Der Entertainer und der sanfte Riese

Im Final des US Open kommt es zum Duell zwischen Novak Djokovic und Juan Martin Del Potro.

US-Open-Final: Novak Djokovic (l.) greift in New York nach seinem 14. Major-Titel. Juan Martin Del Potro hat da etwas dagegen.

US-Open-Final: Novak Djokovic (l.) greift in New York nach seinem 14. Major-Titel. Juan Martin Del Potro hat da etwas dagegen. Bild: Getty Images

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Kein Roger Federer und auch kein Rafael Nadal, ­dennoch hat die Finalaffiche in New York ihren Reiz. Juan Martin Del Potro, der im Halbfinal von Nadals Knieproblemen und dessen Aufgabe profitierte, fordert Novak Djokovic, der Kei Nishikori keine Chance liess. Es ist ein ­Duell zweier ehemaliger US-Open-Champions, die verschiedener kaum sein könnten.

Zwischen den Ballwechseln läuft bei Del Potro alles in zeit­lupenähnlichem Tempo ab. Der Hüne geht langsam, den Kopf stets nach vorne gebeugt. Anhand seiner gemächlichen, aber effizienten Bewegungen lässt sich kaum feststellen, ob er den vorangegangenen Punkt gewonnen oder verloren hat. Ganz anders gibt sich Djokovic – er gestikuliert, schimpft, ­jubelt. Sein Gemütszustand ist für jeden ersichtlich.

Das Verhalten der beiden spiegelt deren Charakter, auch abseits des Courts. Der Argentinier wirkt schüchtern, ist immer freundlich, spricht zumindest auf Englisch eher gemächlich, verrät ab und zu seinen Sinn für feinen Humor und vermeidet es anzuecken.

Der Serbe, ein Sprachtalent, sieht sich in der Rolle des Entertainers, manchmal auch in jener des Welterklärers. Er plaudert drauflos, nimmt zu allem Stellung, scheut sich nicht, auch mal eine nicht mehrheitsfähige Meinung zu vertreten, streut gerne einen Scherz ein.

So anders Del Potro und Djokovic sind, sie verstehen sich blendend. «Der Final wird ein schwieriger Match, weil wir enge Freunde sind», sagt Del Potro. Djokovic bezeichnet seinen Gegner als «sanften Riesen», der die richtigen Werte hochhalte. «Ich mag ihn sehr. Er ist ein guter Freund. Er ­behandelt andere so, wie er gern behandelt werden möchte. Deshalb mögen ihn die Leute.»

Neun Jahre wartete Del Potro auf einen Grand-Slam-Final

Die ehemalige Nummer 1 ­erzählt auch, auf der ATP-Tour ­hätten­ ­viele mit Del Potro mitgefühlt, als dieser lange ausgefallen sei. In der Tat hat der 29-Jährige zwischen seinem Überraschungscoup gegen Roger Federer 2009 und der neuerlichen Finalqualifikation viele Tiefschläge einstecken müssen. Er stürzte im Ranking nach einem Eingriff am rechten Handgelenk von Platz 4 auf Position 485 ab, stieg wieder bis zur Nummer 4 auf, musste sich dann aber dreimal am linken Handgelenk operieren lassen und fiel aus den Top 1000.

«2015 war ich nahe daran aufzugeben. Ich habe heftig gelitten, war zwei Monate lang depressiv», erzählt er rückblickend. «Doch nun ist das Vergangenheit», sagt er, gibt aber zu, dass er immer mal wieder Schmerzen verspürt.

Video: Djokovics Matchball im Halbfinal gegen Kei Nishikori

Diese Rückhand bringt Djokovic den Finaleinzug am US Open. Video: SRF

Als Juan Martin Del Potro ganz unten war, bauten ihn seine Freunde wieder auf. Echte Freunde, ­solche, die er seit seiner Kindheit kennt. Und genau diese sind derzeit in New York und unterstützen ihren Kumpel lautstark, oft singend, manchmal auch schreiend. Überhaupt hat der Rechtshänder, mittlerweile als Nummer 3 so gut klassiert wie noch nie, am US Open quasi Heimvorteil – kein Wunder, ist es sein Lieblingsturnier. Das war es schon immer. «Als Bub habe ich im Fernsehen zwei Dinge geschaut: Fussball und das US Open.»

Im Vergleich zu den Schwierigkeiten seines heutigen Widersachers erscheint die überstandene Ellbogenverletzung Novak Djokovics schon fast nebensächlich. Doch der 31-Jährige berichtet, sie habe ihn zwei Jahre lang behindert. Nun ist er wieder schmerzfrei, was sich auf dem Tennisplatz zeigt. Der zweifache Familienvater ­serviert effektiv, bewegt sich in der Defensive geschmeidig und entwickelt in der Offensive auf beiden Seiten viel Druck.

Djokovic ist Favorit – wie Federer 2009

Im Quervergleich wirkt Del Potro ungelenk, obwohl er für einen Mann seiner Grösse (1,98 m) durchaus flink ist. Seine Stärken sind der Aufschlag sowie die Vorhand, mit der er die Bälle extrem beschleunigen kann.

Trotz allem ist Djokovic, US-Open-Gewinner 2011 und 2015, aufgrund seiner Erfahrung, seiner Erfolge und seines stabileren Spiels heute im Arthur-Ashe-Stadion ­Favorit. Doch das war Federer vor neun Jahren auch. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.09.2018, 19:29 Uhr

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