unterwegs – nun macht er am Bosporus halt. Foto: Keystone

«Am verrücktesten war es in Südamerika»: Roger Federer war fürs Tennis schon in über 30 Ländern unterwegs – nun macht er am Bosporus halt. Foto: Keystone

Sie haben erklärt, dass Sie auch deshalb in Istanbul mitspielen, weil es sich um etwas Neues handelt …
... genau, manchmal muss man sich neu erfinden, das hält einen jung und munter.

Dann wäre es Ihnen recht, wenn auch in diesem Interview neue Fragen gestellt werden?
Ja, das würde ich sogar begrüssen. Wenn Sie mich fragen wollen, wer Favorit für das French Open ist, dann brauchen wir nicht hier zusammenzusitzen. Dann könnten Sie auch an eine Pressekonferenz kommen, wo genau diese Fragen gestellt werden. Deshalb mache ich auch diese Twitter-Aktionen, bei denen mir meine Fans direkt Fragen stellen können. Da kommen viele ungewöhnliche Fragen, auf die die Journalisten gar nicht kommen, weil sie nicht in ihre Artikel, die sie verfassen, passen. Generell bin ich sehr entspannt in diesen Sachen. Egal, was ich gefragt werde. Wenn also beispielsweise Journalisten von mir wissen wollen, ob ich noch Turniere gewinnen kann. Da bin ich mittlerweile hart im Nehmen. Ich finde, das gehört dazu.

Gibt es eine Routine in Ihrem Leben, die Sie nicht mehr brauchen? Wo Sie sich sagen: Wenn es da etwas Neues gäbe, hätte ich nichts dagegen.
Da muss ich nicht lange überlegen: Auf die sicher dreistündige Vorbereitung auf einen Match mit Stretchen, Einlaufen, Einspielen, dann ein erstes Mal duschen, noch etwas essen und so weiter würde ich gerne verzichten. Einfach rausgehen und spielen, das wäre super. So wie das die Hobby­sportler machen. Vielleicht noch fünf Minuten mit dem Ball jonglieren – und los gehts mit den ersten Punkten!

Genauso machen wir es auch beim Fussballplausch, dafür folgt dann die Quittung, wenn es zwickt in der Wade oder im Oberschenkel.
Deshalb weiss ich auch, dass das nicht geht und es für mein Spiel und auch meinen Körper richtig ist, wenn ich mich gut vorbereite. Und so beginnt es halt jedes Mal wieder vorne, vor jedem Match.

Was bringt Sie aus der Ruhe? Bringt Sie überhaupt noch etwas aus der Ruhe?
Ich habe sicher eine gute Balance gefunden in meinem Leben, was einen ausgeglichener werden lässt. Am meisten stresst mich, wenn ich zu spät dran bin. Früher störte mich das nicht, da gehörte es für mich einfach dazu, dass ich chaotisch bin. Und natürlich bringen mich meine Kinder manchmal aus der Ruhe: Vor allem, wenn sie nicht auf mich hören (lacht).

Wann sind Sie das letzte Mal in einer Stadt wie Istanbul aus dem Hotel gegangen und aufs Geratewohl losgelaufen?
Normalerweise weiss ich genau, wo es hingeht. Aber nicht immer: In Paris haben wir uns mit den Kindern Richtung Notre-Dame aufgemacht und sind dann in einer abgesperrten Strasse gelandet, wo es nicht weiterging. Irgendwann hatten wir keine Ahnung mehr, wo wir waren. Wir haben dann das Beste daraus gemacht, die Sonne genossen und unterwegs eine Glace gegessen. Vor allem mit den Kindern muss man immer wieder improvisieren. Auch mal spontan etwas unternehmen zu können, gibt mir eine gewisse Normalität, die ich brauche.

Wie informieren Sie sich über eine Stadt?
Im Internet, in Magazinen und dann mit den Broschüren, die in den Hotelzimmern aufliegen. Da denke ich oft: Schade, dass ich nur so wenig Zeit dafür habe, mir das alles anzuschauen. Am Ende bin ich ja immer noch wegen dem Tennis in einer Stadt. Und da gehört auch dazu, dass man genug schläft. Und so lebt, dass die Leistung nicht darunter leidet. Ich finde, es geht aber auch gar nicht darum, in einer Stadt möglichst viele Sehenswürdigkeiten abzuklappern. An jedem Ort lerne ich neue Menschen kennen, von denen ich Interessantes erfahre, und die mir einen Einblick ins Leben eines Landes geben. Hier in Istanbul hat man mich beispielsweise auf die Hamam-Massage aufmerksam gemacht, die einfach dazugehöre. Und deshalb gehe ich in einer Stunde ins Hamam und freue mich riesig darauf. Auch das ist mal etwas Neues.

Sie haben also auch Zeit für sich selbst.
Trotz aller Verpflichtungen würde ich sagen: Ja, die habe ich. Und die muss ich mir auch organisieren. Wenn du gut Tennis spielen willst, musst du im Kopf frei sein. Das ist nur der Fall, wenn du nicht fremdbestimmt bist und auch Zeit für dich selber hast, also das tun kannst, wonach dir ist.

Sie sind ohne Familie nach Istanbul gekommen. Wie entscheiden Sie, wo es alleine hingeht und wo mit der Familie?
Das entscheiden wir oft sehr kurzfristig. Manchmal will die Familie auch mal eine Weile zu Hause sein. Also habe ich vor Istanbul gesagt: Weil ich bis Freitag nur ein Spiel habe, reicht es, wenn ich spät anreise. Für die paar Tage kann ich deshalb auch mal alleine anreisen. Vor Madrid werden wir ebenfalls spontan entscheiden. Da haben wir mittlerweile ein blindes Verständnis füreinander. Vielleicht ist ein Kind auch mal krank, da muss man dann reagieren können. An den meisten Turnieren ist die Familie jedoch dabei.

Wie bleiben Sie mit Ihrer Familie in Kontakt, wenn Sie unterwegs sind?
Am Sonntag habe ich mit ihnen ein wenig geskypt ... (winkt ab). Aber der ganz grosse Knaller ist das nicht. Die Kinder tragen den Computer herum, um alles zu zeigen, und dir wird von den verwackelten Bildern übel. Da sage ich dann: Okay, es ist gut, ich rufe später nochmals an.

Sie waren schon in vielen Ländern. Die verrückteste Destination?
Da entscheide ich mich für Südamerika. Unglaublich, wie das dort abging. Egal, ob in Rio de Janeiro, Buenos Aires oder Bogotá. Die Leute sind ausgeflippt, auf eine schöne Art. Da ist alles andere ein Kindergeburtstag dagegen. Südamerika war zehn Tage volle Pulle. Ich weiss noch, wie ich später am Australian Open beim ersten Spiel auf den Platz lief und dachte: Was ist denn hier los? Die Leute schlafen ja.

Als Sie hörten, dass es in Istanbul ein neues Turnier gibt, waren Sie ebenfalls sofort Feuer und Flamme.
Das hat auch mit meiner Schulzeit zu tun. In Münchenstein stiess ein türkisches Mädchen zu uns, das kein bisschen Deutsch konnte. Wir haben sie Deutsch gelehrt und sie uns Türkisch. Deshalb kann ich auch in dieser Sprache zählen: bir, iki, üç, dört, beç ... hey, ich kann mich noch an alles erinnern! Da war ich zwölf. Und bei Congeli spielten ebenfalls viele Türken im Fussballteam mit. So kam ich mit der Türkei schon früh in Berührung.

Lassen Sie sich auf die dortige Küche ein, wenn Sie an einen Ort kommen?
Unbedingt. Ich liebe es, lokale Spezialitäten zu essen, und kenne deshalb zahlreiche Küchen dieser Welt. Indisch, Mexikanisch, Orientalisch, Asiatisch – ich habe mich durch die ganze Weltkarte gegessen ...

... und haben es nie bereut?
Nicht einmal. Ich habe offenbar – wie sagt man so schön – einen guten Magen. Das ist ein Hobby von mir. Und ist mir auch deshalb so wichtig, weil wir beim Essen unsere Ruhe haben und ganz für uns sind.

Nun müssen Sie sich entscheiden: Ihre ultimative Lieblingsküche?
Meine Reihenfolge sieht so aus: 1. Schweizer Küche. 2. Italienisch. 3. Asiatisch. Der neuste Schrei ist Peruanisch, das liebe ich auch, weil es ganz anders schmeckt.

Welche Sprache würden Sie gerne lernen?
Definitiv Italienisch. Eine wunderbare Sprache. Leider fehlt mir die Zeit dazu, um sie richtig zu lernen. Vielleicht später einmal.

Welche Länder, in die Sie das Tennis nicht geführt hat, möchten Sie noch unbedingt bereisen?
In Afrika gibt es noch einiges, das ich nicht gesehen habe. Mein Vater schwärmt immer von Namibia, da war ich noch nie. Und in Südafrika war ich zwar schon, habe dort aber noch nie Tennis gespielt. Da würde ich gerne einmal eine Exhibition machen. Mir schwebt auch vor, dass ich irgendwann mit dem Auto die Länder erkunde. Ich möchte mal durch Italien von Ort zu Ort fahren oder in den hohen Norden hinauf zu den Fjorden. Und natürlich bin ich ein grosser Asienfan, da gibt es noch viele Orte, wo ich nicht war.

Haben Sie auch mal Angst vor Neuem?
Wie heisst es auf Englisch: We’re all creatures of habit. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Gerade mit der Familie ist Sicherheit wichtig. Da brauche ich keine bösen Überraschungen. Aber sonst bin ich sehr offen für Unbekanntes und suche auch nach diesen neuen Impulsen.

Sind Sie auch so offen, was neue Regeln im Tennis anbelangt?
In Australien habe ich mit Llewton Hewitt Fast4 gespielt. Dabei ist ein Satz bereits nach vier Games zu Ende, zudem gibts kein Deuce. Für Clubturniere und auf der unteren Ebene kann ich mir dieses Format gut vorstellen. Auch das Turnier in Indien mit dem Teamwettbewerb war interessant, allerdings darf es nicht zu kompliziert werden. Wenn nur noch die Spieler den Modus verstehen und die Fans nicht mehr, dann funktioniert das nicht. Aber sonst bin ich ein Traditionalist, was die Regeln anbelangt. Ich glaube nicht, dass die heutigen Regeln im Tennis veraltet sind. Es macht doch genau den Reiz aus, dass sich Tennis nicht exakt programmieren lässt und niemand weiss, ob ein Spiel 55 Minuten, zwei Stunden oder doch sechs Stunden dauert.

Wie wird Ihr neues Leben aussehen, wenn Sie einmal zurücktreten?
Es wird sicher nicht vollständig Ruhe einkehren, mit den Kindern ist immer etwas los. Und das gefällt mir. Ich bin nicht gerne für mich allein und brauche es nicht, stundenlang für mich in einer Ecke zu sitzen. Da werde ich schnell unruhig. Ich habe immer gerne Leute um mich herum, am meisten natürlich meine Familie. Auch deshalb passt es, dass wir so viele sind.

Würden Sie etwas anders machen, wenn Sie an den Anfang zurück könnten?
Nein, es brauchte jedes Erlebnis, jede Erfahrung, um dorthin zu gelangen, wo ich heute stehe. Dazu gehörte, dass ich den harten Weg ging. Das vergessen die Menschen manchmal, weil bei mir alles so einfach aussieht. Ich war früher widerspenstig, wurde bei den Old Boys x-mal aus dem Tenniscenter rausgeworfen, weil ich Mist baute, zum Beispiel, weil ich mit Marco Chiudinelli zu viel schwatzte oder blödelte. Oder dann bereits mit 13 nach Ecublens zu ziehen und dort fast wie in einem Internat zu leben. Das war brutal hart und eine der prägendsten Erfahrungen. Ich hatte unendlich Heimweh, zugleich wusste ich, dass ich da durch muss, wenn ich es auf die Profitour schaffen will.

Sie würden also nichts ändern.
Genau. Es war sogar wichtig, gewisse Fehler zu machen. Damit ich ein besserer Spieler und auch ein besserer Mensch werde. Entscheidend war, die richtigen Lehren daraus zu ziehen und denselben Fehler nicht mehrmals zu machen. Man darf das nicht unterschätzen. Als Tennisprofi kann man viele Fehler begehen, im Umgang mit den Fans, den Medien, den Sponsoren, den Turnierveranstaltern. Die Gefahr ist gross, dass man vom richtigen Weg abkommt. Die Quittung folgt dann prompt, nämlich im nächsten Spiel, wenn man nicht in Bestform antritt. Bei den wirklich wichtigen Sachen habe ich aber sicher die richtige Wahl getroffen, nämlich was meine Trainer, den Fitnesscoach, den Agenten und natürlich meine Frau anbelangt.

Wie sehr interessieren Sie sich für News?
Ich interessiere mich, bin aber kein News-Junkie. Ich möchte auch nicht all die Nachrichtensendungen anschauen, wenn ich mit den Kindern zusammen bin. Da mache ich lieber etwas mit ihnen gemeinsam. Aber gerade während der Massagen und Therapiebehandlungen habe ich genügend Zeit zum Lesen, vor allem News über die Schweiz und speziell über Basel. Ich weiss, dass es ein Ozeanium auf der Heuwaage geben soll und der zweite Roche-Turm einige Diskussionen auslöst.

Dann wissen wir, was Sie im Hamam tun werden.
Sicher nicht lesen! Da ist ja alles pflotsch­nass. Ich bin echt gespannt, was da auf mich zukommt.

Okay, so allmählich kommt der Hamam-Termin näher. Welche Frage haben Sie noch nie beantworten müssen und wäre ganz neu für Sie?
Ach, Gott, worauf habe ich mich da nur eingelassen ... (lacht). Wir könnten den Spiess ja mal umdrehen und ich stelle Ihnen eine Frage, das wäre auch etwas ganz Neues.

Von mir aus.
Ich habe sogar mehrere Fragen: Über wie viele Sportarten berichten Sie?

Das sind rund ein halbes Dutzend Sportarten. Im Zentrum stehen Tennis und Fussball, manchmal schreibe ich auch über Leichtathletik, Boxen, Badminton und vielleicht einmal im Jahr über Tischtennis.
Welche dieser Sportarten finden Sie den Horror?

Keine, sonst würde ich nicht darüber schreiben. Der Horror wäre es allerdings, in den Ring steigen und selber boxen zu müssen.
Was finden Sie am Tennis super?

Tennis ist eine unglaublich psychologische Sportart, mit immer wieder überraschenden Wendungen. Wenn ich da an den Wimbledon-Final des vergangenen Jahres von Ihnen gegen Novak Djokovic denke, an dieses Hin und Her. Am Anfang des vierten Satzes sahen Sie wie der sichere Verlierer aus, dann kamen Sie auf und gaben das Spiel im fünften doch noch unerwartet aus der Hand.
Das hat genau mit den Regeln zu tun, die sich vollauf bewährt haben. Es kann alles so schnell eine andere Wendung nehmen. Nur im Boxen gehts manchmal noch rascher in eine andere Richtung, wenn der Gegner plötzlich aus dem Nichts heraus einen Volltreffer landet und bumm – bist du am Boden, auch wenn du elf Runden lang total dominiert hast. Gibt es etwas, das Sie im Tennis sofort ändern würden?

Ja, ich bedaure, dass es nur noch an den Grand-Slam-Turnieren Fünfsätzer gibt. Wenigstens die Finals sollten an den übrigen Turnieren über drei Gewinnsätze gespielt werden.
Ich verstehe diesen Gedanken. Wenn ein Endspiel so wie letztes Jahr in Basel gegen Goffin in nicht mal einer Stunde bereits vorbei ist, kommen die Zuschauer natürlich nicht auf ihre Kosten. Gleichzeitig geht es wohl nicht anders. Würde an allen Turnieren ein Fünfsätzer gespielt, könnte ich hier vermutlich nicht teilnehmen. Weil es gleich in Madrid weitergeht und dann in Rom und dann in Paris. Das ist zu viel der Belastung. Das wurde geändert nach dem Wahnsinns-Final zwischen Rafael Nadal und mir in Rom 2006. Ich hatte die ganze Woche enge Partien und dann noch dieses über fünfstündige Endspiel gegen Nadal. Nachher konnte ich kaum mehr laufen und sagte Hamburg ab, genauso wie Nadal. Da war die Empörung bei den Hamburger Veranstaltern gross. Aber für den Tennisfan sind diese Fünfsätzer natürlich super. Die denkwürdigsten Spiele sind denn auch alles Fünfsätzer ...

... mit Ausnahme vielleicht des Halb­finals zwischen Ihnen und Stan Wawrinka am Masters 2014 ...
... stimmt, aber wie Sie sagen, ist das die Ausnahme. Gerade beim Masters ist es jedoch unbegreiflich, dass dort im Final kein Fünfsätzer gespielt wird. Schliesslich ist es der Saisonhöhepunkt, und danach steht kein Turnier mehr an, ausser der Davis Cup.

Okay, nun wünsche ich Ihnen viel Spass im Hamam. Eine Frage hätte ich aber noch: Wer gewinnt das French Open?
Haha! Netter Versuch.

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