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«Die Leute haben das Gefühl, Federer gehöre ihnen»

Marc Rosset kann Fragen nach dem Rücktritt des 18-fachen Major-Champions nicht mehr hören. Besser wäre, sich einfach für alles bei Federer zu bedanken.

Ein Charakterkopf mit starker Meinung: Marc Rosset gewann einst Olympia-Gold und wirkt heute als TV-Kommentator für das welsche Fernsehen. Der 46-jährige Genfer blickt auf eine aufregende Karriere zurück.
Ein Charakterkopf mit starker Meinung: Marc Rosset gewann einst Olympia-Gold und wirkt heute als TV-Kommentator für das welsche Fernsehen. Der 46-jährige Genfer blickt auf eine aufregende Karriere zurück.
Fred Merz
In seiner Heimatstadt Genf feiert er ebenfalls 1992 vor 18 000 Zuschauern einen Sieg im Davis-Cup-Halbfinal gegen Brasilien. Zusammen mit Jakob Hlasek und Claudio Mezzadri erreicht er den Final und entfacht erstmals eine Tennis-Euphorie in der Schweiz.
In seiner Heimatstadt Genf feiert er ebenfalls 1992 vor 18 000 Zuschauern einen Sieg im Davis-Cup-Halbfinal gegen Brasilien. Zusammen mit Jakob Hlasek und Claudio Mezzadri erreicht er den Final und entfacht erstmals eine Tennis-Euphorie in der Schweiz.
Keystone
Zusammen mit Hlasek bringt Rosset im Final in Fort Worth 1992 sogar das Starduo McEnroe/Sampras an den Rand der Niederlage. Vorher hat er die Schweiz dank einem Sieg im Einzel gegen Jim Courier träumen lassen.
Zusammen mit Hlasek bringt Rosset im Final in Fort Worth 1992 sogar das Starduo McEnroe/Sampras an den Rand der Niederlage. Vorher hat er die Schweiz dank einem Sieg im Einzel gegen Jim Courier träumen lassen.
Keystone
Mit 2:6, 6:3, 7:6 gewinnt Rosset am 13. Februar 2000 in Marseille gegen Roger Federer, der nach seinem ersten Final auf der Tour bitter enttäuscht ist. Prophet Rosset tröstet ihn bei der Siegerehrung und sagt, er werde viele Titel gewinnen.
Mit 2:6, 6:3, 7:6 gewinnt Rosset am 13. Februar 2000 in Marseille gegen Roger Federer, der nach seinem ersten Final auf der Tour bitter enttäuscht ist. Prophet Rosset tröstet ihn bei der Siegerehrung und sagt, er werde viele Titel gewinnen.
Keystone
Federer und Rosset feiern im Davis-Cup-Viertelfinal 2003 in Toulouse einen Viersatzsieg gegen die Franzosen Escudé/Santoro.
Federer und Rosset feiern im Davis-Cup-Viertelfinal 2003 in Toulouse einen Viersatzsieg gegen die Franzosen Escudé/Santoro.
Keystone
Als ob er ihm die Reverenz erweisen will, geht Rosset in Rumänien vor Federer in die Hocke. Dieser ist eine Woche zuvor in Melbourne erstmals die Nummer 1 geworden und gewinnt nach einem Trip um die halbe Welt beide Einzel und mit Debütant Yves Allegro das Doppel.
Als ob er ihm die Reverenz erweisen will, geht Rosset in Rumänien vor Federer in die Hocke. Dieser ist eine Woche zuvor in Melbourne erstmals die Nummer 1 geworden und gewinnt nach einem Trip um die halbe Welt beide Einzel und mit Debütant Yves Allegro das Doppel.
Keystone
Der Siegeswille, den Rosset auf dem Platz auszeichnete, verlor er auch als Captain nicht. Im Hintergrund der blutjunge Stanislas Wawrinka.
Der Siegeswille, den Rosset auf dem Platz auszeichnete, verlor er auch als Captain nicht. Im Hintergrund der blutjunge Stanislas Wawrinka.
Keystone
Rosset hat auch eine lustige Seite. Hier sucht der Genfer bei einem Regenunterbruch in Gstaad Zuflucht unter dem Schirm einer Zuschauerin.
Rosset hat auch eine lustige Seite. Hier sucht der Genfer bei einem Regenunterbruch in Gstaad Zuflucht unter dem Schirm einer Zuschauerin.
Keystone
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Am 13. Februar 2000 hätten Sie beinahe die Karriere eines hoffnungsvollen Tennisjuniors im Keim erstickt. Was sind Ihre Erinnerungen an jenen Tag?

Sie meinen Marseille? (lacht) Ja, das war der erste Final von Roger (Federer). Ich siegte mit ein bisschen Glück 7:6 im dritten Satz. ­Natürlich war ich froh, gewonnen zu haben, aber Roger war sehr traurig. Wenn man gegen jemanden spielt, der einem am Herzen liegt, ist das nie das Gleiche. Ich weiss noch, wie ich an der Siegerehrung zu ihm sagte: «Mach dir keine Sorgen, du wirst schon noch Turniere gewinnen.» Aber dass es dann 18 Grand Slams und so viele andere Turniersiege werden würden, hatte ich natürlich nicht erwartet.

Federer war sehr traurig, er weinte an der ­Siegerehrung.

Logisch, es war sein erster ATP-­Final gewesen. Ich versuchte, ihn zu trösten. Ich kannte ihn schon gut. Wir hatten zusammen Doppel gespielt. Und als er in La Coruña (1998) erstmals im Davis-Cup ­dabei war, organisierte ich für ihn das Zimmer neben mir, mit einer Verbindungstür zu meinem. Wir spielten oft auf der Playstation.

Was trauten Sie ihm zu, als Sie ihn damals in Marseille schlugen?

Wenn ich ihm bei der Zeremonie gesagt hätte: Nimm es locker, du wirst einmal 18 Grand-Slam-Titel holen, hätte er bestimmt gedacht: Der ist verrückt! Ich sah, dass er ­begabt war. Aber es ist ein Unterschied, ob man Turniere gewinnt und eine schöne Karriere hat, oder ob man ein Champion wird wie er. Dazwischen liegt ein Universum. Es ist unglaublich, was er alles erreicht hat. Er ist für mich in den Top 3, Top 5 der besten Sportler aller Zeiten. Mit Muhammad Ali, Michael Jordan oder Michael Phelps mit ­seinen 23 olympischen Goldmedaillen. Das sind wir uns gar nicht so recht bewusst, weil wir seinen ganzen Weg verfolgt haben. Aber wenn heute jemand Federer zum ersten Mal in seinem Leben sieht, hat er das Gefühl, einen Halbgott vor sich zu haben. So, wie es für uns wäre, wenn sich Michael ­Jordan zu uns setzen würde. Wir würden kein Wort mehr herausbringen, so überwältigt wären wir.

Ein Bild aus ganz frühen Federer-Tagen: Er unterliegt Rosset in Marseille. Bild: Keystone
Ein Bild aus ganz frühen Federer-Tagen: Er unterliegt Rosset in Marseille. Bild: Keystone

Gab es für Federer einen Schlüsselmoment auf dem Weg zum Champion?

Ich glaube, ein trauriges Ereignis war bei seiner Entwicklung zentral: der Tod von Peter Carter ­(seinem früheren Coach, 2002). Dadurch reifte er.

Wen betrachten Sie neben Carter als die wichtigsten Figuren für ihn?

Natürlich hatte er Glück, dass er auf Pierre Paganini traf. Für mich der weltbeste Fitnesstrainer, den ein Tennisspieler haben kann. Aber die wichtigste Begegnung war jene mit Mirka (Rogers Frau). Sie macht die Hälfte seines Erfolgs aus. Man sagt ja: Hinter jedem grossen Mann steht eine starke Frau. Das trifft bei Roger zu. Mirka nahm ihm von Anfang an viel ab. Noch heute hält sie ihm den Rücken frei, damit er sich aufs Tennis konzentrieren kann. Er ist 35, hat so ­viele Titel geholt und so viel Geld auf der Seite. Sie hätte auch sagen ­können, als er sich am Knie verletzte: «Das ist doch nicht so schlimm, du hast ja schon so viel erreicht.» Aber sie ermutigte ihn ­weiterzumachen, trieb ihn an.

«Die wichtigste Begegnung war jene mit Mirka. Sie macht die Hälfte seines Erfolgs aus.»

Spielt es eine Rolle, dass seine Frau selber Tennisprofi war?

Natürlich. Sie versteht und liebt diesen Sport. Sie weiss, was es braucht. Wenn du mit jemandem zusammen bist, der mit Tennis nichts anfangen kann, ist es viel komplizierter. Bei Roger kam alles zusammen. Zuerst sagte Gott: «Ich statte dich mit ­allem erdenklichen Talent aus.» Zudem hat er geniale ­Eltern, die ihm so viel mitgaben. Deshalb ist er so menschlich. ­Kennen Sie jemanden, der Roger nicht mag? Vielleicht sagt einer: «Ich ­ziehe Nadal vor.» Aber ich kenne ­keinen, der ihn nicht mag. Er ist zu jedem freundlich. Nicht, weil er muss. Sondern weil er ­einfach so ist. Weil er die Menschen liebt.

Wann sahen Sie Federer erstmals spielen?

Als er 14 oder 15 war. Man sagte mir, er sei extrem talentiert. Er kam nach Genf, um mit mir zu trainieren. Ich war gespannt auf ihn. Als ich als Teenager erstmals mit dem grossen Henri Leconte hatte trainieren dürfen, war das für mich das Grösste gewesen. Ich gab alles, bis an den Rand der Erschöpfung. Ich dachte, Roger würde ähnlich ­nervös sein wie ich damals. Aber keine Spur! Er war völlig entspannt. So entspannt, wie man nur sein kann. (lacht) Ein Ball flog ins Netz, der nächste ins Aus, der ­dritte irgendwohin. Er war total ­locker, gar nicht nervös. Ich musste lachen, er war derart anders. Ich mag Leute, die anders sind.

Sie waren anfangs Federers Mentor, später sein Davis-Cup-Captain. Wie wichtig waren Sie für seine Entwicklung?

Wenn ein Junger aus dem gleichen Land auf die Tour kommt, übernimmt man die Rolle des grossen Bruders. Man versucht, ihn zu ­beschützen, ihm zu helfen. Wer das nicht tut, hat ein Problem mit dem Ego. Das hatte ich nicht. Als beispielsweise beim Davis-Cup-Halb­final in Australien (2003) die Eltern von Peter Carter da ­waren, begleitete ich ihn, als er sie nach dem Spiel besuchte. Weil das für ihn ein schwieriger Gang war. Wie wichtig ich für ihn war, kann ich nicht beurteilen. Aber falls ich ihm helfen konnte, umso besser.

Welche Gefühle löste bei Ihnen sein Sieg in Melbourne aus?

Ich war zufrieden für ihn, für Seve (Lüthi, den Coach), für Paganini. Es gab nicht mehr viele, die an ihn geglaubt hatten. Aber ich hatte ­immer gesagt, er werde noch ein Grand Slam gewinnen. Roger war oft im Halbfinal oder Final ge­wesen und hatte dann gegen Djokovic verloren. Ich dachte: Wenn ­Djokovic einmal nicht da ist, siegt er. So kam es. Und jetzt sage ich: Er kann weitere Majors gewinnen. Erst am Tag seines Rücktritts glaube ich nicht mehr daran. Das Wort niemals sollte im Sport ­ohnehin nie verwendet werden. Vor allem nicht bei Ausnahmekönnern wie Federer und Nadal. Aber lassen Sie mich noch eine Episode aus der Zeit erzählen, als Roger Rückenprobleme hatte (2013) und den Schläger wechselte.

Nur zu!

Damals rief mich ein Journalist an und fragte: «Was können Sie ­Roger für seinen Rücktritt raten?» Ich sagte: «Pardon? Wovon sprechen Sie?» Und er: «Roger wird im Ranking abrutschen. Es ist besser, wenn er aufhört. Das sollte er sich nicht ­antun.» Ich ärgerte mich, sagte: ­«Ihnen geht es nicht um Roger. Sie haben keine Lust, ihn als Nummer 10 oder 15 zu sehen. Zu erleben, wie er im Viertelfinal verliert. Weil Sie sich das Bild von Roger bewahren möchten, wie er alles ­gewinnt. Aber wenn er die Nummer 20 ist und immer noch Freude am ­Tennis hat, wieso sollte er aufhören? Weil es Sie frustriert, ihn so zu ­sehen?» Die Leute haben das ­Gefühl, ­Federer gehöre ihnen. Das tut er aber nicht. Er hat uns so viel Freude gemacht, und das ­Einzige, das wir zu ihm sagen können, ist: «Danke für alles.»

Welche Bedeutung hat der 18. Major-Titel für ihn?

Wenn man 18 Grand Slams gewonnen hat, haben nicht alle den gleichen Stellenwert. Ich glaube, drei stechen heraus: Der erste ist immer besonders süss. Roland Garros 2009 war für ihn auch ­speziell. Da dachte er wohl: Uff, das ist jetzt geschafft! Und auch dieser 18. wird für ihn eine besondere ­Bedeutung haben. Weil er ihn mit 35 holte und erst noch nach einer sechsmonatigen Pause.

Waren Sie auch so beeindruckt von seiner Rückhand im Final?

Absolut. Ich weiss nicht, ob es an der Unterlage lag, dass er den Ball so attackieren konnte mit der Rückhand. Oder an seiner Einstellung. Als er nach dem Final sagte, er hätte auch ein Unentschieden genommen, glaubte ich ihm. Natürlich wollte er gewinnen. Aber die Aussicht, dass er verlieren könnte, stresste ihn diesmal nicht so sehr. Das half. Schon Dimitrov hatte gegen Nadal (im Halbfinal) einen grossartigen Match gezeigt. Federer und ­Dimitrov konnten gegen ­Nadal das gleiche Spiel durchziehen wie Murray und Djokovic, trotz ihrer einhändigen Rückhand. Das kann man nicht hoch genug einstufen. Was ich unbedingt noch sagen will: Für den, der die Unterlage am ­Australian Open bestimmte, müsste man eine Statue errichten.

«Das ­Einzige, das wir zu ihm sagen können, ist: ‹Danke für alles.›»

Weil er Federer mit den ­schnellen Bedingungen zum Titel verhalf?

Nein, nicht deshalb. Weil wir dadurch endlich wieder Tennis ­sahen, das Spass macht. Die Grand Slams haben sich in den letzten Jahren viel zu sehr angenähert. In Melbourne erlebten wir nun wieder einmal ganz unterschiedliche ­Stile. Mischa Zverev kam mit Aufschlag-Volley in den Viertelfinal. Istomin spielte unglaublich offensiv, als er Djokovic schlug. Wir hatten mehr direkte Punkte als unerzwungene Fehler. Das ist es doch, was diesen Sport so schön macht! Es ist langweilig, wenn der Ball 35-mal übers Netz fliegt und die Sätze mit vier, fünf direkten Punkten gewonnen werden. Melbourne hat mich ­versöhnt mit den Grand Slams.

Könnten die schnelleren Beläge zu einem Trend werden?

Ich bete, dass die Organisatoren in Wimbledon sagen: «Australien war gar nicht so schlecht, machen wir unseren Rasen doch auch etwas schneller.» Dann müssten nur noch die Gesetzten von 32 auf 16 reduziert werden, und es wäre perfekt.

Was erhoffen Sie sich davon?

Mehr Spannung. In der ersten Woche eines Grand-Slam-Turniers langweilt man sich doch nur. Man muss bis zur dritten oder vierten Runde warten, bis es richtig losgeht. Mit nur 16 ­Gesetzten könnte es auch schon ­attraktive Erstrundenspiele geben. Ich mag diesen Protektionismus nicht. Er zementiert den Status quo und erschwert den Jungen den Weg an die Spitze. Kommt dazu, dass das Spiel wegen der langsamen Bedingungen so physisch geworden ist, dass die Jungen kaum eine Chance ­haben. Erst mit 25 hat man die ­körperlichen Voraussetzungen, um da vorne mitzuhalten.

Stan Wawrinka war der Einzige, der die Dominanz der grossen vier durchbrechen konnte. Kann er sich mit 31 noch weiterentwickeln?

Dass er drei Grand Slams gewonnen hat, ist monströs. Und dreimal schlug er im Final die Nummer 1. Er spielt an den Grand Slams grossartig. Auch ein Halbfinal wie in Melbourne ist ein sehr gutes ­Resultat. Wir Schweizer sind da ­etwas verwöhnt. Fortschritte kann er noch bei den Masters-1000-Turnieren machen. An den Grand Slams kommt ihm das Format entgegen. Stan ist ein Diesel, er muss zuerst ins Turnier finden. Im Vergleich zu einem wie Djokovic ist er zu Beginn verwundbarer. Aber nachher ist er auf gleichem Niveau wie die absoluten Topspieler. In den Masters-1000-Turnieren ist diese Verwundbarkeit ein Problem, weil er da gleich zu Beginn auf ­tückische ­Gegner treffen kann. Da könnte er sich noch steigern. Aber so oder so muss man den Hut vor ihm ­ziehen. Er hat sein Potenzial zu 150 Prozent ausgeschöpft.

Ein Charakterkopf mit starker Meinung. Bild: Fred Merz
Ein Charakterkopf mit starker Meinung. Bild: Fred Merz

Letztes Jahr dachte man, es sei die Ära Djokovic. Dann wurde Murray die Nummer 1. Nun ­siegte Federer wieder. Was erwarten Sie von 2017?

Ich freue mich sehr auf dieses Jahr. Ich glaube nicht, dass Murray eine so dominierende Nummer 1 sein wird wie seine Vorgänger. Bei Djokovic bin ich etwas skeptisch, wenn ich sehe, wie er sich auf dem Platz verhält. Mit Del Potro muss man rechnen, mit Raonic, mit Stan. Dann gibt es noch Thiem, den jungen Zverev und natürlich Federer und Nadal. Das könnte das offensivste Jahr seit langem werden.

An der Siegerehrung sagte Federer, er wisse nicht, ob er 2018 wieder dabei sei. Viele deuteten dies als Rücktritts­ankündigung. Und Sie?

Ich denke, das kam aus den Emotionen heraus. Es war ein spezieller Moment, nachdem er sechs ­Monate verletzt gewesen war. Am nächsten Tag stellte er ja klar, er wolle nächstes Jahr in Australien wieder dabei sein. Und er hatte ja während der Verletzungspause ­gesagt, er wolle noch zwei, drei Jahre spielen. Er ist einer, der langfristig plant. Er hat gerade ein Major gewonnen, liebt das Tennis. Wenn er in guter physischer Verfassung ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass ihn etwas dazu bringt, am ­Jahresende aufzuhören.

Er sagte in Melbourne aber auch, er wisse nicht, wie viel Tennis er noch in sich habe. Wie viel ist es aus Ihrer Sicht?

Das kommt darauf an, wie viel ­Tennis er noch in seinem Kopf hat. ­Jeder tickt anders. Mats Wilander sagte, es sei für ihn an dem Tag fertig gewesen, an dem er die Nummer 1 wurde. Zinédine Zidane sagte beim Rücktritt, er höre nicht auf, weil er den Fussball nicht mehr ­liebe. Aber da sind all die Trainings, die Massagen, die Reisen. Natürlich werde es ihm fehlen, vor 90'000 im Bernabéu aufzulaufen. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Leute sehen nicht, was alles damit verbunden ist.

«Die Pause war der beste Entscheid, den er treffen konnte.»

Glauben Sie, dass die sechs­monatige Pause für Federers Kopf noch wichtiger war als für seinen Körper?

Er war schon immer ein Meister der Planung. Einmal erklärte er, wieso er nicht im gleichen Hotel wohnt wie die anderen Spieler. So schützt er sich davor, dass Routine aufkommt. Das hat nichts mit Snobismus zu tun. Er unternimmt viel, damit ihm die Lust nicht abhanden kommt. So war es auch mit dieser Pause. Er verletzte sich wieder in Wimbledon, dem für ihn wichtigsten Turnier. Was blieb ihm 2016 noch, das ihn reizte? Olympia, New York, Basel und das ATP-Finale. Sollte er wegen vier Turnieren das Risiko auf sich nehmen, dass sich seine Verletzung verschlimmert? Die Pause erlaubte ihm, sich mental und körperlich zu erholen und einen sauberen Aufbau zu machen. Zudem konnte er Sachen tun, für die er sonst nie Zeit gehabt hatte. Es war der beste Entscheid, den er treffen konnte. Das sah man in ­Melbourne. Er war frisch und glücklich, wieder dabei zu sein.

Wie wichtig ist es für ihn, dass er überall, wo er hinkommt, die Liebe der Fans spürt?

Das hilft schon. Aber der Antrieb muss von innen heraus kommen. Man kann nicht sagen: «Super, die Leute lieben mich, ich spiele ­weiter, um ihnen einen Gefallen zu machen.» Wenn man in der ­Kälte joggen geht oder im Training auf dem Tennisplatz schwitzt, sind die 15 000, die einem später zujubeln, nicht da. Es ist hart, und man ­leidet. So lange er aber diese ­Liebe, diese Freude in sich trägt, wird er ­weitermachen.

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