Eine Notbremse, die überfällig war

Belinda Bencic wird vom Handgelenk zu einer monatelangen Pause gezwungen.

Muss den Schläger ruhen lassen: Belinda Bencic. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Muss den Schläger ruhen lassen: Belinda Bencic. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

René Stauffer@staffsky

Belinda Bencic ist vernarrt in den Tennissport und die weltweite Profitour, genau wie Roger Federer. Und wie ihr prominenter Partner vom Hopman-Cup im Januar in Perth, wo sie voller Optimismus ins neue Jahr startete, wird nun auch die fast 16 Jahre jüngere Ostschweizerin von ihrem Körper zu einer Zwangspause genötigt. Die ­bereits letzte Woche erfolgte Operation ihres linken Handgelenks wird sie nach eigenen Aussagen monatelang von ihrem Beruf fernhalten.

Gemäss Stuart Duguid, der sie bei IMG betreut, handelt es sich um eine Verletzung der Bänder und Sehnen. Sie sei in Antwerpen von Frederik Verstreken operiert worden, der einst auch Kim Clijsters behandelt hatte. Man gehe von einer Therapiephase von vier bis fünf Monaten aus. «Angesichts der Umstände ist sie sehr gut drauf und motivierter denn je, an die Spitze zurückzukehren», so Duguid.

Dass die 20-Jährige die Notbremse gezogen hat, kommt nicht über­raschend. Überraschender war, dass sie so lange damit wartete, obwohl ihre Rückhand schon lange beeinträchtigt war. Nicht hilfreich war dabei wohl, dass zeitgleich ihr Umfeld aus dem Lot geriet. Im Drang, sich von ihrem Vater zu lösen, sich zu emanzipieren und ihre eigenen Wege zu gehen, litt die zielgerichtete Arbeit. Bencic war schon länger in eine falsche Richtung unterwegs, doch niemand hielt sie zurück.

Die Signale ignoriert

Das mag mit ihren frühen Erfolgen zu tun haben, die für eine Art Betriebsblindheit sorgten. Sie hatte schon im Teenager-Alter erlebt, wie süss Erfolge sind, als zweifache Grand-Slam-Siegerin und Weltmeisterin der Junioren, dann als fulminant hochgekommene Top-10-Spielerin. Weltweit wurde ihr der Vorstoss auf Rang 1 vorhergesagt. Agenturen, Turnierdirektoren, Fans und Sponsoren begehrten sie.

Im Gegensatz zu Federer war ihre Karriere viel schneller in Fahrt gekommen und früh auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet. Ihr fehlte wohl ein weitsichtiger Berater wie ihn der heutige Grand-Slam-Rekordsieger in seinem Fitnesstrainer Pierre Paganini hat, der schon früh einen Zehnjahresplan skizzierte. Bencic dagegen hetzte ohne erkennbare Strategie von Turnier zu Turnier, spielte zu viel und trainierte wohl zu wenig, zumindest zu wenig professionell. Und als die Verletzungen sich alarmierend zu häufen begannen, erkannten sie und ihr Umfeld die Signale nicht oder ignorierten sie.

Sie tut gut daran, diese Pause als Chance zu nutzen, sich zu finden und neu aufzubauen.

Einst die Nummer 7, ist sie jetzt noch die 131. Auf der WTA-Tour gewann Bencic 2017 nur eine von acht Partien. So konnte es für sie gar nicht weiter­gehen, sagt Fed-Cup-Teamchef Heinz Günthardt. «Um auf der Profitour mitzuhalten, muss man vor allem gesund sein.» Das war sie schon länger nicht mehr. Trotzdem spielte sie weiter – und geriet in eine Abwärts­spirale: Eine Verletzung zog die nächste mit sich, mit jeder Niederlage verlor sie Selbstvertrauen, Spass am Spiel und Respekt der Gegnerinnen.

Im Gegensatz zu Federer steht Bencic noch am Anfang ihrer Karriere, hat die Zeit auf ihrer Seite. Sie tut gut daran, ihre Rückkehr nicht zu forcieren, sondern diese Pause als Chance zu nutzen, sich neu zu finden und Körper und Geist neu aufzubauen. Genau wie es Federer vormachte. Je fitter und gesunder sie zurückkommt, desto schneller wird es aufwärtsgehen. Für Experten wie Günthardt steht ausser Zweifel, dass sie den Ball noch immer hervorragend schlägt und sich zuletzt klar unter ihrem Wert geschlagen geben musste. Doch nun ist die Zeit für einen Neuanfang endgültig da.

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