«Wenn das Geld stimmt, kommen die Spieler»

Der Vizepräsident des internationalen Tennisverbands glaubt, dass Topspieler nach der Davis-Cup-Reform wieder vermehrt dabei sind.

Schweizer Davis-Cup-Freuden von und mit Stan Wawrinka und Roger Federer: Gibt es sie mit dem neuen Format wieder? Foto: S. Di Nolfi (Keystone)

Schweizer Davis-Cup-Freuden von und mit Stan Wawrinka und Roger Federer: Gibt es sie mit dem neuen Format wieder? Foto: S. Di Nolfi (Keystone)

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René Stammbach, die Reaktionen auf die Davis-Cup-Reform waren heftig. Yannick Noah etwa sagte, die Seele des Wettbewerbs sei verkauft worden. Können Sie das nachvollziehen?
Ich kann die Enttäuschung verstehen. Auch ich hätte den Davis-Cup am liebsten so beibehalten, wie er ist. Aber das ging nicht mehr. Es brauchte Reformen. Sonst wäre er in drei Jahren tot gewesen. Dieses Format liess sich nicht mehr verkaufen. Vor zehn Jahren hatten wir noch acht Sponsoren, jetzt sind es drei. Und die wären abgesprungen, wenn nichts passiert wäre. Diese Signale hatten wir schriftlich.

Die ITF verdient aber immer noch Geld mit dem Davis-Cup.
Zusammen mit dem TV-Partner BeIN Sports bezahlen die Sponsoren rund 25 Millionen Dollar jährlich. Aber wenn sie ausgestiegen wären oder ihre Beträge reduziert hätten, weil wir Faktoren wie Teilnahme von Top-10-Spielern, Zuschauer oder TV-Präsenz nicht erfüllen, hätten wir ein grosses Problem gehabt. Vom Davis-Cup bleiben für die Verbandsrechnung sechs Millionen übrig. Wenn zehn Millionen weggefallen wären, was realistisch war, wären wir bei minus vier gewesen. Zehn Millionen sind etwa der Betrag, den wir als Fördergelder aufwenden, um das Tennis auf der Welt zu entwickeln. Die hätten dann gefehlt.

Was nun grösstenteils wegfällt, sind die Tennisfeste mit Heimrecht. Haben Sie den Fan nicht um die Chance gebracht, Tennis vor seiner Haustür zu sehen?
Dem trugen wir ja Rechnung mit der ersten Runde im Februar, bei der es immer noch Heimrecht gibt. Im Schnitt hat man jedes zweite Jahr ein Davis-Cup-Heimspiel. Und wenn ich die Verkaufszahlen von Schweiz - Schweden (14. bis 16. September) anschaue, muss ich sagen: So gross ist der Run auch nicht überall. Bis jetzt haben wir 300 Tickets verkauft. Jenen Hardcore-Fans, die überallhin reisen, muss ich sagen: Entschuldigung! Aber wir mussten übergeordnete Interessen wahrnehmen. Die Frage war: Wollen wir den Davis-Cup in Raten beerdigen? Oder wollen wir ihn reformieren und seine Zukunft sichern?

Roger Federer hielt sichin der Diskussion sehr zurück. Empfanden Sie das auch so?
Federer ist ja kein betont politischer Mensch. Er konzentriert sich auf seine Karriere, und das ist auch richtig. Im Vorfeld der Abstimmung sagte er, dass es eine Reform geben müsse. Er aber nicht wisse, ob die vorgeschlagene gut sei. Dass Federer nun Bedenken hat, dass mit der Woche des Laver-Cups etwas passieren könnte, kann ich nachvollziehen. Das ist möglich, aber nicht wahrscheinlich. Zu den Spielern sage ich pointiert: Wenn das Geld stimmt, kommen sie. Von zwei, drei Ausnahmen abgesehen. Das lernte ich schon von Philippe Chatrier, dem ITF-Präsidenten, als ich jung war.

In Deutschland wurden schwere Vorwürfe zur Davis-Cup-Abstimmung erhoben. Das «Tennis-Magazin» schrieb von finanziellen Versprechungen und Druck auf solche, die Nein stimmen wollten. Es hätten Zustände geherrscht wie bei der Fifa. Was sagen Sie dazu?
Diese Unterstellungen entbehren jeglicher Grundlage. Und wir haben gar nicht das Geld für angebliche Zustände wie bei der Fifa. Die hat ein Budget von zwei Milliarden, wir von 75 Millionen. Natürlich haben wir vom Vorstand die Verbandsvertreter bearbeitet. Aber ich ging am Vorabend schon um halb zwölf ins Bett. Am Morgen sagte Dirk Hordorff (der deutsche Vizepräsident) zu mir: «Und? Hast du deine Stimmen gezählt?» Ich mutmasste, 16 würden fehlen. Er sagte: «Es sind weit mehr!» Am Schluss waren wir 18 Stimmen drüber.

Wie erklären Sie sich das?
Die Reformgegner schätzten die Befindlichkeiten der kleineren und mittleren Verbände falsch ein. Die hatten die Nase voll davon, dass nur immer die grossen sechs, sieben Nationen Geld verdienen. Sie sagten: Wir können uns den Davis-Cup gar nicht mehr leisten. Wenn Ecuador in die Schweiz fliegen muss, kostet das für die ganze Delegation 100'000 Franken. Im neuen System sind die Reisen für fünf Spieler plus den Captain bezahlt. Und es gibt eine Pauschale fürs Hotel und ein Startgeld. Wir sorgen für einen finanziellen Ausgleich.

Wieso ist die Abstimmung geheim und werden die Voten nicht offen gelegt?
Die Abstimmung erfolgte ja per Knopfdruck, also nicht ganz geheim. Der Nachbar sieht möglicherweise, was man stimmt. Es hätte auch eine Briefabstimmung verlangt werden können. Das wollte aber niemand. Ich wäre sofort für eine öffentliche Abstimmung. Kein Problem. Aber viele Verbände agieren politisch und wollen nicht immer Farbe bekennen.  

Es tobt der Verteilkampf. Laver-Cup, ATP-Finals, Davis-Cup-Finalturnier, im Septemberder geplante Majesty-Cup der Kosmos-Gruppe um Fussballstar Gerard Piqué, die Wiederauflage des World Team Cups in Australien. Alles hat unmöglich Platz. Wäre eine gemeinsame Agenda nicht besser?
Das wollen wir ja. David Haggerty (der ITF-Präsident) und ATP-Präsident Chris Kermode haben am Freitag miteinander telefoniert. Am US Open werden sie sich treffen. Ich glaube, alle Parteien wären schlecht bedient, wenn sie einen Konfrontationskurs fahren würden. Wir müssen zusammenarbeiten. Anfangs waren noch alle überzeugt, dass die Davis-Cup-Reform durchfällt. Nun ist vieles anders. Ich würde mich wundern, wenn die ATP beim World Team Cup keine Ausstiegsklausel hätte.

Wie stiessen Sie eigentlich auf die Kosmos-Gruppe um Piqué?
Die kam auf uns zu. Zuerst war sie bei der ATP abgeblitzt.

Die ATP wollte die Kosmos-Gruppe nicht als Partner für ihre Neuauflage des World Team Cups?
Richtig.

Wieso nicht?
Das weiss ich nicht. Am Anfang standen bei Kosmos ja nur Piqué und Hiroshi Mikitani (der Besitzer von Rakuten) dahinter, der gemäss Forbes 4,6 Milliarden Dollar Vermögen hat. Dann kamen noch CMC Sequoia dazu, einer der grössten Fonds in China. Und Larry Ellison (der Gründer von Oracle). Da gab es keine Zweifel mehr an der Bonität.

Die Preisgelder steigen und steigen. Was heisst das für die fünf Schweizer Turniere?
Ganz einfach: höhere Kosten. Viele kleinere Turniere kämpfen ums Überleben. Das bereitet mir Sorgen. Der Gstaader Turnierdirektor Jeff Collet versucht ja, das Frauen- und das Männerturnier zusammenzulegen. Am US Open wird die ATP darüber befinden. Wenn sie ablehnt, wird Collet die Lizenz fürs Frauenturnier möglicherweise wieder verkaufen. Und wenn fürs Frauenturnier in Lugano Phil de Picciotto (Präsident von Lizenzbesitzer ­Octagon) eine andere Lösung findet, wird er sie wahrnehmen. Auch im zweiten Jahr verlor ­Octagon da viel Geld. Bei den Frauenturnieren bin ich skeptisch.

Und bei den Männerturnieren?
Da sieht es besser aus. Über Basel müssen wir gar nicht reden, das ist eines der besten Turniere der Welt. Gstaad ist auf einem mittleren Niveau konstant und profitabel. Bei Genf kenne ich die Zahlen zu wenig gut. Aber dass der Hauptsponsor (Banque Eric Sturdza) drei Jahre verlängert hat, deutet darauf hin, dass es drei weitere Jahre bestehen wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2018, 23:21 Uhr

Reformer und Mann für die Finanzen des Weltverbands

Der Aargauer Unternehmer René Stammbach (62) ist seit über 35 Jahren im internationalen Tennis tätig. Er war erst 27, als er im Sommer 1983 im Zürcher Albis­güetli den Federation-Cup mit damals noch 40 Nationen veranstaltete. Und ermutigt durch den Erfolg die European Indoors in der Saalsporthalle gründete, das Zürcher Frauenturnier. 2006 wurde er Präsident von Swiss Tennis, 2015 kandidierte er fürs Präsidium des internationalen Verbands (ITF), unterlag aber David Haggerty. «Ich bedauerte es fünf Minuten, dann blickte ich wieder nach vorne», sagt er, der als einer von drei Vizepräsidenten zur rechten Hand des Amerikaners wurde. «Haggerty und ich waren schon lange befreundet, wir gingen auch während des Wahlkampfs anständig miteinander um.»

Als Vorsitzender des Finanz­komitees der ITF ist Stammbach oft in London. Mit dem Ja für die Reform des Davis-Cups, der ab 2019 von vier auf zwei Wochen gekürzt wird, mit einem Finalturnier im November, dürfte Haggerty den Weg für seine Wiederwahl 2019 geebnet haben. Auch Stammbach würde gerne als Vizepräsident vier Jahre weitermachen. Nach dem Davis-Cup wird sich die ITF der Reform des Fed-Cups annehmen. Man plane bei den Frauen ab 2020 ein ähnliches Format wie bei den Männern, sagt Stammbach. (sg.)

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