«Ein Winner im Team hilft der ganzen Equipe»

Heinz Günthardt erklärt, warum das Frauentennis in der Schweiz ein neues Hoch erlebt. Und warum die Fed-Cup-Partie in den USA ein «Horrorlos» ist.

«Wenn Belinda an der Spitze so mitspielt, zieht sie alle mit»: Günthardt über Bencic. Foto: Keystone

«Wenn Belinda an der Spitze so mitspielt, zieht sie alle mit»: Günthardt über Bencic. Foto: Keystone

René Stauffer@staffsky

Belinda Bencic, Stefanie Vögele und Jil Teichmann verzichten auf das Aufstiegsspiel imFed-Cup gegen die USA von nächster Woche. Sind Sie als Teamcaptain enttäuscht?
Nein. Denn für uns gab es ein Horrorlos: In der Woche nach Lugano auswärts gegen die USA zu spielen. Genau das traf ein. Mitten in der europäischen Sandsaison in San Antonio auf Hartplatz anzutreten, passt niemandem sinnvoll ins Programm, nicht einmal den Amerikanerinnen. Dazu kommt, dass die erste Weltgruppe möglicherweise 2020 von 8 auf 16 Länder vergrössert wird. Dann wären wir bereits aufgestiegen.

Versuchten Sie, Teamleaderin Bencic umzustimmen?
Nein, denn ich kann ihre Entscheidung verstehen. Sie kommt eben aus den USA zurück, spielt nun in Lugano auf Sand, nun müsste sie wieder den Belag, den Kontinent und die Zeitzone wechseln. Wichtig ist, dass sie weiter zum Fed-Cup-Team steht, und das tut sie, wie alle anderen auch. Der Teamgeist, den wir geschaffen haben, ist intakt. Das merke ich auch in unserem Team-Chat, durch den wir fast täglich Kontakt haben. Unser Ziel bleibt, diesen Wettbewerb einmal zu gewinnen.

Bencic steht wieder auf Rang 20 der WTA-Weltrangliste undist Fünfte der Jahreswertung. Überrascht Sie das?
Überhaupt nicht. Sie hat ein unglaubliches Timing und unwahrscheinliche Fähigkeiten, ein Spiel zu lesen. Wenn auch noch ihr Selbstvertrauen stimmt, spielt sie enorm schnell, ist der Gegnerin in allem einen halben Schritt voraus und kann sie wegdrücken. Durch ihre vielen Verletzungen war sie zwischendurch langsamer geworden. Dadurch riskierte sie mehr, um zu vermeiden, dass sie in die Defensive kommt. Inzwischen gewinnt sie auch wieder Punkte aus der Defensive, und das verschafft ihr zusätzliche Ruhe.

Auch mit den meisten anderen der stärksten Schweizerinnen geht es aufwärts. Ein Zufall?
Wenn Belinda an der Spitze so mitspielt, zieht sie alle mit, gibt das eine Sogwirkung. Man kennt sich, trainiert zusammen und sagt sich: Okay, in diesem Bereich müsste ich auch mithalten können. Wenn ein Winner im Team steckt, hilft dies der ganzen Equipe. Es ist enorm, wie viele Schweizerinnen vorne mitspielen. Für eine kleine Nation ist das der Wahnsinn.

Wo steht Timea Bacsinszky im Moment? Rang 112 dürfte nur eine Durchgangsstation sein.
Bestimmt. Denn jetzt kommt die Jahreszeit, in der sie am stärksten ist. Sie war jahrelang eine der weltbesten Sandplatzspielerinnen, stand zweimal im Halbfinal von Paris. Diese Fähigkeit steckt immer noch in ihr.

«Die Region um Rang 150 ist für viele ein Knackpunkt.»

Mit Ylena In-Albon und Conny Perrin nehmen Sie zwei Debütantinnen mit nach Texas. Ihre Einschätzung?
Ylena spielt interessant, sehr geschickt. Sie hat eine gute Hand und variiert sehr. Aber sie kann Gegnerinnen nicht wegschiessen – sie muss sie wegspielen. Perrin spielt vom Typ her wie Steffi Graf, mit viel Slice auf der Rückhand. Bisher fehlten ihr aber noch einige zusätzliche PS, um mit der Vorhand den Unterschied ausmachen zu können.

Die einzige Spielerin Ihres Teams, die momentan stagniert, ist Jil Teichmann.
Irgendwann wird der Weg zum Gipfel eben steiler. Die Region um Rang 150 ist für viele ein Knackpunkt. Da wird die Leistungsdichte höher, haben die Spielerinnen mehr Erfahrung. Sie spielt gut, hat schon oft an die Tür geklopft, aber ihr fehlt bisher der nötige Exploit.

Golubic und Vögele waren beide schon um Rang 50 klassiert. Wo sehen Sie die zwei jetzt?
Viktorija hat bewiesen, dass sie an gewissen Tagen mit allen mithalten kann. Aber sie hat keinen spezifischen Schlag, der sie retten kann, wenn es nicht so läuft. Bei Stefanie ist es ähnlich. Aber beide haben das Potenzial, sich da und dort noch um einige Prozente zu verbessern.

Bisher gab es in 16 WTA-Turnieren 16 verschiedene Sieger-innen. Was sagt das aus?
Dass die Leistungsdichte grösser geworden ist und die absoluten Superstars fehlen. Früher gab es eine Zweiklassengesellschaft, die Top 8 und den Rest. Nun ist alles viel offener. Du könntest 50 Spielerinnen aufzählen, die ein Grand-Slam-Turnier gewinnen können. Dazu gehört Belinda zweifellos. Aber auch Timea: Warum sollte sie nicht das French Open gewinnen? Du musst nur im richtigen Moment in Topform sein und etwas Glück haben.

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