Federers Laver-Cup verdient eine Chance

Wie Roger Federer dem legendären Rod Laver mit dem neuen Tennisfest in Prag ein Denkmal setzen will.

Bitte lächeln: Das Team Europa um Berdych, Cilic, Zverev, Federer, Vize-Captain Thomas Enqvist, Borg, Nadal, Thiem. Foto: Getty

Bitte lächeln: Das Team Europa um Berdych, Cilic, Zverev, Federer, Vize-Captain Thomas Enqvist, Borg, Nadal, Thiem. Foto: Getty

René Stauffer@staffsky

Ein marktschreierischer Moderator, wummernde, ohrenbetäubende Musik, mehrere Hundert Zuschauer und alles vor der historischen Altstadtkulisse von Prag: In diesem Ambiente wurde gestern das neue Gipfeltreffen des Tennis eingeläutet, der Laver-Cup. Als die Teams und Ehrengast Rod Laver dann mit 40 Minuten Verspätung auf die Bühne schritten, war es, als ob Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieser Sportart sich vereinten. Mit Laver, Borg, McEnroe, Federer, Nadal und Cilic standen sechs Spieler auf dem Podest, die total 65 Grand-Slam-Einzeltitel gewonnen haben, neben ihnen Jungstars wie Zverev, Thiem, Kyrgios oder Shapovalov.

Kein Zweifel: Der neue Kontinentalvergleich zwischen Europa und dem Rest der Welt hat einiges an Gewicht. Das beginnt bei Rod Laver, dem Federer mit diesem Anlass ein Denkmal setzen will. Der 79-jährige Australier ist der Einzige, der in zwei verschiedenen Jahren alle vier Grand Slams gewinnen konnte (1962/69); dennoch war er über die Jahre etwas in Vergessenheit geraten. Legendäre Namen sind auch Björn Borg und John McEnroe, die als Captains für je drei Jahre verpflichtet wurden. Und auch die Teams sind hervorragend besetzt, angesichts der vielen Verletzten, zu denen auch noch Del Potro kam.

Kampf um Glaubwürdigkeit

Und obwohl der Anlass einerseits den Davis-Cup konkurrenziert, andererseits aber auch der ATP-Tour Wasser abgräbt, ist er sehr breit abgestützt. Der australische und der amerikanische Tennisverband ziehen mit, und mit dem Brasilien-Schweizer Jorge Paulo Lemann gehört einer der reichsten Männer der Erde zu den Mitinitianten – dank seiner Nähe zu Federer und Tony Godsick, deren Agentur Team-8 den Wettbewerb ausheckte. Hochkarätig sind auch die wichtigsten Sponsoren, wie Rolex oder Mercedes.

Zweifel am sportlichen Gehalt und der Ernsthaftigkeit, mit der sich die Spieler diese Woche einsetzen, sind dennoch verbreitet und auch erlaubt. Dem Laver-Cup fehlen eben – zumindest vorerst – zwei im Sport wichtige Qualitäten: Glaubwürdigkeit und Tradition. Das macht ihn angreifbar. Wie auch die Tatsache, dass viele Spieler stets klagen, sie seien überlastet, müssten zu viel antreten – und nun sind alle doch freudig nach Prag gereist. Da es auch nicht um Weltranglistenpunkte geht, besteht die Gefahr, dass einige Federers Aussage zu wörtlich nehmen könnten, die er bei seiner Ankunft am Montag äusserte: «Eine Tennisparty» wünsche er sich.

Der Weltranglistenzweite wehrt sich aber, wenn der Laver-Cup nur als Schaukampf betrachtet wird. Allein schon wegen Rod Laver würden alle alles geben, glaubt er. Unter «Party» versteht er, dass persönliche Beziehungen gepflegt und aufgebaut werden, sich die Spieler von einer anderen Seite kennen lernen.

Langjährige Rivalen spielen plötzlich Seite an Seite.

Der Wettkampf hat eine Chance verdient, er könnte eine grosse Zukunft haben. Einen Anlass wie ihn gab es im Tennis – im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten – noch nie, weshalb er bereichernd ist: Langjährige Rivalen spielen plötzlich Seite an Seite – allen voran natürlich Federer und Nadal, die auch zumindest einmal gemeinsam Doppel spielen dürften. «Tennis unrivaled» lautet der Turnierslogan. Ein Wortspiel mit zwei Bedeutungen: einzigartiges Tennis, aber auch Tennis ohne Rivalitäten.

Garanten für die Glaubwürdigkeit sollen auch Borg und McEnroe sein, die beide betonen, wie wichtig es ihnen sei, den neuen Silberpokal zu gewinnen. Dabei ist Borgs Team trotz der Verletzungen von Djokovic, Murray und Wawrinka (die möglicherweise auch sonst gefehlt hätten) klar stärker besetzt als jenes von McEnroe, für den mit Raonic und Nishikori die zwei bestklassierten Kandidaten verletzt ausfielen. Für das Ungleichgewicht der Teams können die Veranstalter nichts. Sie haben aber zumindest einen Modus kreiert (siehe rechts), der garantiert, dass die Entscheidung erst am Sonntag fällt, und verhindert, dass die Woche für die Spieler zu streng wird.

Letztlich müsse jeder selber wissen, wo und wie oft er antreten wolle, sagt Federer, der als geistiger Vater am Erfolg des Cups interessiert ist. Da hat er recht. Aber Tennisspieler sind eben auch Unternehmer und gewinnorientiert. Wie viel Geld an sie geht, ist unbekannt; es seien «substanzielle Beträge».

Vieles richtig gemacht

Die Organisatoren haben bisher aber vieles richtig gemacht. Die 16'700 Plätze fassende O2-Arena war innert einer halben Stunde ausverkauft. Nur für einzelne der fünf Sessionen sind noch Tickets erhältlich (zu 190 oder 440 Franken), auch die weltweite Fernsehabdeckung lässt kaum Wünsche offen. Und doch gilt auch für den Laver-Cup, was für jede Party gilt: Wie gut sie war, wird man erst wissen, wenn sie vorbei ist.

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