Djokovic 2.0 ist eine logische Entwicklung

Der Serbe rückt mit seinem 14. Grand-Slam-Sieg näher an Roger Federers Rekord heran. Der Druck auf den Schweizer nimmt zu.

Er hat den Rekord von Roger Federer plötzlich wieder in Sichtweite: Novak Djokovic gewinnt seinen 14. Grand-Slam-Titel. Video: SRF

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Im Tennis kann es schnell gehen. Noch vor den Championships von Wimbledon thronten Rafael Nadal und Roger Federer hoch über der Konkurrenz, fast wie anno dazumal. Die beiden Superstars hatten die vorangegangenen sechs Grand-Slam-Turniere gewonnen, schön abwechselnd. Doch nun, gut zwei Monate später, steht Novak Djokovic an der Spitze, noch nicht in der Weltrangliste, aber in der Hierarchie.

Das Tempo, mit dem der Serbe nicht nur aus dem Loch gekrochen, sondern gleich auf den Gipfel gestürmt ist, mag erstaunen, die Tatsache an sich ist allerdings wenig überraschend. Federer und den anderen Konkurrenten war immer klar gewesen, dass Djokovic nicht in der Versenkung verschwinden würde. Er ist schlicht zu gut.

Mit seinem Punkterekord in der Weltrangliste sowie dem Triumph an fünf von sechs Majors war der mittlerweile 31-Jährige zwischen Anfang 2015 und Mitte 2016 die dominanteste Figur, die der Tennissport in der Neuzeit erlebt hat. Seine Spielweise mag weniger attraktiv sein als jene Federers, Nadals und Stan Wawrinkas, doch seine Effizienz ist unerreicht. Zudem ist sein präzises, fehlerarmes, auf überragender Beinarbeit basierendes Grundlinienspiel für die langsamen Verhältnisse prädestiniert, die diesmal im Billie Jean King Tennis Center herrschten.

Drei Ausnahmeerscheinungen

Federer und Nadal haben Djokovic das Leben zuletzt unfreiwillig etwas erleichtert. Der Baselbieter agiert heuer nicht mehr mit der Unbeschwertheit und auf dem Niveau von 2017, der Mallorquiner zollte einmal mehr während der Hartplatzsaison seinem imposanten und doch so fragilen Körper Tribut. So musste Djokovic in New York auf dem Weg zu seinem 14. Grand-Slam-Titel (Federer hat 20) keinen seiner grossen Rivalen bezwingen. Die Finalteilnahme Juan Martin Del Potros war verdient; seine Renaissance ist insofern keine Überraschung, als ihm vor seinen Handgelenkoperationen am ehesten zugetraut worden war, in die Phalanx der vier Überflieger, denen auch noch Andy Murray zugerechnet wird, einzubrechen.

Interessanterweise stehen fast dieselben Spieler in den Top 5 wie Ende 2009; einzig Alexander Zverev ist an die Stelle Murrays getreten, der nach seiner Hüftoperation weit von seinem einstigen Rendement entfernt ist. Das sagt uns zweierlei: Erstens sind Federer, Nadal und Djokovic Ausnahmeerscheinungen, von denen es gewöhnlich alle 10 bis 20 Jahre nur eine gibt. Zweitens hat die Wachablösung, die seit vielen Jahren prognostiziert wird, immer noch nicht stattgefunden. Ende Monat, wenn Del Potro und Marin Cilic ihren Geburtstag gefeiert haben, werden alle aktiven Grand-Slam-Champions über 30-jährig sein.

Viele Junge mit Potenzial

Die von Zverev angeführte Generation der 18- bis 23-Jährigen scheint qualitativ besser zu sein, als die vorangegangene mit Kei Nishikori, Milos Raonic und Grigor Dimitrov als Vorreiter. Mit Denis Shapovalov, Nick Kyrgios, Stefanos Tsitsipas, Hyeon Chung, Karen Chatschanow und einigen mehr gibt es eine ganze Reihe von jungen Tennisprofis mit grossem Potenzial. Die jetzigen Youngsters werden es allerdings auch deutlich einfacher haben, weil die heutigen Superstars nicht ewig zu Glanzleistungen fähig sein werden. Doch vorerst sind diese noch da und werden, Verletzungspech ausgeschlossen, im kommenden Januar als Favoriten das Australian Open bestreiten.

Federer selber sagt freilich, er sehe sich nicht mehr als Favorit. Diese Rolle müssten nun andere übernehmen. Seit dem Titelgewinn in Stuttgart waren die Leistungen des Baselbieters inkonstant. In Halle schien er dem zuvor in Stuttgart geleisteten Effort Tribut zu zollen; in Wimbledon agierte er passiv und verlor gegen Kevin Anderson, nachdem bis zum Ende des dritte Satzes alles auf einen Sieg hingedeutet hatte; in Cincinnati offenbarte er Schwächen, die man bei ihm in gesundem Zustand kaum je gesehen hatte; in New York scheiterte der an sich so hitzeerprobte Routinier an den tropischen Wetterbedingungen.

Ob einzelne dieser Probleme doch etwas mit dem fortschreitenden Alter zu tun hatten, ist schwierig zu sagen. Tatsache ist, dass Druck und Anspannung zunehmen, weil Federer weiss: Allzu viele Chancen, bedeutende Turniere zu gewinnen, bekommt er nicht mehr.

Die entscheidende Frage für Federer

Klar ist: 2019 wird er in Melbourne und in Wimbledon nur in den Kampf um die Titel eingreifen können, wenn er sich vorher seriös vorbereitet, und zwar ohne Kompromisse einzugehen. Ist der vierfache Familienvater dazu noch bereit? Diese Frage wird er sich selber auch stellen, zumal ihm das Leben B zu behagen scheint, er mehr erreicht hat, als er sich hatte erträumen können, und es aufgrund der starken Konkurrenz keine Garantie gibt, dass selbst pickelharte Arbeit zu weiteren Erfolgen auf Grand-Slam-Ebene führen wird.

Wawrinka scheint derweil beseelt vom Gedanken, wieder in die Weltspitze vorzustossen. Zuzutrauen ist es ihm seinen 33 Jahren zum Trotz alleweil. Seine Auftritte in Nordamerika waren jedenfalls ermutigend. Sein Problem ist, dass er sich mit seiner Verbissenheit zuweilen selber im Weg steht. Setzt der Waadtländer seine Aufwärtstendenz an den Hallenturnieren fort, wird am Australien Open niemand in einer der ersten Runden gegen Wawrinka antreten wollen – nicht einmal Djokovic.

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(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.09.2018, 09:32 Uhr

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