Walliser Wunderkind trifft Federer

Nico Hischier schaut mal rasch in Flushing Meadows beim Schweizer Tennisstar vorbei. Wie Justin Timberlake und dessen Frau ­Jessica Biel auch.

Scheinwerferlicht, 23 000 Zuschauer und Roger Federer: Nico Hischier suchte sich einen guten Tag aus, um erstmals live Tennis zu schauen. Foto: David Lobel (EQ Images)

Scheinwerferlicht, 23 000 Zuschauer und Roger Federer: Nico Hischier suchte sich einen guten Tag aus, um erstmals live Tennis zu schauen. Foto: David Lobel (EQ Images)

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Als Nico Hischier im Juni der erste Schweizer Nummer-1-Draft der NHL wurde, schickte ihm Roger Federer eine Videobotschaft und gratulierte. Er solle doch einmal bei ihm vorbeischauen, wenn er in New York sei, schlug er vor. «Er sagte, er würde sich freuen, mich kennen zu lernen», erzählt Hischier, nachdem er an diesem Samstagnachmittag in Flushing Meadows angekommen ist. Schmunzelnd fügt er an: «Ich glaube, meine Freude wäre noch grösser.»

Der 18-Jährige ist gerade aus Washington gekommen, hat zwei lehrreiche Tage hinter sich. Die NHL führte da Kurse durch für Liganeulinge, in denen verschiedene Aspekte des Lebens ­behandelt werden. Finanzplanung beispielsweise oder Medientraining. Jeder Club kann ­einige Spieler hinschicken. ­Hischier war mit Blake Speers da, einem anderen ­Talent der Devils.

Hischiers erstes Interview als Nummer 1. Video: Twitter/@Sportsnet

Als Musterbeispiel, wie man mit den ­Medien umgeht, wurde Federer aufgeführt. «Er ist genau so, wie er sein muss», schwärmt Hischier. «Mir imponiert seine Coolness. Wie er auftritt, überall sympathisch rüberkommt. Da kann ich mir viel bei ihm abschauen. Er ist nicht nur als Sportler, sondern auch als Mensch ein grosses Vorbild.»

Federer ist mit 36 im goldenen Herbst seiner Karriere, Hischier gerade mal halb so alt und am Anfang seiner Profilaufbahn. Doch die Nummer 1 hat dem talentierten Hockeyaner viele Türen geöffnet. Auch eine am US Open, wo er am Samstag Gast des US-Tennisverbands ist. Wie Justin Timberlake und dessen Frau ­Jessica Biel. Ein halbes Dutzend Yankees-Spieler hätte sich auch gerne das ­Federer-Spiel angeschaut. Nur einer wurde eingeladen, die anderen höflich angewiesen, Tickets zu kaufen.

Die Nummer 1 als Türöffner

Hinter Hischier liegen turbulente ­Monate. Kaum gedraftet, sass er schon im Flugzeug von Chicago nach New Jersey. Ein Termin jagte danach den anderen. Plötzlich konnte er nicht mehr über seine Zeit bestimmen, wurde er überall präsentiert. Am Spiel der Yankees oder der Red Bulls, am Times Square für ein Fotoshooting. «Jene Tage waren wie im Traum», blickt er zurück. «Ich versuchte noch, zu begreifen, was passiert war. ­Logisch war viel los. Ich probierte, es zu schätzen und zu geniessen. Nicht jeder kann das erleben.» Er nahm gegen aussen hin alles recht gelassen. «So bin ich einfach», sagt er schulterzuckend.

Im Sommer pendelte er dreimal ­zwischen Naters und New York, nun bleibt er hier. Bei all diesen Terminen war es für ihn nicht einfach, ein geordnetes Sommertraining zu absolvieren. «Ab und zu musste ich im Hotel allein in den Kraftraum. Da war Selbstdisziplin gefragt.» Vier Kilo an Muskeln wollte er zulegen, das hat er nicht ganz geschafft. Aber er habe schon ein bisschen zugelegt, sagt er. Auch dank der Hilfe des SCB-Konditionstrainers Roland Fuchs sei er trotzdem noch zu einem guten Sommertraining gekommen. Und bald geht es nun los. Am Donnerstag beginnt das Camp für die Neulinge, dann folgt ­jenes für die erste Mannschaft.

Bilder: Das Wunderkind aus dem Wallis

Dass sich Nummer-1-Center Travis ­Zajac verletzte und sechs Monate ausfällt, verbessert die Aussichten ­Hischiers. Er sagt: «Wenn sich einer verletzt, ist das eine Chance für andere. Ich werde mein Bestes tun, sie zu ergreifen.» Aber er ­betont, er blicke nicht weit ­voraus. «Mein Ziel ist es, es ins Team zu schaffen für den Saisonstart. Dann schaue ich weiter.» Würde ihm das nicht gelingen, würde er mit den Devils-Verantwortlichen besprechen, ob er nochmals bei den Junioren spiele oder beim SC Bern. Doch man spürt aus seinen Worten: ­Hischier sieht sich in der NHL. Sein ­Saisondebüt könnte er am 7. Oktober zu Hause gegen Colorado geben.

Bald auf Wohnungssuche?

Momentan wohnt er noch im Hotel. Sollte er sich einen Platz im Team erkämpfen, würde sich das ändern. Dann könnte er entscheiden, ob er allein in einer Wohnung leben möchte oder ­allenfalls bei einem älteren Spieler, der schon eine Familie hat. Oder mit einem jüngeren Teamkollegen. Aufregende ­Zeiten für den Teenager.

Doch an diesem Samstag in Flushing Meadows dreht sich für ihn zur Abwechslung alles ums Tennis. Er sieht, wie sich Nadal durchkämpft und Federer im Scheinwerferlicht gross aufspielt. Und danach kommt es in den Kabinengängen sogar noch zum Treffen mit dem Maestro, der nach ­seiner exzellenten Vorstellung blendend gelaunt ist.

«Nico freute sich riesig, erstmals live einen Tennismatch zu erleben», berichtet Federer. «Wie beim Eishockey ist es schon noch etwas anderes, als wenn man am Fernseher schaut. Und das ist ja unser grösstes Stadion im Tennis.»

Bereit für das grosse NHL-Abenteuer

Als Federer zwei Tage zuvor auf ­Englisch zu Hischier befragt worden war, sagte er, er könne sich jederzeit an ihn wenden, wenn er Hilfe brauche. Auch er war, wie nun der Walliser, in seinem Sport der weltbeste Junior. Und was würde er ihm raten? «Wichtig ist, dass man sich mit den richtigen Leuten umgibt. Ich hatte das Gefühl, das war in meinen Anfangsjahren zentral. Oft erkennt man erst nachher, ob die Leute wirklich das Beste für einen wollen oder nur von einem profitieren.»

Bilder: Drei Sätze genügen Federer

Wie gut Hischier sei, welche Einstellung er habe, könne er nicht beurteilen, sagt Federer. Er kenne ihn zu wenig gut. «Aber wenn man sieht, dass er schon so gut geworden ist, und wie austrainiert er ist, da ist schon viel Arbeit geleistet worden. Da muss er weiterfahren. Er darf bei allem aber die Freude nicht vergessen. Es soll für ihn ein Traum bleiben, kein Müssen werden. Ich hoffe, er sieht es ­immer als Spiel, nicht als Arbeit.»

Es ist nach Mitternacht, als Nico ­Hischier mit vielen Eindrücken Flushing Meadows verlässt. Bald stürzt er sich in sein NHL-Abenteuer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2017, 22:10 Uhr

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