Die wundersame Krönung von Hingis’ dritter Karriere

Die 34-Jährige holte neben den Indern Sania Mirza und Leander Paes ihre Grand-Slam-Titel 17 und 18.

Erfolgreiches Duo: Martina Hingis (links) und Sania Mirza.

Erfolgreiches Duo: Martina Hingis (links) und Sania Mirza.

(Bild: Reuters)

René Stauffer@staffsky

Es ist 21:18 Uhr in London am Samstag, als Martina Hingis zum Wimbledon-Sieg aufschlägt. Zuschauer klatschen begeistert im Takt. Sie haben auf dem Centre Court eben eine denkwürdige Wende erlebt, gesehen, wie das 34-jährige einstige Wunderkind und Partnerin Sania Mirza gegen die schlaggewaltigen Jelena Wesnina/Jekaterina Makarowa im 3. Satz ein 2:5 aufgeholt haben. Wie bei 5:5 eine Pause nötig wurde, um das Dach zu schliessen und das Flutlicht einzuschalten. «Die Atmosphäre danach war surreal», werden sie später sagen, «wie im Kino».

Hingis behält die Nerven, ihr Team gewinnt 5:7, 7:6, 7:5. Die Ostschweizerin hatte in Wimbledon als 15-Jährige ihren ersten Grand-Slam-Titel geholt, 1996 neben Helena Sukova (Tsch). Nun, 19 Jahre später, kann sie ihre 17. dieser Trophäen feiern, nach fünf im Einzeln, zwei im Mixed und neun im Doppel. Am Sonntagabend kehrt sie zurück auf den Centre Court, diesmal für den Mixedfinal, und gewinnt neben Leander Paes auch noch das gemischte Doppel, mit einem 41-minütigen Blitzsieg gegen Alexander Peya/Timea Babos (6:1, 6:1). Mit Paes hatte sie bereits in Melbourne im Januar das Mixed gewonnen.

Die Erfolge zahlen sich für sie auch finanziell aus: Mit Mirza kann sich Hingis 500'000 Franken teilen, mit Paes 150'000. «Ich fühle mich schon zu einem Viertel indisch», scherzt Hingis am Sonntagabend. Sie sei dieses Jahr auch schon sehr oft in jenem Land gewesen, habe den Premierminister getroffen, «und manchmal mache ich auch Yoga».

«Ein anderes Leben»

Die Krönung ihres Wimbledon-Turniers aber ist der Sieg im Frauendoppel, in ihrer längst klar erfolgreichsten Disziplin. «Das fühlt sich an wie in einem anderen Leben», sagt Hingis. «Ich kann mit Sania alles noch einmal erleben, wie früher.» 17 Jahre sind vergangen seit ihrem letzten Wimbledon-Sieg (sie triumphierte 1998 auch mit Jana Novotna, nachdem sie im Jahr zuvor ihren einzigen Einzeltitel geholt hatte). Hingis war 2002 nach Fussproblemen zurückgetreten, gab drei Jahre später ein Comeback, das 2007 mit einer in Wimbledon genommenen, positiven Dopingprobe dramatisch endete. «Normalerweise gewinnt man Wimbledon einmal. Was ich erreicht habe, liegt weit über meinen Erwartungen», sagt die Ostschweizerin, die sich im dritten Teil ihrer Karriere befindet, in dem sie nur noch Doppel spielt.

«Wir glaubten immer an den Sieg, auch im Rückstand», freute sich Mirza. Für die 28-Jährige ist es der grösste Erfolg, der erste Majortitel im Frauendoppel, womit sie bei ihrem Milliardenvolk Glücksgefühle auslöst. Hingis, die schlaue, ballsichere und am Netz brillante Strategin, und Mirza, die ebenfalls nur noch Doppel spielt, sehr ehrgeizig ist und von der Grundlinie enorm viel Druck entwickeln kann, ergänzen sich ideal. Auch neben dem Court. «Man muss die gleiche Wellenlänge haben, um gut Doppel zu spielen», sagt Hingis. «Ich bin eher emotional, sensibel. Ich muss mich mit einer Partnerin gut fühlen, damit ich mich mit ihr auf dem Court verstehe.»

Zweikampf um die Vormacht

Hingis/Mirza hatten sich im März mit dem erklärten Ziel formiert, einen Grand-Slam-Titel zu holen und die Weltrangliste anzuführen. Beides haben sie erreicht, wobei die Inderin die Nummer 1 und Hingis, die ein Turnier weniger bestritten hat, die Nummer 2 ist. Dennoch sind sie nicht unumstritten das Mass der Dinge. Mit der Slowakin Lucie Safarova und der Amerikanerin Bethanie Mattek-Sands ist ein anderes Gespann sehr erfolgreich unterwegs. «Die haben dieses Jahr schon zwei Grand-Slam-Turniere gewonnen, die wollen wir einholen», sagt Hingis.

Sie ist selber erstaunt vom Parcours, den sie in Wimbledon zurückgelegt hat – vom Wunderkind zur Verschmähten zur grossen Rückkehrerin im Doppel. Drei Jahre lang hatte sie zwischendurch dem Frauen-Endspiel als Ehrengast aus der Royal Box zugesehen. «Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal wieder unten stehen und dieses Endspiel selber gewinnen würde.»

Noch fast mehr freute sich Mirza: «Ich hätte hier auch Geschichte geschrieben, wenn wir verloren hätten», sagte sie. «Viele Kinder in Indien träumen von einem Wimbledon-Sieg. Und ich versuche, die Mädchen in Indien zu inspirieren.» Wo immer sie spiele, sei es wie in «little India», ein kleines Indien, habe es so viele Landsleute auf der Tribüne. Bei 5:5 im dritten Satz habe sie Hühnerhaut gehabt, «wir erhielten eine Standing Ovation, das gab uns Energie. Dieser Titel bedeutet mir alles.» Hingis geht noch weiter: «Es war das Publikum, das uns zum Titel trug.»

Williams vor dem Grand Slam

Der Einzeltitel der Frauen ging wie erwartet an Serena Williams, die mit 33 Jahren und fast 10 Monaten älteste Grand-Slam-Siegerin der Profiära wurde und nach dem 6:4, 6:4 gegen Garbiñe Muguruza nun bei 21 Einzel-Trophäen angelangt ist. Die Viertelfinalbezwingerin von Timea Bacsinszky zeigte im zweiten Satz eine kämpferische Leistung und kam nach einem 1:5-Rückstand nochmals zurück, war letztlich aber klar unterlegen.

Gewinnt die nun sechsfache Wimbledon-Siegerin Williams im September auch das US Open, hat sie als dritte Berufsspielerin nach der Australierin Margaret Smith Court (1970) und Steffi Graf (1988) den Grand Slam geschafft (alle vier Titel im gleichen Jahr) und schliesst mit dem 22. Titel zur deutschen Rekordhalterin Graf auf. Williams hält nun zum zweiten Mal nach 2003/04 gleichzeitig alle vier Majortitel – was als «Serena Slam» apostrophiert wird.

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