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Bacsinszkys Kampf gegen die Versicherung

Die Waadtländerin hat bei ihrem Comeback nach komplizierter Verletzung nicht nur körperliche Sorgen.

Kämpft sich zurück: Timea Bacsinszky.
Kämpft sich zurück: Timea Bacsinszky.
Keystone

Timea Bacsinszkys Karriere war schon immer ein wilder Ritt, ein stetes Auf und Ab. Der jüngste Rückschlag begann unscheinbar, führte sie aber so tief hinunter, dass sie einige Wochen befürchtete, ihre Zeit im Tennis sei abgelaufen. Es ist eine Geschichte, die zeigt, dass man manchmal Glück braucht und zur richtigen Zeit an die richtigen Menschen geraten muss. Und dass es von Vorteil ist, gelegentlich eine zweite, dritte oder sogar vierte Meinung einzuholen.

In Indian Wells, wo die 28-Jährige ihr zweites Einzel der Saison gegen die Chinesin Qiang Wang (WTA 55) 0:6, 6:4, 2:6 verlor, blickte die Lausannerin nochmals zurück auf ihre sechsmonatige Verletzungspause. Dabei drehte sich alles um den Mittelfinger der rechten Hand, der derart kaputt war, dass sie von einem Arzt gefragt wurde, wie sie damit überhaupt noch spielen konnte.

Zum Pausieren gezwungen hatte die letztjährige Paris-Halbfinalistin ironischerweise aber nicht die Hand, sondern der linke Oberschenkel. In diesem hatte sie in Wimbledon beim 6:3, 4:6, 1:6 gegen Agnieszka Radwanska im zweiten Satz eine schwere Zerrung erlitten. «Ich hatte wegen der Hand so viele Schmerzmittel genommen, dass ich meinen Körper nicht mehr spürte», ist ihr inzwischen klar. Das war das Signal, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. «Ich kann ja nicht die ganze Zeit eine solche Menge Medikamente nehmen, auch wegen der Nebenwirkungen.»

Die erschütternde Diagnose

Ihre Suche nach einer zuverlässigen Diagnose wurde zu einer Irrfahrt, die sie zwei Monate und einige schlaflose Nächte kostete. Der erste Spezialist, in Lausanne, sprach von einer Arthrose höchsten Grades. «Da die anderen Spezialisten, die ich sehen wollte, in den Ferien waren, lebte ich fünf Wochen mit dem Verdikt, dass ich mit dem Tennis würde aufhören müssen. Das war schwierig, sehr schwierig.» Zum Glück sei ihr Verlobter, Andreas, für sie da gewesen, einige Tage verreisten sie auch nach Kanada. Sie habe sich bereits mit dem Gedanken beschäftigt, dass sie später nicht einmal Tennisstunden erteilen oder mit ihrem Kind nur noch mit der linken Hand würde spielen können, sagt Bacsinszky. «Das wäre für mich schlimm gewesen. Wie wenn du von einem Tag auf den anderen das Gehör verlierst.»

Ein zweiter Spezialist, in Bern, kam zu einer anderen Diagnose: «Er sagte: Wir öffnen und reinigen die Stelle. Wann geht es dir?» Ein dritter Experte, in Genf, sprach von kaputten Bändern, Sehnen und Muskeln, wobei er trotz zwei MRI zu keinem klaren Bild kam und vor einer Operation zögerte. Schliesslich erhielt sie einen Termin bei einem Arzt in Mailand, der über eine bessere Infrastruktur verfügte, um die Hand per MRI zu untersuchen. «Es war wie bei einem Container für PET-Flaschen. Ich war auf einem Liegestuhl und musste nur entspannt den Arm hineinstrecken.»

Ärger mit der Versicherung

Die Diagnose, als sie endlich kam, war erschütternd: Ein gerissener Muskel, Bänder, die sich vom Knochen gelöst, zwei Sehnen, die sich zurückgezogen hatten, und dann war da auch noch eine Zyste am Mittelfinger, die wegmusste. «Der Arzt sagte, am 26. September könne er mich operieren. Oder ich könne sechs Monaten warten und schauen, ob die Zyste von alleine verschwinde.» Sie entschied sich zur Operation. Zum Glück: «Von alleine wäre die Zyste nie weggegangen.» Die Folge der Geschichte war, dass Bacsinszky noch Probleme mit ihrer Versicherung bekam. Denn diese weigert sich, ihre Operation zu bezahlen – mit dem Hinweis, man hätte sie auch in der Schweiz vornehmen können. «Dabei hatte ich hier nicht einmal eine klare Diagnose, während ich in Italien einen Termin beim Messi der Handchirurgen erhielt.»

Die Operation, von der nur eine diskrete Narbe zeugt, glückte, «Gott sei Dank». Die Schmerzen, die sie monatelang begleitet hatten, sind weg. «Ich kann den Finger wieder normal bewegen, es fehlt nur noch etwas Elastizität.» Doch Bacsinszky ist sich bewusst: «Nach einer solchen Operation sind alle Matches schwierig.» Das Problem sei, dass der Körper trotz allem Training aus dem Wettkampfrhythmus gekommen sei. Spielt oder trainiert sie zu viel, entzündet sich das Handgelenk, die Schulter oder der Daumen. Wie gross der Schritt vom Training auf die Profitour und damit zur Überbelastung ist, hatte sich schon beim Comebackturnier gezeigt, bei dem sie in St. Petersburg im Einzel zwar sogleich ausschied, dafür das Doppel gewann. Wobei sie sich derart überbeanspruchte, dass sie beim Fed-Cup in Prag nur ein Doppel spielen konnte und den Start in Budapest absagen musste.

Vorteile dank Spezialregel

Diese Situation ist für die frühere Top-Ten-Spielerin und Kämpfernatur hart zu akzeptieren. «Ich weiss, dass ich besser spielen könnte, dass ich alles dazu hätte, dass ich es aber einfach noch nicht umsetzen kann», sagt sie. Im ersten Satz in Indian Wells habe sie sich geschämt, wie schlecht sie gespielt habe. «Die Leute dachten wohl: Was macht denn die überhaupt hier? Und das spürte ich.»

Wenigstens hat Bacsinszky vorerst keinen allzu grossen Zeitdruck. Sie verliert zwar bis nach Wimbledon alle ihre WTA-Punkte und könnte im schlimmsten Fall ins Niemandsland abstürzen. Doch weil sie mehr als ein halbes Jahr pausierte, kann sie in den ersten zwölf Monaten nach dem Comeback an acht Turnieren ein geschütztes Ranking beanspruchen - und zwar jenes bei Beginn der Verletzung (WTA 23). Somit ist jetzt schon klar, dass sie an den nächsten vier Grand-Slam-Turnieren, inklusive Melbourne 2019, im Hauptfeld antreten kann, selbst wenn ihre Klassierung dazu nicht mehr ausreichen sollte.

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