Murray und der kühle Magier

Coach Ivan Lendl gilt als Hauptgrund, weshalb sich Andy Murray zum Grand-Slam-Sieger entwickelte. Heute (ab 9.30 Uhr live auf DerBund.ch/Newsnet) startet der Schotte am Australian Open den nächsten Angriff auf Roger Federer.

Der Mann, der Andy Murray den Glauben an sich schenkte: Ivan Lendl beim Training mit seinem Schützling in Melbourne.

Der Mann, der Andy Murray den Glauben an sich schenkte: Ivan Lendl beim Training mit seinem Schützling in Melbourne.

(Bild: Keystone)

René Stauffer@staffsky

Als Ivan Lendl im März 2011 in Zürich ein Legenden-Turnier bestritt, war er sicher, dass Roger Federer kein Grand-Slam-Turnier mehr gewinnen würde. Dies verkündete er deutlich am Gala-Abend im Dolder Grand und in etwas gemässigter Form in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Federer sei etwas langsamer geworden, und das reiche nicht mehr gegen Rafael Nadal und Novak Djokovic, begründete er, «und Andy Murray braucht nur noch seine Blockade an grossen Turnieren zu lösen».

Zehn Monate später, im Januar 2012, wurde Lendl selber Coach des Schotten. Der 52-Jährige musste in dieser Rolle miterleben, wie Federer seinen Schützling im Wimbledon-Final bezwang und seine Theorie widerlegte. Am US Open konnte Murray seine Grand-Slam-Blockade dann aber lösen. Er wurde zum ersten Majorturniersieger Grossbritanniens seit 76 Jahren. Mit ihm erlebte auch Lendl im Königreich einen Popularitätsschub – er gilt nun als kühler Magier, der durch nichts zu erschüttern ist. «Früher waren McEnroe, Becker und Edberg dort populärer als ich, weil sie Wimbledon gewannen und ich nicht», sagte Lendl in Melbourne. «Aber auch im guten alten England haben sich die Dinge geändert.»

Die Parallelen zwischen ihm und Murray sind verblüffend. Der in die USA ausgewanderte Tscheche verlor wie Murray seine ersten vier Grand-Slam-Finals, ehe ihm 1984 in Paris der Durchbruch gelang. Er sollte noch sieben weitere Trophäen holen, doch auf die zweite musste er wieder warten: Fünf Chancen liess er aus, bis es 1985 am US Open klappte. Lendl weiss, dass es noch niemandem gelang, dem ersten Grand-Slam-Titel gleich den zweiten folgen zu lassen. Aber er hat seine eigene Art, mit solchen Dingen umzugehen. Zu Murray sagte er mit der für ihn typischen Ironie: «Es hat auch noch niemand das Australian Open dreimal hintereinander gewonnen. Also haben du und Djokovic hier gar keine Chance.»

Kapitaler Start

Der 25-Jährige ist nach dem ersten Jahr mit Lendl überzeugt: «Es war eine meiner besten Entscheidungen, ihn zu verpflichten. Er hat Situationen erlebt und Erfahrungen gemacht wie nur wenige.» Der Neo-Amerikaner gilt als Mann, der das Fitnesstraining im Tennis auf eine neue Ebene führte. Auch Murray hat seine physische Vorbereitung zuletzt im Trainingslager in Miami noch einmal intensiviert. Er eröffnete die Saison in Brisbane mit seinem 25. Turniersieg, in Melbourne ist er noch ohne Satzverlust (auch wenn er nicht restlos überzeugte). Viele, auch Andre Agassi, trauen ihm zu, diese Saison die Nummer 1 zu werden.

Federer spielte schon fünfmal gegen ihn, seit er von Lendl betreut wird. Der grösste Unterschied sei, dass Murray nach dem verlorenen Wimbledon-Final begonnen habe, viel aggressiver zu retournieren. «Das verändert das ganze Spiel. Auch als Aufschläger bekommst du kaum einen Rhythmus.» Im Olympiafinal wurde er vom Schotten überfahren (6:2, 6:1, 6:4). Vor allem der Start werde wichtig sein, glaubt er. «Als ich am Saisonfinale in London Satz 1 gewonnen hatte, liess seine Aggressivität etwas nach.»Lendls Einfluss auf Murray sei nicht nur taktischer Natur, ist Federer überzeugt: «Eine wichtige Rolle des Coachs ist es, dass er dir gut zuredet, Selbstvertrauen vermittelt und sagt, was gut läuft und was nicht.» Auch darin gilt der Vater von vier Töchtern als Meister. Gegenüber den Medien hält er sich in Melbourne bedeckt und vertreibt sich die freie Zeit auf dem Golfplatz. Unter anderem mit Tony Roche, der ihn einst selber betreute und der später mit Federer arbeitete.

Bereit zur Attacke

Murray hat gegen den Schweizer zwar mehr Partien (10:9), aber weniger Sätze (23:26) gewonnen und alle drei Grand-Slam-Duelle verloren – alle in Endspielen. Dennoch scheint es ihm an Selbstvertrauen nicht zu mangeln. «Es ist mein Ziel, die Nummer 1 zu werden», demonstrierte er in Melbourne seine gestiegenen Ansprüche. Er werde versuchen, den Halbfinal ruhiger anzugehen als die bisherigen Grand-Slam-Duelle. «Wenn ich nur zwei, drei Prozent besser bin, kann das viel ausmachen.» Nach dem Vorstoss in den Halbfinal trug er ein T-Shirt mit der Aufschrift: «Prepare Attack», bereite dich auf den Angriff vor. Es war klar, wem die Botschaft galt.

Tages-Anzeiger

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