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Als Federer sich schämte und Rosset zitterte

Das Buch «Jubeljahre» lässt die goldene Epoche des Schweizer Tennis Revue passieren. Mit amüsanten Geschichten, überraschenden Bildern und viel Fachwissen.

Impulsiv: Roger Federer lässt als 19-Jähriger in der verlorenen Australian-Open-Partie gegen Sébastien Grosjean seinen Frust am Racket aus. (11. Januar 2001)
Impulsiv: Roger Federer lässt als 19-Jähriger in der verlorenen Australian-Open-Partie gegen Sébastien Grosjean seinen Frust am Racket aus. (11. Januar 2001)
Keystone
Historisch: Federer posiert mit seiner späteren Frau Mirka und dem Wimbledon-Pokal nach dem ersten Grand-Slam-Triumph in Wimbledon. (6. Juli 2003)
Historisch: Federer posiert mit seiner späteren Frau Mirka und dem Wimbledon-Pokal nach dem ersten Grand-Slam-Triumph in Wimbledon. (6. Juli 2003)
Keystone
Weltnummer 1 der Hüftkranken: Heinz Günthardt war der erste Schweizer Tennisprofi und leistete trotz körperlicher Gebrechen Grosses. (29. Juni 1980)
Weltnummer 1 der Hüftkranken: Heinz Günthardt war der erste Schweizer Tennisprofi und leistete trotz körperlicher Gebrechen Grosses. (29. Juni 1980)
Keystone
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Rund 1200 Arbeitsstunden haben die beiden Tennisjournalisten Simon Graf und Marco Keller in ihr Buch «Jubeljahre» investiert. Herausgekommen ist ein reich bebildertes 198-seitiges Werk, das nicht nur die Grand-Slam-Triumphe von Martina Hingis und Roger Federer beleuchtet, sondern auch jene Protagonisten würdigt, welche die goldene Ära des Schweizer Tennis mit ihrer Pionierarbeit erst ermöglichten.

«Wir wollten kein reines Federer-Buch schreiben, obwohl wir natürlich auch wussten, dass es sich dann am besten verkaufen liesse», erklärt Graf, der als Reporter für den «Tages-Anzeiger» diverse Sternstunden in den Tennisstadien rund um den Globus miterlebte. «Auch Federer selbst fand es wichtig, dass die anderen gewürdigt werden, da er weiss, dass sein Erfolg nicht aus dem Nichts entstanden ist. Deshalb hat er sich auch entschieden, erstmals für ein Buch ein grosses Interview zu geben.»

Federer und die Frage nach dem Respekt

In diesem Interview, das sich über zwölf Seiten erstreckt, erzählt Federer unter anderem, welche Rolle seine Frau Mirka auf dem Weg zum Tennisruhm spielte, warum er sich als Junior freute, wenn er aus dem Training geschmissen wurde, und wann er sich für sein Benehmen auf dem Court so richtig schämte. Letzteres sei 2001 in Rom während einer Partie gegen Marat Safin der Fall gewesen. «Nach dem zweiten Satz zeigten sie die Highlights, wie er sich ärgerte, ich mich ärgerte. Er, ich, er, ich, er, ich. Ich sah das auch und war peinlich berührt», so Federer. «Ich dachte: Das muss jetzt wirklich nicht sein. Je grösser die Bühne wurde, desto mehr wurde ich mir bewusst, wie wichtig Respekt und Anstand sind.»

Für «Jubeljahre», das auch in Englisch («Years of Glory») und Französisch («Années de gloire») erhältlich ist, sind bei den Autoren Graf und Keller Bestellungen aus aller Welt eingegangen – aus Japan, Holland, den USA, England und Brasilien zum Beispiel. Natürlich seien diese Leser wohl vor allem Federer-Fans, sagt Graf, er freue sich aber, dass sie durch das Buch auch von der erstaunlichen Karriere des heutigen Fed-Cup-Trainers und SRF-Experten Heinz Günthardt erfahren und vom grossen Engagement von Roger Brennwald, der seinem Land mit den Swiss Indoors in Basel ein grossartiges Turnier geschenkt hat.

Die Weltnummer 1 der Hüftkranken

Günthardts Erfolgsgeschichte hat es Graf besonders angetan. Der Zürcher sei als erster Schweizer Profi der grosse Wegbereiter für die nächsten Generationen gewesen. Er habe bewiesen, dass man von der Schweiz aus den Sprung an die Weltspitze schaffen könne – und dies trotz hartnäckigen Hüftschmerzen. Ein Physiotherapeut habe zum späteren Steffi-Graf-Trainer einmal gesagt: «Du bist die klare Weltnummer 1 der Hüftkranken.» Günthardt selbst, der das Risiko einer Operation stets scheute, berichtet in «Jubeljahre», wie ihn der Defekt um noch grössere Erfolge brachte: «Ich sah den Ball, war aber unfähig zu starten, weil die Beweglichkeit in der Hüfte fehlte.» Er habe sich zwischenzeitlich mit Schmerzmitteln beholfen, bei den Mengen, die er brauchte, habe er aber Magenprobleme bekommen, so Günthardt weiter.

Zu leiden hatte auch Marc Rosset, wie er in «Jubeljahre» freimütig bekennt: «Meine Angst, zu enttäuschen, konnte mich auf dem Court völlig blockieren, mich in Extremsituationen bringen. Manchmal fühlte es sich für mich an, als gehe es um Leben oder Tod.» Rosset schildert darüber hinaus, wie er im Olympiafinal von 1992 in Barcelona gegen den Spanier Jordi Arrese mit 2:0 Sätzen führte, ehe er bei über 40 Grad das Opfer eines Hitzschlags wurde, zu zittern begann, am Ende aber doch noch mit 8:6 im fünften Durchgang die Oberhand behielt.

Hingis und die Drohung mit der Migros-Kasse

Natürlich beschäftigt sich das Buch von Graf und Keller intensiv mit Martina Hingis, dem Wunderkind des Schweizer Tennis, sowie der oft unterschätzten und unverstandenen Patty Schnyder. Das Hingis-Kapitel beginnt mit einem wunderbaren Bild aus dem Fotoarchiv, das die fünffache Major-Siegerin im Alter von zehn Jahren als Gewinnerin des Petits-As-Turniers zeigt. Es streift aber auch die schwierigeren Phasen in der Karriere der Trübbacherin. So etwa einen Disput, den sie als in den Top 20 klassierter Teenager nach einer unerwarteten Niederlage mit ihrer Mutter und Trainerin Melanie Molitor hatte. «Mama sagte mir: ‹Entweder trainierst du richtig, oder du kannst gleich an die Migros-Kasse›», erinnert sich Hingis.

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