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Dieser Youngster schüttelt die Tenniswelt durch

Der 20-jährige Alexander Zverev ist der jüngste Masters-Sieger seit Novak Djokovic 2007. Sein Erfolgshunger wirkt fast animalisch.

Seine Entwicklungsschübe haben ihn bereits in die Top 10 gebracht: Alexander Zverev (20).
Seine Entwicklungsschübe haben ihn bereits in die Top 10 gebracht: Alexander Zverev (20).
Keystone

Ob Alexander Zverev einer ist, der jetzt über diesen Erfolg erschrickt? Als er nach dem Viertelfinalsieg in Rom gegen den Kanadier Milos Raonic gefragt wurde, wie er seine Chancen auf den Titelgewinn einschätze, zuckte er nicht zusammen. Er sei eben einer von noch vier Spielern in diesem Turnier. Ergo: «Ich habe eine 25-Prozent-Chance.»

Zverev, 20 Jahre und einen Monat alt, geboren in Hamburg, Bruder des Profis Mischa (29), Kind zweier früherer russischer Tennisprofis, weiss schon, dass er gut ist. Sehr gut. Und jetzt zeigt er es der Welt. So einfach ist im Grunde seine Geschichte. In Rom war es am Sonntagnachmittag ja tatsächlich Zverev, der die Arme reckte und sich später vom Finalverlierer Novak Djokovic drücken liess. 6:4, 6:3, zwei Sätze und ein Turniersieg, der mehr ist als ein Statement. Er ist ein Beben im Tennis.

Als erster Deutscher seit 2001 (Tommy Haas in Stuttgart) hat Zverev ein Masters-Event gewonnen; die neun Turniere dieser Serie sind gleich hinter den vier Grand Slams in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York eingestuft. Doch ein anderer Vergleich veranschaulicht sein Niveau besser: Von 59 Masters-Turnieren seit 2011 hiessen die Sieger 54-mal Novak Djokovic, Roger Federer, Rafael Nadal und Andy Murray. Zverev ist der jüngste Sieger seit Djokovics Erfolg 2007 in Miami.

Gegen Zverev war der Serbe machtlos. 64:48 Punkte schaffte der Deutsche. Zverev schlug im Schnitt mit 203 km/h auf. Djokovic mit 188 km/h. Das ist eine Klasse Unterschied.

Mentalität von Siegern

«Ich weiss selbst nicht, was ich sagen soll», sagte Zverev im Interview beim Sender Sky zu seinem Sieg. Dann fiel ihm aber doch das Richtige ein: «Es war eines meiner besten Matches, die ich je gespielt habe – und das im Final von Rom.» Wann er an den Sieg geglaubt habe? «Von Anfang an», man müsse positiv in ein Match gehen. Solche Mentalitäten machen Sieger.

Seine Überzeugtheit hatte sich schon während der ganzen Woche ausgedrückt. Er hatte den Südafrikaner Kevin Anderson, den Serben Viktor Troicki, den Italiener Fabio Fognini, Milos Raonic und den Amerikaner John Isner mal glatter, mal knapper besiegt. Jedes Mal verdient. Jedes Mal trug er ein vielsagendes Gesicht. Ein Tennisfotograf nannte es auf Twitter das «this is my f ...-court-face».

Tatsächlich wirkt sein Erfolgshunger fast animalisch. Wenn er an der Grundlinie vor dem Return umherstrolcht wie ein Tiger im Käfig, sich das Hemd hochzieht und gierig zum Gegner schaut, möchte man diesem zurufen: Lauf weg! Der Tiger bricht aus! Schon schlägt der nächste Ball ein. Auch Djokovic, ein Defensivkünstler, reagierte oft zu spät.

Immer neue Bestmarken

Das wirklich Verblüffende an Zverev ist, dass er seine halbe Karriere lang, seit er als eines der grössten Talente ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt ist, dem Erwartungsdruck nicht nur standhielt. Mit seinen Entwicklungsschüben übertrifft er viele Erwartungen. 2015 wurde er erstmals, mit 17, in der Weltrangliste geführt.

Nun klettert er auf den 10. Platz im ATP Ranking. Auch ein Lohn seines furiosen Spurts zuletzt. In München holte er seinen dritten Tour-Titel (nach St. Petersburg und Montpellier). In Madrid stiess er erstmals in den Viertelfinal eines Masters-Turniers vor. In Rom die nächste Bestmarke.

Wie er das Resultat in Italien sieht? «Es ist ein weiteres Sprungbrett in meiner Karriere», hatte er vor dem Finale gesagt. Ob er nicht doch überrascht sei über das Tempo, mit dem er das Establishment aufmischt? «Überrascht ist das falsche Wort», so Zverev. Er sei «eher glücklich». Er wisse ja, was er alles investiert habe. Und an «einem gewissen Punkt kommt dies zustande» – mit «dies» meinte er seine Erfolge.

Leicht aufbrausend

Manchmal neigt Zverev dazu, leicht aufzubrausen, wenn er etwa nach einer aus seiner Sicht Selbstverständlichkeit gefragt wird. Wenn er aber ruhig bleibt und überlegt antwortet, findet er oft gute Worte.

In jedem Fall ist er von den Jungprofis, die die Männertour ATP mit dem digitalen Label #NextGen (nächste Generation) vermarktet, der mit dem grössten Willen. Der Australier Nick Kyrgios, 18. der Welt, mag eine Spur mehr Bewegungstalent und Ballgefühl besitzen. Aber seine Leistungen hängen oft von seinen Launen ab. Gut zwei Jahre tourte Kyrgios ohne Trainer, nun wagt er einen Versuch mit dem Franzosen Sébastien Grosjean.

In dieser Zeit hat Zverev mit seinen Helfern Nuance um Nuance verfeinert. Fitnesskoryphäe Jez Green, einst für den heutigen Weltranglistenersten Andy Murray angestellt, machte ihn und seinen Bruder fit wie Navy Seals. Der neue Physio Hugo Gravil reist nun auch mit. Trainiert werden beide Zverevs vom Vater, der in Rom mitjubelte.

Einen motivierenden Mentalcoach braucht Alexander jr. indes nicht. Anfang Mai spielte er in München. Als er Jan-Lennard Struff im Viertelfinal 3:6, 7:6, 7:6 niedergekämpft hatte, ging er auf den Trainingsplatz, für 30 Minuten. Zverev wollte mit einem «besseren Gefühl für die aggressiven Schläge» den Arbeitstag beenden, erklärte er. Wohin dieser Spirit führt, sah die Branche in Rom. «Ich werde mich immer an diesen ganz speziellen Sieg erinnern», sagte Zverev; es war ja der erste grosse. Weitere sollen folgen. Und werden es wohl auch.

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