Das nächste Feuerwerk

Wawrinka spielt gegen Nishikori begeisternd – auch morgen im 3. Duell am Australian Open gegen Djokovic?

Seit elf Partien war er in Melbourne nicht mehr zu schlagen: Stan Wawrinka.

Seit elf Partien war er in Melbourne nicht mehr zu schlagen: Stan Wawrinka.

(Bild: Keystone)

René Stauffer@staffsky

Als Stan Wawrinka nach getaner Arbeit in die Garderobe zurückkehrt, trifft er vor der Türe einen kleinen Jungen an, den Sohn Thomas Johanssons, eines anderen früheren Australien-Champions. Er geht ohne Eile in die Knie, fragt ihn: «Und, hast du den Match gesehen? War meine Backhand gut oder schlecht?» Das war natürlich eine leichte Frage: Sie war nicht nur gut, sondern aus­gezeichnet. Wie der Rest seines Spiels.

Und deshalb kam Wawrinka gegen Kei Nishikori zu einem seiner beeindruckendsten Siege, steht zum dritten Mal in den ­Halbfinals eines Grand-Slam-Turniers. Dort trifft er morgen (9.30 Uhr MEZ) ­einmal mehr auf Novak Djokovic, die Nummer 1. Wie vor einem Jahr in Melbourne im Viertelfinal, wie vor zwei Jahren im Achtelfinal, als es zu packenden Fünfsätzern gekommen war, genau wie dazwischen auch im Halb­final am US Open. Entsprechend gross ist in Melbourne die Hoffnung auf ein ­erneutes Tennisfeuerwerk.

«Natürlich kann man immer etwas noch besser machen. Aber diese Partie war sehr komplett, fast ideal. Gegen ­Nishikori im Viertelfinal in drei Sätzen zu gewinnen und dabei so gut zu spielen – ich hätte mir nichts Besseres erträumen können», resümierte Wawrinka. Nur ­etwas sei nicht optimal gewesen: «Ich hätte das Tiebreak schneller gewinnen und mir den Schrecken ersparen können.» Beim 6:3, 6:4, 7:6 (8:6) hatte er in der Kurzentscheidung 6:1 geführt, aber die ersten fünf Matchbälle vergeben. Doch er behielt die Nerven, holte sich einen sechsten und beendete die Partie nach 2:04 Stunden mit dem 20. Ass.

Am US Open 2014 war Wawrinka im Viertelfinal Nishikori in fünf Sätzen ­unterlegen. Nun zeigte er, dass er mit Coach Magnus Norman die richtigen Lehren ziehen konnte. «Wichtig war, dass ich meine Linie durchzog bis ­zuletzt», sagte er. Seine Linie? Das Spiel an sich reissen, immer noch härter schlagen, noch flacher, noch näher mit den Bällen an die Linien gehen. «Ich ­fokussierte nur auf das, was ich zu tun hatte, und das zahlte sich aus.»

Mehr Selbstvertrauen denn je

Norman mochte sich kaum an eine ähnlich gute Partie Wawrinkas erinnern. «Das war beinahe klinisch perfekt», sagte der nicht zu Übertreibungen ­neigende Schwede. Einzig gegen Andy Murray 2013 in New York sei er taktisch ähnlich gut gewesen, «eine andere vergleichbare Partie fällt mir nicht ein». Er habe ihm gesagt, dass er mental und körperlich stärker sei als am US Open. «Es ging darum, dass er das glaubte, den Sieg suchte und aggressiv blieb.»

Bei Wawrinka kommt, abgesehen von kleineren Problemen am Ellbogen, die er als unwichtig bezeichnet, momentan alles Positive zusammen: Die Form stimmt, er ist fit, und das Wichtigste: Sein Selbstvertrauen ist wohl gross wie noch nie. In Melbourne ist er seit elf Partien unbesiegt, und seine letzte Niederlage kam im November an den World Tour Finals nach vier Matchbällen gegen Roger Federer zustande. Seither gewann er in Lille, Chennai und Australien zehn ­Partien. Ein weiteres Indiz für sein Selbstvertrauen: Er hat 2015 alle sechs Tiebreaks gewonnen, ­eines nach 2:6-Rückstand.

Er habe vor allem mehr Vertrauen in sein Offensivspiel, sei aber auch stärker als letztes Jahr, bestätigte Wawrinka. Zudem sehe er klarer denn je, was er zu tun habe: «Das Spiel kreieren und den Punkt suchen, nicht auf Fehler warten.» Das dafür nötige Selbstvertrauen habe er auch – aber nicht nur wegen des ­Davis-Cup-Titels. «Ich glaube nicht, dass der Davis-Cup mir hilft, besser zu spielen. Aber wenn wir verloren hätten, wäre es hier viel schwieriger geworden.»

Top-10-Platz verteidigt

Nishikoris Enttäuschung war riesig. «Im dritten Satz fühlte ich mich wohler, aber ich konnte ihn einfach nicht stoppen», so der Weltranglistenfünfte. Er wird den Westschweizer im Ranking aber dennoch überholen (genau wie Berdych, Murray und Raonic), falls dieser das Turnier nicht gewinnt; seinen Platz in den Top 10 hat Wawrinka aber nun zumindest verteidigt. Der Coach des Japaners, der frühere ­Paris-Sieger Michael Chang, anerkannte: «Wawrinka spielte und servierte ausgezeichnet. ­Nishikori war nicht schlecht, aber wenn Stan so weiterspielt, kann er erneut ­gewinnen.»

Norman sieht den Lausanner aber ­immer noch in einer Aussenseiterrolle: «Das Turnier ist ausgeglichener als letztes Jahr. Auch Berdych und ­Murray sind hervorragend in Form, und Djokovic stufe ich immer noch ein ­bisschen stärker ein als den Rest.»

Lausanner Töne in Melbourne

Er werde den Sieg gegen Kei Nishikori einen Abend lang geniessen, ehe er sich auf den Halbfinal einstelle, sagte Stan Wawrinka. Dabei bot sich ihm eine spezielle Art an, wie er das tun konnte: Denn inzwischen war auch Bastian Baker in Melbourne eingetroffen, ein Freund und erfolgreicher Musiker aus Lausanne, und der hatte spontan ein Konzert in einer Musikbar organisiert. Er sei nur wegen des Turniers erstmals nach Australien geflogen, sagte der 24-jährige Sänger, der früher auch sehr gut Tennis und Eishockey gespielt hatte und im Players-Restaurant zusammen mit Wawrinkas Eltern auf den Sieg anstiess. Zu diesem Zeitpunkt wusste Baker noch nicht, dass der Halbfinalist überlegte, seinen Auftritt im Lokal My Handlebar persönlich zu verfolgen. Wawrinka bewarb dessen Auftritt auch über Twitter, was noch den einen oder anderen Zuschauer angezogen haben dürfte.

Er sei extra wegen Wawrinka von Thailand, wo er Termine hatte, nach Melbourne geflogen, erzählte Baker. «Ich wollte schon letztes Jahr kommen, aber ich fand niemanden, der mich begleitete.» Er ist ein grosser Tennisfan, und schon für den Davis-Cup-Final in Lille hatte er einen langen Flug (aus ­Japan) und eine kurze Nacht in Lausanne in Kauf genommen. «Ich kam noch rechtzeitig, um Federers entscheidenden Sieg zu erleben. Es war grossartig.»

Wawrinkas Eltern waren im Gegensatz zum Gitarristen schon vor zwölf ­Monaten erstmals nach Australien gekommen. Dass sie dieses Jahr erneut da seien, hinge damit zusammen, dass ihre jüngste Tochter, Naëlla, gerade ein viermonatiges Praktikum hier mache, erzählte Vater Wolfram. Er ist als Tenniszuschauer inzwischen abgehärtet. Das Tiebreak mit den vergebenen Match­bällen habe ihn nicht sonderlich beunruhigt, sagte er. «Ich denke immer positiv. Ich kenne Stan und weiss, dass er so kämpferisch ist, dass er aus jeder Lage zurückkommen kann.» Schon 2014 hatte er vor dem Final an den Titelgewinn seines Sohnes geglaubt. Warum sollte sich das nicht wiederholen? (rst)

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