Ein fast blinder Enthusiasmus

Die Reaktionen auf Roger Federers Comeback zeigen, dass er für das Tennis noch immer unersetzlich ist.

Wild entschlossen: Die Auslosung verlief für Federer günstig – um nur schon die Halbfinals zu erreichen, müsste er aber wohl Nishikori und Murray schlagen. Foto: Reuters

Wild entschlossen: Die Auslosung verlief für Federer günstig – um nur schon die Halbfinals zu erreichen, müsste er aber wohl Nishikori und Murray schlagen. Foto: Reuters

René Stauffer@staffsky

Roger Federer hat Wort gehalten. Rechtzeitig zum ersten Grand-Slam-Turnier meldet sich der im August 36-Jährige nach sechs Monaten Pause zurück auf der Tour. Und das, wie es aussieht, fitter, frischer und gesünder als im vermaledeiten 2016, in dem er, mehr schlecht als recht, gerade einmal sieben Turniere bestreiten konnte. Sein Fall auf Rang 17 der Weltrangliste mischt die Tennisszene zusätzlich auf und bescherte der Auslosung für das am Montag beginnende Australian Open überdurchschnittliche Auf­merksamkeit.

Dabei reichte ein einziges Schau­turnier in Perth, um die Euphorie um den Baselbieter neu zu entfachen: Seine drei Einzel und drei Mixed neben Belinda Bencic trugen am Hopman-Cup massgeblich zu einem Zuschauerrekord (105'000) bei. Und trotz einer Niederlage gegen Alexander Zverev wurden Federers Leistungen allgemein und zu Recht als so gut taxiert, dass ihm viele schon wieder alles zutrauen. Und dies bereits am Australian Open, umso mehr, als die Auslosung für ihn relativ günstig verlief.

Er macht die Turniere besser

Nach zwei Partien gegen noch nicht definierte Qualifikanten könnte er zwar erstmals seit 16 Jahren an einem Grand-Slam-Turnier schon im Sechzehntel­final auf einen besser Klassierten treffen. Dass es sich dabei um Tomas Berdych handeln würde, den auf Rang 10 ­zurückgefallenen Tschechen, gegen den er die letzten fünf Duelle gewonnen hat, ist aber bestimmt kein schlechtes Los. Federer hätte in Runde 3 auch schon Rafael Nadal, Nick Kyrgios oder dem mit einem Turniersieg ins Jahr gestarteten Bulgaren Grigor Dimitrov gegenüberstehen können.

Die positiven bis euphorischen Reaktionen auf Federers Rückkehr, die selbst von Rivalen wie Murray, Wawrinka, Nadal, Djokovic und Nishikori begrüsst wird, zeigen, wie unersetzlich der Rekord-Grand-Slam-Sieger für seinen Sport noch immer ist. Federer ist seit über zwölf Jahren der Haupt­botschafter des Tennis und, wenn in Topform, auch sein wohl spektakulärster Exponent. Wie Tiger Woods bei den Golfern beschert allein seine Anwesenheit den Turnieren einen viel höheren Beachtungsgrad.

Rod Lavers Prognose

Dabei mischt sich in die Vorfreude über sein Comeback vielerorts auch ein fast blinder Enthusiasmus, der gelegentlich mit einem gewissen Realitätsverlust oder zumindest übersteigerten Erwartungen einhergeht. In gewissen Schweizer Umfragen trauen ihm 40 Prozent sogar den Turniersieg in Melbourne zu, und das tut auch ein sehr prominenter Australier: Rod Laver, der 1962 und 1969 den Grand Slam schaffte, bezeichnet Federer als jenen Mann, den es in Melbourne zu bezwingen gelte. «Wenn für ihn alles gut läuft, kann er den Titel holen.»

Ob der 78-Jährige damit Federer einen Gefallen tut, darf bezweifelt werden. Bei aller Faszination, die der Baselbieter noch immer weckt, sollte nicht übersehen werden, dass der letzte seiner vier Australian-Open-Titel bereits sieben Jahre zurückliegt, sein letzter Grand-Slam-Titel (Wimbledon 2012) schon über vier. Natürlich waren andererseits seine Leistungen in Melbourne fast ausnahmslos solide bis sehr gut, auch in fünf seiner letzten sechs Anläufe schaffte er es noch bis in die Halbfinals. Die einzige Ausnahme war vor zwei Jahren nach einer ­unerwarteten Drittrundenniederlage gegen Andreas Seppi.

Rutschpartie im Ranking?

Um diesmal nur schon die Halbfinals zu erreichen, müsste Federer aber bei normalem Turnierverlauf nach ­Berdych auch noch Kei Nishikori und Andy Murray bezwingen. Im Halbfinal könnte er dann theoretisch auf Stan Wawrinka treffen, den Sieger von 2014, und im Final auf Novak Djokovic, der seinen 7. Titel in Melbourne anstrebt. Das ist doch etwas gar viel verlangt.

Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass Federers Rutschpartie im ­Ranking vorerst weitergeht. In Melbourne hat er 720 seiner noch 1980 ATP-Punkte zu verteidigen. Bei einer frühen Niederlage könnte er aus den Top 30 fallen, womit sich die kommenden Wochen und Monate schwierig gestalten ­dürften. Das Wichtigste allerdings ist, dass Federers Körper wieder mitspielt, nachdem er zwei der letzten drei Grand-Slam-Turniere auslassen musste und zuletzt immer angeschlagen war. Ändert sich das wieder, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sein Name wieder in den Top 5 auftaucht. Ob er aber auch noch eines der ganz grossen Turniere gewinnt, ist eine andere Frage.

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